08. Juni 2021, 07:00 Uhr

Von der Kunst der intelligenten Führung DAG HEYDECKER ÜBER DIE BESONDEREN MOMENTE…

Dieser Wetterauer hat mit drei Champions-League-Siegerin zusammengearbeitet

Drei deutsche Trainer haben in den vergangenen drei Jahren die Fußball-Champions League gewonnen. Der Steinfurther Dag Heydecker hat mit allen drei schon zusammengearbeitet. Ein Interview.
08. Juni 2021, 07:00 Uhr
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Von Michael Nickolaus
Nach sieben Titel in zwei Jahren mit dem FC Bayern München wird Hans Flick (vorn) im Sommer neuer Bundestrainer. (Foto: Frank Hoermann/ SVEN SIMON (Fotoagentur SVEN SIMON))

Jürgen Klopp (FC Liverpool), Hansi Flick (FC Bayern München) und Thomas Tuchel (FC Chelsea) haben ihre Mannschaften in den vergangenen drei Wettbewerben jeweils zum Titel in der Fußball-Champions League geführt. Dag Heydecker aus Steinfurth hatte die Wege der Trainer in Hoffenheim und Mainz begleitet, kennt Klopp, Flick und Tuchel auch abseits des medialen Scheinwerferlichts und ist gerade mit Flick, dem künftigen Bundestrainer, seit vielen Jahren eng befreundet.

Unter dem Titel »Die Kunst der intelligenten Führung - warum Klopp, Flick und Tuchel so erfolgreich sind« hat Heydecker deren Erfolgsformel für Vorträge an Universitäten und vor Wirtschaftsverbänden aufgearbeitet.

Im Interview mit unserer Redaktion spricht Heydecker, der seit September 2020 beim Eishockey-Zweitligisten EC Bad Nauheim als Geschäftsleiter tätig ist, über die Attribute des Coachings, über Menschenführung und prägende Momente in der Zusammenarbeit mit den drei Trainern.

Dag Heydecker, was zeichnet Klopp, Flick und Tuchel als Führungspersönlichkeiten aus?

Sie stehen für Kompetenz, Empathie, Begeisterung, Loyalität, Disziplin und Intelligenz. Das sind aus meiner Sicht die entscheidenden Eigenschaften. Jürgen Klopp hat beispielsweise einmal gesagt, dass er sich am liebsten mit Leuten umgebe, die gewisse Dinge besser können als er selbst. Nur so könne er sich selbst immer weiter entwickeln; auch jetzt noch. Oft scheitern Führungskräfte daran, Mitarbeiter nicht wachsen zu lassen. Flick wiederum wollte schon in Hoffenheim, damals in der Regionalliga, nicht nur gute Kicker, sondern auch einen Experten im Bereich Ernährung an seiner Seite haben. Hansi wollte schon damals einen Mental-Trainer. Tuchel legte immer große Wert auf einen perfekten Rasen, er verlangte perfekte Trainingsbedingungen. Alle drei zeichnet zudem ihre Begeisterung und ihre Überzeugung aus, sie sind hochkompetent, was den Fußball angeht, und zugleich emphatisch.

Wie drückt sich Empathie in diesem harten Business aus?

Das klingt vielleicht banal, aber Hansi Flick vergisst keinen Geburtstag. Er hat stets ein kleines Geschenk, wenn ein Spieler Vater wird, er kümmert sich um verletzte Spieler, vermittelt Wertschätzung und Respekt und erhält dies auch zurück. Jürgen Klopp hatte am zweiten Tag in Liverpool Mannschaft und alle Mitarbeiter des Trainingszentrums versammelt. Jeder stellte sich mit Vornamen vor. Die Spieler sollten wissen, wer ihnen die Schuhe putzt, die Wäsche macht, wer den Rasen in Schuss hält. Diese Trainer machen aus einem Team eine Familie - und da gehören alle dazu, nicht nur die Spieler.

Sie haben alle drei Trainer zu Beginn deren Karrieren begleitet. Wie haben Sie diese Zeiten erlebt?

Alle waren enorm neugierig, wollten jeden Tag dazulernen, haben alles aufgesaugt. Klopp war auch mehrmals beim Eishockey in Mannheim, hat den Austausch mit den Trainern gesucht, war offen für alles und wollte wissen, wie dort gearbeitet wird. Tuchel gewann gleich im ersten Jahr mit Mainz 05 die Deutsche Meisterschaft der U 19. Es war offensichtlich, dass er mal ein außergewöhnlicher Trainer wird. Manager Christian Heidel hat das sehr schnell erkannt. Hansi verlangte in jedem Training vollen Einsatz und Leidenschaft. Oftmals hat er im Training selbst mitgespielt, und er wollte immer gewinnen. Selbst im Urlaub auf Mallorca hat er beim Fußball-Tennis keine Freunde gekannt. Hansi wollte einfach nur gewinnen.

Jürgen Klopp lebt von Emotionen. Haben Sie ihm den Erfolg in England zugetraut, obwohl er dort seine Begeisterung zunächst nicht muttersprachlich zum Ausdruck bringen konnte?

Ich denke, er hatte sich in Liverpool sehr schnell eingearbeitet und hatte anfangs um sich herum Menschen, die das auch sprachlich vermitteln konnten. Er ist ein hochintelligenter Mensch und hat sehr schnell gelernt, wie die Premier League funktioniert. Was alle drei Trainer auszeichnet, ist die Begeisterung vom Gedanken, jedes Spiel gewinnen zu wollen. Sie sind ungemein ehrgeizig und verkörpern diese Motivation auch gegenüber der Mannschaft. Und sie sind alle brutal ehrlich. Hansi Flick hält ja gerne an seiner Stammformation fest. Wenn man aber die Ersatzspieler sieht, wie diese damit umgehen, dann zeigt das auch den Respekt gegenüber der Arbeit und der Ehrlichkeit des Trainers.

Sie halten Vorträge über die Kunst der intelligenten Führung. Was fasziniert Sie persönlich an diesem Thema?

Ich bin in der glücklichen Lage, über Dinge und Situationen zu erzählen, bei denen ich dabei war; also nichts Theoretisches. Und natürlich lernt man auch dazu. Ich hatte ja das Glück, diese drei außergewöhnlichen Menschen kennenzulernen. Ich habe stets aufmerksam beobachtet und zugehört. Ich habe auch das Gegenteil erlebt, wie Bill Stewart als Trainer der Adler Mannheim (Deutsche Eishockey-Liga/Anm. d. Red.) an einem Abend den Titel gewann, zugleich aber seine Mannschaft verlor.

Wie konnte das passieren?

Das war unglaublich, ein Abend, den ich nie vergessen werde. Mannheim stand 2001 im Finale gegen München, hatte einen überragend besetzten Kader, doch Stewart war sehr egozentrisch, er hatte den Spitznamen Crazy Bill. Im alles entscheidenden Spiel in München täuschte Stewart zu Beginn der Partie auf der Mannschaftsbank einen Schwächeanfall vor, um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und Zeit zu gewinnen, da der beste Spieler Jan Alston Probleme mit den Schlittschuhen hatte, die in dieser kurzen Zeit behoben worden. Nach einigen Minuten stand Bill wieder auf, Mannheim gewann das Spiel in der Verlängerung und die Meisterschaft. Stewart hat seine Story direkt nach dem Spiel in der Kabine den TV-Journalisten erzählt und dabei den Eindruck vermittelt, dass er alleine es war, der den Titel geholt habe. Am nächsten Tag hat ihm die Mannschaft vor 12 000 Menschen im Mannheimer Stadion ein Team-Foto überreicht. Die Köpfe jedes einzelnen Spielers waren ausgeschnitten und mit dem Bild von Stewart ersetzt worden. Das zeigt, was die Spieler davon gehalten haben. Eine Führungskraft muss wissen, dass der Erfolg immer Teamwork ist.

Welche Rolle hatte Flick im Verbund mit Jogi Löw und Oliver Bierhoff beim WM-Titel 2014?

Hansi hat sich nie in den Vordergrund gespielt, war aber auch beim Faktor Empathie zu den Spielern der ideale Co-Trainer. Zudem hat er taktisch viel bewegt, hat unter anderem durchgesetzt, dass gezielt Standard-Situationen einstudiert werden. Damals war es so, dass sich die Top-Nationen auf gleichem Level aus dem normalen Spielverlauf egalisieren und deshalb Standards den Unterschied ausmachen könnten. Und so kam es auch. Im Viertelfinale, beim 1:0 gegen Frankreich, erzielte Mats Hummels nach einem Freistoß das entscheidende Tor.

Hat Flick mit seinen Qualitäten und Anforderungen als Trainer überhaupt zum FC Bayern gepasst, wo vom Vorstandsvorsitzenden bis zum Sportdirektor tagtäglich in die Arbeit des Coaches hineingeredet wird?

Die Titel haben’s doch gezeigt. Aber ja, Hansi braucht loyale Mitarbeiter um sich, will natürlich seinen Kopf durchsetzen und forderte wohl mehr Mitspracherecht, was zu Diskussionen geführt hat. Das wurde ihm - ganz nach dem Bayern-Prinzip »Trainer kommen und Trainer gehen, der Verein steht über allem« - wie auch seinen Vorgängern wohl nicht zugestanden. Ich war von seiner Entscheidung deshalb auch nicht überrascht.

Flick hat als Trainer, als Assistent und als Sportdirektor gearbeitet; im Verein und im Verband. Welche Rolle passt am besten zu ihm?

Er ist sicher kein Sportpolitiker. Er taktiert nicht. Hansi steht liebend gerne auf dem Platz, er braucht die Kabine, den Rasen, den unmittelbaren Kontakt zur Mannschaft. Emotionale Nähe, das ist ihm wichtig.

Warum ist Hansi Flick der richtige Bundestrainer?

Er wird die Mannschaft, in der ein großes Potenzial steckt, weiter entwickeln, steht für Spielfreude und Offensiv-Pressing. Den FC Bayern hat er nach Niko Kovac wieder zum Laufen gebracht - und das meine ich wortwörtlich. Ein Robert Lewandowski war wieder bereit, lange Wege zu gehen. Hansi hat Thomas Müller zur alten Form zurück geführt, er hat seine Führungsspieler wie Kimmich, Neuer, Müller, Alaba und Lewandowski gestärkt. Flick wird der Nationalmannschaft mit seiner ruhigen, bodenständigen Art gut tun. Und es entstehen neue Sympathien rund um das Team, ganz sicher.

Können Sie Ihre Erfahrungen auch beim EC Bad Nauheim einbringen?

Natürlich, es geht ja um prinzipiell um dieselben Themen: Mannschaftssport, Teamwork, Erfolg, Motivation. Mit unserem Trainer Harry Lange spreche ich öfter mal über Tuchel, Klopp und Flick. Harry ist ein guter Zuhörer und er hat in den letzten Monaten genau das verkörpert, was einen starken Trainer ausmacht. Er schaut genau hin, wie eine Mannschaft gebaut wird. Es sind die Attribute Charakter, Mentalität und Qualität. Getreu dem Motto: Ich suche nicht die besten, ich suche die richtigen Spieler.

…mit Jürgen Klopp: Jürgen Klopp habe ich zu einer Zeit kennengelernt, als Hoffenheim in einer Liga mit der U 23 von Mainz 05 spielte. Da stand ich mit ihm und Manager Christian Heidel regelmäßig in Kontakt.

Als »Kloppo« hörte, dass ich überlege, nach Mainz zu wechseln, rief er an und sagte zu mir: »Hier gibt’s wenig Geld, aber wir haben einen Riesen-Spaß.« Ich antwortete: »Na gut, da bin ich dabei.« Einer der schönsten Tage war der unglaubliche Abschied von »Kloppo«. 20 000 Menschen haben ihn in der Innenstadt von Mainz gefeiert. Das war sehr bewegend.

…mit Hansi Flick: Bei Flick denke ich zuerst an den DFB-Pokal-Erfolg mit Hoffenheim, das damals noch in der Regionalliga spielte, gegen Leverkusen. Bayer 04 hatte damals eine Top-Mannschaft mit Spielern wie Nowotny, Lucio, Berbatow, Franca, Juan, Schneider.

Wir hatten eine junge Truppe aus der Region, die meisten arbeiteten halbtags. Das Trainingslager, die Spielvorbereitung, die Ansprache - Flick tat wirklich alles für den Sieg. In der Kabine hing ein Plakat: »Nicht die Größe des Hundes im Kampf ist entscheidend, sondern die Größe des Kampfes im Hund.« Zum Glück hatten wir eine intelligente Truppe, die Jungs haben den Spruch richtig gedeutet (lacht).

…mit Thomas Tuchel: Mit Thomas Tuchel gibt es viele Momente. Er traf in seinem dritten Spiel als damals jüngster Bundesliga-Trainer auf den FC Bayern München mit Louis van Gaal. Also eigentlich waren wir komplett chancenlos. Nach dem Aufwärmen kamen die Spieler in eine abgedunkelte Kabine. Tuchel ließ die berühmte Al-Pacino-Rede aus dem Film »Any given sunday« laufen. Und wir gewannen sensationell 2:1.

Das ZDF wollte ihn wegen dieser Aktion abends spontan ins »Aktuelle Sportstudio« holen. Er hat abgelehnt, weil er nicht den Eindruck erwecken wollte, dass es nur sein Erfolg war. Er hat damit klargemacht, dass Erfolg nur im Teamwork stattfindet. MN



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