21. Juli 2021, 07:00 Uhr

Ein entscheidender Moment

Der Weg von Sprinter Steven Müller kannte lange nur eine Richtung: Der 200-Meter-Spezialist wurde vom Spätzünder in der Leichtathletik zum Olympioniken. Doch just in der Saison, in der die Spiele anstehen, läuft es bislang durchwachsen. Für Tokio setzt er nun auf seine alten Stärken.
21. Juli 2021, 07:00 Uhr
Philipp_Keßler
Von Philipp Keßler
Die Leichtigkeit ist zurück: 200-Meter-Sprinter Steven Müller von der LG ovag Friedberg-Fauerbach will bei den Olympischen Spiele in Tokio auf seine alten Stärken bauen: Lockerheit und die Fokussierung auf den Moment auf der Bahn. FOTO: DPA/PICTURE ALLIANCE

Olympia war nach einer gewissen Zeit in meiner Karriere ein Traum von mir - und nun habe ich es geschafft«, sagt Steven Müller. »Aber damit habe ich noch nicht alles erreicht.« Der Sprinter der LG ovag Friedberg-Fauerbach ist einer von drei Wetterauer Athleten bei den Olympischen Spielen in Tokio, die am Freitag eröffnet werden. Am Dienstag, 3. August, wird der 30-Jährige aus Kassel seinen Vorlauf über 200 Meter bestreiten. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Karriere, die vor rund zehn Jahren erst begonnen hat.

Seit der Zeit, als der Berufspädagogik-Student in den Fächern Sport und Metall sich an Otmar Velte, seinen Trainer, wandte, um für ein mögliches Engagement als Profi-Footballer schneller zu werden, und der ihn von einer Karriere in der Leichtathletik überzeugte, arbeitet das Duo einen großen Traum nach dem anderen ab - Teilnahme an Deutschen Meisterschaften, mehrfacher Titelgewinn in der Halle und im Freien, EM-Teilnahme 2018 in Berlin, WM-Teilnahme in Doha 2019 und nun - mit einem Jahr Verspätung - die Olympischen Spiele.

»Einen noch größeren Hype als Olympia gibt es nicht«, sagt Velte. Doch eine konkrete Zeit, eine bestimmte Platzierung oder ein Ziel wie das Überstehen des Vorlaufs scheinen gar nicht im Mittelpunkt zu stehen. Müller sagt: »Ich werde mein Bestes geben, um einen guten Lauf auf die Bahn zu bekommen. Was dann als Zeit oder als Platzierung herauskommt, kann ich nicht sagen. Wir werden sehen, wofür es am Ende reicht.«

Wer die Hintergründe kennt, versteht, warum das so ist - und Müller sich damit von vielen Athleten unterscheidet. Als Spätzünder in der Leichtathletik war er stets der Underdog, gleichwohl er kein internationales Großereignis seit 2018 verpasst hat, Anfang des Jahres zudem Weltmeister mit der 2x200-Meter-Staffel wurde und er bei Olympia zum wiederholten Male der einzige männliche Sprinter bei einem internationalen Großereignis ist, der die deutschen Farben vertritt. »Noch habe ich nichts erreicht«, sagt Müller jedoch. »Ich glaube, die Nervosität und alles andere kommen erst nach meinem Lauf - wenn ich realisiere, dass ich wirklich bei Olympia gelaufen bin. Erst dann kann ich auch für mich sagen, dass ich es geschafft habe.«

Schwieriger Saisonverlauf

Dass es überhaupt so weit kommt, hat er seinen konstanten Leistungen in der Vergangenheit, vor allem im Jahr 2019 zu verdanken. Denn nach einer bislang durchwachsenen Saison hatte er die vom Deutschen Olympischen Sportbund geforderte Norm von 20,24 Sekunden bei einer Saisonbestzeit von 20,75 Sekunden klar verpasst. Doch als 75. der Weltrangliste schaffte er es als Drittletzter unter die 56 Olympioniken auf dieser Strecke. »Fakt ist: Es gibt das Ranking-System, die Punkte musste ich auch erst einmal erlaufen, um die entsprechende Platzierung zu haben und andere hatten die Chance, besser zu sein. Deshalb ist das für mich keine Qualifikation zweiter Klasse«, sagt Müller. »Klar ist aber auch: Die Saison ist bislang nicht so gelaufen, wie ich mir das vorgestellt oder gewünscht habe, aber es gibt eben so Phasen, in denen es nicht wie geplant funktioniert.«

Ein Grund dafür war Olympia selbst - das geben Müller und sein Coach offen zu. »Ich wollte unbedingt, dass es klappt. Dieser Druck hat etwas mit mir gemacht, denn natürlich läuft man dieser Norm hinterher und wird von Rennen zu Rennen immer fester«, sagt Müller, dessen Stärke neben seiner Konstanz vor allem immer seine Unbefangenheit gegenüber großen Wettkämpfen oder großen Namen gewesen ist. Das sieht auch sein Trainer so: »Steven ist mit 21 Jahren mit diesem Ziel gestartet, da war Olympia so weit weg wie der Mars. Dann merkt er, dass er nach und nach besser wird, wird deutscher Meister, fährt zu EM und WM - und spürt plötzlich, dass dieser Traum von Olympia erreichbar ist - und will es nur noch mehr. Und auch wenn man merkt, dass man sich in bestimmten Dingen verbessert hat, bekommt man es plötzlich nicht mehr auf die Bahn. Das macht einen mürbe, denn so rückt das Ziel, das zum Greifen nah ist, wieder in weite Ferne. Mit der Qualifikation ist eine Anspannung abgefallen, dieses unbedingte Wollen, weshalb er verkrampft hat, ist weg«, erklärt Velte, der mit Müller in diesem Jahr wohl noch mehr Gespräche geführt hat als sonst.

Zurück zu alten Stärken

»Das waren keine schönen Zeiten«, sagt der deutsche Vizemeister aus diesem Jahr. »Ich war an einem Punkt, an dem ich mich gefragt habe, ob mir das alles noch Spaß macht. Es ging nur noch um Müssen und Wollen und nicht mehr darum, Spaß dabei zu haben. Ich habe mir Videos und Bilder von meinen Rennen im Vergleich zu denen von vor einem oder eineinhalb Jahren angeschaut und ich sehe verbissen aus und laufe schwer - genau so habe ich mich gefühlt. Ich war fest und hatte einen anderen Fokus.« Die Folge: Müller zieht sich eine kleine Rumpfverletzung zu - für Velte auch psychisch bedingt. »Plötzlich konnte und durfte ich nicht normal trainieren, wollte es aber. Das war ein wichtiger Moment.«

Für Velte kommt es vor allem darauf an, »im Moment zu sein«, also auf der Bahn alles auszublenden, nicht an Vergangenheit oder Zukunft zu denken, um »nur« zu rennen. »Es gab eine lange Zeit, in der ich vergessen hatte, wie dieser Moment sich anfühlt«, sagt Müller. »Es war sehr herausfordernd, wieder dorthin zu kommen. Aber ich glaube, dass es bei mir mit dem Spaß zu tun hat - und der ist zurück.« Nun fühlt er sich - trotz vergleichsweise schwacher Ergebnisse - bereit für seine Olympia-Premiere: »Ich würde nicht dorthin fahren, wenn ich wüsste, ich würde nur eine Bahn füllen. Ich gehe dorthin, weil ich weiß, dass ich das kann. Ich bereue nichts, sondern freue mich umso mehr.«

Egal wie Olympia ausgeht - der Schlussstrich dieser außergewöhnlichen Laufbahn soll es noch lange nicht sein. »Es gibt noch so viele Stellschrauben, an denen ich drehen kann, sodass ich irgendwann nahezu perfekt sprinten kann. Das will ich erreichen.« Sein Trainer meint sogar: »Jetzt hat er die Erfahrungen, jetzt geht es erst richtig los.« Auch Müller selbst sagt: »Ich bin nicht fertig. Dafür habe ich zu viel investiert und fühle mich auch nicht so, dass ich schon alles erreicht hätte. Ich habe richtig Lust auf all das, was noch kommt. Ich bin hungrig. «

Und die kommenden drei Jahre bis zu den nächsten Olympischen Spielen - unter anderem mit EM und WM im kommenden Jahr - seien »ein hochinteressanter Zeitraum« (Velte). Es klingt fast so, als könnte die Karriere von Steven Müller mit dem Erreichen seines Traums erst so richtig losgehen.



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