09. Dezember 2015, 12:00 Uhr

Nowitzki-Förderer aus Bad Nauheim: Holger Geschwindner wird 70

Ohne Holger Geschwindner hätte es den Welt-Star Dirk Nowitzki vielleicht nie gegeben. Der frühere Nationalspieler hat den Superstar entdeckt, gefördert und in die NBA gebracht. Am Mittwoch wird der kauzige Mentor mit Wurzeln in der Wetterau 70 Jahre alt.
09. Dezember 2015, 12:00 Uhr
(Foto: dpa/Archiv)

Holger Geschwindner ist mal wieder unterwegs. »Hier bei der Arbeit«, meldet er sich aus dem Auto, genau wie immer. Stress wegen Vorbereitungen auf seinen 70. Geburtstag hat der Entdecker von Dirk Nowitzki aber nicht, erst einmal ist keine Feier geplant: »Es ist ja mitten in der Saison, es geht alles durcheinander. Wir machen gar nix.«

Geschwindner hat Wichtigeres zu tun. Sein Leben kreist noch immer um den Basketball, auch wenn Nowitzki ihn im Moment nicht braucht. Es läuft beim Superstar der Dallas Mavericks in der NBA, erst zu Weihnachten geht es gemeinsam mit der Familie des Würzburgers wieder nach Texas.

Regelmäßig sitzt Geschwindner nicht im Flieger. Nowitzki meldet sich, wenn er seinen Privattrainer braucht. »Inzwischen ist der Meister 37. Der weiß selber, wann er glaubt, dass ich ihm helfen kann«, sagt der kauzige Mentor. Im Januar geht es noch einmal rüber, und natürlich bevor die Playoffs anstehen.

Geschwindner, Mittelhessen und die Wetterau
Erst in diesem Jahr hatte der ab heute 70-Jährige den Weg wieder nach Gießen gefunden. Holger Geschwindner gehörte jener Mannschaft des MTV 1846 Gießen an, die vor 50 Jahren die erste deutsche Basketball-Meisterschaft nach Mittelhessen holte. Geschwindner, damals am 24. Mai 1965 noch ein 19 Jahre junger Junioren-Nationalspieler, lieferte nicht nur wegen seiner 16 Punkte eine überragende Partie beim 69:68 der Gießener in Heidelberg gegen den VfL Osnabrück ab. Klaus Jungnickel gehörte genauso dieser Mannschaft an wie Ernie Butler, dem zwei Sekunden vor Spielende der siegbringende Korb gelang. Der am 9. Dezember 1945 in Bad Nauheim geborene Geschwindner verbrachte seine Jugend in Laubach und kam dort erstmals mit dem Basketball in Berührung. Von 1964 bis 1969 spielte er für den MTV 1846 Gießen. Später folgten Stationen in München, Bamberg, Göttingen und Köln sowie Einsätze in der Nationalmannschaft.    (htr)


Seit fast 20 Jahren sind Geschwindner und Nowitzki ein Team. Der frühere Nationalspieler, Kapitän der Olympia-Auswahl 1972  in München, hat den ersten deutschen NBA-Champion groß rausgebracht. Es ging los, als er den damals 19-Jährigen zum »Nike Hoop Summit« in die USA entführte, während dessen Heimatverein DJK Würzburg zu Hause um den Aufstieg in die Bundesliga kämpfte. Nowitzki legte bei der Talentshow in San Antonio ein unglaubliches Spiel hin, die Tür zur besten Liga der Welt ging auf.

Geschwindner ist stolz auf seinen Schützling. »Wenn es gut läuft, holt er innerhalb der nächsten 20 Spiele den Shaq«, sagt der Basketball-Verrückte. Geschwindner spricht von der Liste der besten NBA-Scorer, Nowitzki sitzt dem sechstplatzierten Shaquille O’Neal mit 28 494 Punkten im Nacken. Er gehört zu den ganz Großen, auch dank Geschwindner.

Viele Stunden hat der einstige Student in Mathematik, Physik und Philosophie mit der Lichtgestalt des deutschen Basketballs in der Trainingshalle geschwitzt. Mit ungewöhnlichen Methoden bringt er Nowitzki in Form, der Ball ist fast immer dabei. Gemeinsam entwickelten sie auch den »Flamingo Shot«, Nowitzkis Markenzeichen. Geschwindner rechnet dafür am Computer mit Winkelverhältnissen.

Die Routine hat Geschwindner stets bekämpft. »Man muss schon jedes Jahr etwas Neues mitbringen. Das haben wir jeden Sommer artig gemacht«, sagt er. Nach dem »Frust bei der EM« habe das Training diesmal früher als gewöhnlich begonnen. Auch um etwas zu demonstrieren, denn das Vorrunden-Aus sei nicht Nowitzkis Schuld gewesen.

»Bei der EM hat man das so hingestellt, als habe er das Problem gehabt. Man hat ihn ja gar nicht richtig eingebunden«, klagt Geschwindner, bremst sich aber wieder: »Schimpfen auf die anderen macht keinen Sinn.« Um den deutschen Basketball sei es schlecht bestellt. »Wir kriegen das ständig schriftlich, wenn wir international antreten«, so Geschwindner.

»In der Bundesliga sitzen die hoch dotierten Germanen auf der Bank. Wenn es um die Wurst geht, dürfen sie nicht spielen«, beschwert sich Geschwindner in hessischem Dialekt. Er spricht immer von Germanen, nie von Deutschen. Überhaupt ist Geschwindner sehr eigen, so hat er das »Institut für angewandten Unfug« erfunden. Nicht jedem gefällt seine Art, doch der Erfolg gibt ihm recht. Den Welt-Star Nowitzki hätte es ohne ihn kaum gegeben. Am heutigen Mittwoch wird er 70, die Party soll nachgeholt werden, wenn der Basketball ruht. »Es wird in den Sommer verlegt«, sagt Geschwindner: »Wenn die meisten, die noch transportfähig sind, anreisen können.«Uli Schember



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