13. März 2017, 12:00 Uhr

Hypothetisch

Was wäre, wenn . . . ? – ein Oberliga-Szenario

Eishockey-Oberliga. Das ist in Bad Nauheim Vergangenheit. Und das soll auch so bleiben. Doch: Was wäre eigentlich, wenn . . .? Wenn die Roten Teufel die DEL 2 nach vier Spielzeiten wieder verlassen müssten?
13. März 2017, 12:00 Uhr
Ein möglicher Abstieg des EC Bad Nauheim in die Eishockey-Oberliga würde auch die Planungen um die Zukunft des Colonel-Knight-Stadion beeinflussen. (Foto: Chuc)

EC Bad Nauheim


Heilbronn gilt inzwischen als »unabsteigbar«. Im Vorjahr profitierten die Falken als sportlicher Absteiger vom Quereinstieg der Fishtown Pinguins in die DEL und konnten nachrücken. Schon in der Saison 2014/15 hatte Heilbronn das Klassenziel verpasst und blieb nur aufgrund des Rückzugs des EV Landshut in der Liga. Und 2013/14 wurde im klassischen Sinne erst gar kein Absteiger ausgespielt. Die DEL 2 erhöhte die Teilnehmerzahl von zwölf auf 14 Klubs, um die attraktiven Ex-DEL-Standorte Frankfurt und Kassel auf schnellstem Weg eingliedern zu können. In dieser Saison allerdings - und das ist wahrscheinlicher als in den Jahren zuvor - dürfte sich dem Absteiger keine Hintertür öffnen. Ein halbes Dutzend Klubs aus der Oberliga hat signalisiert, im Falle einer sportlichen Qualifikation, auch aufsteigen zu wollen; und darunter finden sich sämtliche Titelkandidaten. Für Bad Nauheim hätte ein Abstieg weitreichende Folgen.

Der Sport: Die Oberliga-Kapitel 2007 bis 2013 sind gewiss reich an Anekdoten von Hauptrunden-Schützenfesten und unerfüllten Playoff-Erwartungen. Die Gipfeltreffen mit Dortmund und Duisburg bleiben als Winter-Highlights in Erinnerung, ebenso der mehr gesellige denn sportlich-fordernde Samstagabend-Ausflug nach Netphen in das Siegerland (18:0-Sieg) oder die Pflichterfüllung gegen Klubs wie Ratingen oder Hamm. Unvergessen ist aber auch der steinige Weg zurück in die Zweitklassigkeit. Gegen Rosenheim war eine 3:2-Führung in der Viertelfinal-Serie verspielt worden, ein Jahr später platzte in Garmisch der Traum und 2012 folgte das überraschende Aus gegen eine verschworene Einheit junger deutscher Spieler aus Bad Tölz. Erst 2013, ausgerechnet mit Frankfurt und Kassel in unmittelbarer Konkurrenz, führte Frank Carnevale den EC Bad Nauheim zurück in den Profi-Sport.

Aktuell bilden 16 Klubs die Oberliga Nord, das sportliche Auffangbecken. Alte Bekannte wie Herne, Essen, Duisburg und Braunlage sind dabei, Farbtupfer wie Tilburg aus den Niederlanden, graue Mäuse wie Erfurt, Rostock oder FASS Berlin, aber auch ehemalige DEL-Standorte wie Hamburg oder Hannover mit Potenzial und Motivation, gegen Süd-Topklubs wie Bad Tölz, Regensburg und Selb um den Aufstieg mitzuspielen. Ein sofortiger Wiederaufstieg ist unter diesen Voraussetzungen nicht planbar.

Die Werbepartner: Die Liste der werbenden Partner umfasst aktuell fast 150 Namen; fast alle haben sie einen regionalen Bezug und eine entsprechende Verbundenheit zum Eishockey und würden - gewiss mit spürbar schmaleren Beträgen - die Roten Teufel auch weiterhin begleiten. Viele Unternehmen unterstützen den EC Bad Nauheim schon seit vielen Jahren, darunter die Hauptsponsoren, deren Entscheidungsträger und Mitarbeiter sich zum Teil als Gesellschafter und Beiratsmitglieder engagieren und die perspektivischen Entscheidungen fällen. Auf 900 000 Euro konnten die Einnahmen aus dem Bereich Sponsoring gesteigert werden; ein Quantensprung gegenüber der Oberliga. »Für uns als regionales Unternehmen ist die Ligenzugehörigkeit zunächst einmal zweitrangig«, sagt Jürgen Gottschalk, Geschäftsführer der MTS Automobile GmbH, die die Roten Teufel aus der Regionalliga zurück in die DEL2 begleitet hat.

»Die DEL 2 ist natürlich prestigeträchtig, und ich bin auch sehr zuversichtlich in Sachen Klassenerhalt. Aber wir würden auch in der Oberliga dabei bleiben.« Dass die GmbH drittklassig mit deutlich weniger Sponsoren-Einnahmen in Konkurrenz zu aufstrebenden Standorten treten müsste, ist zweifellos.

Die Stadt: Eishockey lockt Menschen nach Bad Nauheim; wenn auch nicht mehr mit dem Konsumverhalten früherer Jahre. Profisport erlaubt und verzeiht längst schon mehr keine freitagabendlichen Siegesfeiern mit den Fans auf dem Marktplatz. »Einige Fans kommen nach den Spielen, aber grundsätzlich haben sich die Zeiten geändert«, sagt Tobi Mohr, Betreiber des P13 in Bad Nauheim, wo einst die Spieler zusammenkamen. Ein Abstieg in die Oberliga würde sich aber auch in seiner Kasse bemerkbar machen. Denn: Im P13 flimmern die Live-Übertragungen der Auswärtsspiele über die Bildschirme. »Das hat sich inzwischen bereits etabliert. Da kommt mittlerweile ein Stammpublikum. Wenn das wegfällt, würde man schon merken«, sagt Mohr. Während in der DEL2 sämtliche Standorte Internet-Live-Übertragungen anbieten, stecken derlei Aktivitäten in der Oberliga in den Kinderschuhen.

»Der EC ist als Identifikationsfaktor sehr wichtig für unsere Stadt. Von daher wäre ein Abstieg ein schwerer Schlag, zumal es großen Aufwand bedarf, um überhaupt in die DEL 2 zu kommen«, sagt Armin Häuser, der Bürgermeister. »Eine DEL 2-Teilnahme in Bad Nauheim ist keine Selbstverständlichkeit, sondern musste hart erarbeitet werden. Ich bin zuversichtlich, dass sich der EC durchsetzen wird.«


Eine Idee in der Schublade?

Das Stadion: Die perspektivisch sicher größte Baustelle. Sanierung, Neubau oder gar Schließung. Über das Colonel-Knight-Stadion (nach Garmisch das zweitälteste der Liga) und dessen Zukunft wird seit mehr als einem Jahrzehnt diskutiert. Jetzt, im Bürgermeister-Wahlkampf, hat das Thema eine neue Dynamik erhalten - eine gute, ja vielleicht auf lange Sicht einmalige Chance, ein langfristiges Konzept aufzustellen. Ein Abstieg würde jegliche Bemühungen der GmbH, die mittlerweile fast eine halbe Million an eigenen Mitteln in den Bau von 1946 investiert hat, torpedieren und Ideen in der Schublade verschwinden lassen. »Die Zukunftsfähigkeit dieses Projekts hängt am Klassenerhalt«, weiß Oliver Wohlers.

Er kennt als Geschäftsführer der international aktiven Sportmarketing-Agentur W-com aus Bad Nauheim die Situation am Markt und ist überzeugt: »Nur mit guten Grundlagen wie beispielsweise einer modernen Halle können neue Erlösquellen wie neue Zuschauer, neue Sponsoren und neue Hospitality-Bereiche generiert werden.«

Die GmbH/der Nachwuchs: Andreas Ortwein, der Geschäftsführer, sieht in einem Abstieg die »Stunde Null - sportlich, inhaltlich und wirtschaftlich.« Die Planungen sind einzig auf die DEL2 ausgerichtet. Das betrifft die Kaderplanung, die Kooperation mit DEL-Klub Düsseldorf, die geplante Zusammenarbeit mit einem Oberligisten, wie auch die Infrastruktur. Die bereits für 17/18 geschlossenen Verträge mit dem spielenden Personal sind an die DEL 2 gekoppelt. Statt vier dürfen dann nur noch zwei Kontingentspieler auf dem Eis stehen. Spieler aus dem eigenen Nachwuchs, Florian Flemming, Travis Pruden oder Janik Langer beispielsweise, wiederum hätten eher die Chance, sich im Heimatverein im Seniorenbereich zu etablieren. Der Jugendverein selbst wieder müsste in der Oberliga mit geringeren Kooperationszahlungen der GmbH rechnen. »Das würde uns schon weh tun«, sagt Martin Schröer, der Herr der Zahlen im RT-Vorstand, der darüberhinaus keine unmittelbaren Konsequenzen für den Nachwuchs befürchtet.

Der Zuschauerschnitt der Roten Teufel in der Oberliga-Hauptrunde war zuletzt durch die auf und abseits des Eis unterhaltsamen und emotionalen Derbys mit Frankfurt und Kassel auf knapp 1700 Fans gepuscht worden war; ein Schnitt, der nicht zu halten wäre und auf 1200 bis 1300 Zuschauern abfallen dürfte. Und entsprechend würden auch die Erlöse im Bereich Catering fehlen. Da die Roten Teufel ihren Fans einzig den direkten Wiederaufstieg als klares Ziel vermitteln könnten und entsprechend auch im Bereich der Geschäftsstelle/Verwaltung aufgestellt sein müssten, sind hier eher keine Einschnitte zu erwarten.

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