07. Januar 2016, 17:13 Uhr

EC Bad Nauheim: Wo das Fan-Herz schlägt

(mn) Das Ergebnis ihrer Arbeit sehen sie oft nicht einmal live, sondern erst später; auf Fotos. Viele Stunden Vorbereitung und meist um die 700 Euro investieren die Fanatics in jede ihrer Choreografien; in einen ausdrucksstarken, kurzen Auftritt vor den Spielen des EC Bad Nauheim. Wir waren bei ihrer größten Herausforderung dabei
07. Januar 2016, 17:13 Uhr
70 Jahre Eissport in Bad Nauheim: Zum Jahresauftakt wurde das komplette Colonel-Knight-Stadion in die Choreographie eingebunden. Unser Bild zeigt das zentrale Motiv in der Kurve.

Samstagmittag, 15.30 Uhr: Basti Haupt zerrt an Folien, markiert mit rot-weißen Flatterbändern exakt berechnete Flächen auf der Tribüne. In der Fankurve wird geklopft und gehämmert. Passt alles? Wurde vielleicht noch etwas übersehen? Fehlt noch etwas? »Das Stadion hat seine Eigenheiten. Für eine optimale Präsentation müssen wir das berücksichtigen«, sagt er. Zum Jahresauftakt, zur Einstimmung der Feierlichkeiten zum 70. Stadion-Geburtstag, ist von den Fanatics Nauheim eine noch nie dagewesene Choreografie geplant. »Die Vorfreude bei uns allen ist riesig«, sagt Haupt.

Der 29-Jährige ist Vorstandsmitglied der Fanactics, der Fan-Gruppierung, die im Stadion mit optischen und akkustischen Reizen die Stimmung prägt; und die mit ihren Inszenierungen unterhält und begeistert. »Wir wollen den Spielern auf diese Weise noch den letzten Kick geben und sie unsere Identifikation spüren lassen«, sagt Haupt, bei dem die organisatorischen Strippen zusammenlaufen. Das Feedback der Spieler, die Resonanz anderer Fans und die Anerkennung in Szene-Foren im Internet treiben die 2002 gegründete Gruppe an. »Aufwand und Vielfalt suchen da ihresgleichen«, beschreibt Andreas Ortwein, der Geschäftsführer des EC Bad Nauheim, das Engagement der Fanatics, die - wie Haupt sagt - mindestens einmal monatlich für ein kreatives Highlight sorgen wollen.

Zwischen Planung und Präsentation des oft nur zweiminütigen Auftritts liegen mitunter schon mal mehrere Monate; auch im Fall der Choreo vom vergangenen Sonntag. Das hat recht pragmatische Gründe. Teils werden Folien beklebt, teils aber auch bemalt. Die räumlichen Gegebenheiten, um die Farbe trocknen zu lassen, sind beschränkt. Vieles werde deshalb bereits im Sommer gefertigt. Ein- bis zweimal wöchentlich treffe man sich für einen Abend. Haupt selbst leistet die Vorarbeit am Computer, über einen Beamer wird das Motiv in kleinen Einzelteilen auf den Stoff projiziert. Hinterher werden die Einzelstücke zusammengefügt. »Früher haben wir unser Material im Schreibwarenladen besorgt, heute gibt’s dafür Spezialisten«, erinnert sich Haupt an die choreografischen Anfänge im Jahr 2004. Seit dieser Zeit ist er dabei.

Rund 700 Euro kostet jede Choreografie, für Sonntag waren Ausgaben in etwa doppelter Höhe zu stemmen. Finanziert werden die Materialien zum einen aus den Mitgliedsbeiträgen der Fanatics, zum anderen aus Spenden, die während der Heimspiele am Info-Stand gesammelt werden. Monetäre Unterstützung durch die GmbH gibt es nicht – und das ist auch nicht gewünscht. Man wolle unabhängig bleiben, sagt Haupt, der als Controller bei einem mittelständischen Unternehmen beschäftigt ist.

DEL 2-intern streiten die Fanatics in erster Linie mit den Gleichgesinnten aus Bietigheim und Dresden um die gefühlte Vormacht. »Ein gewisses Konkurrenzdenken ist natürlich dabei«, sagt Haupt, der in Rabenau zu Hause ist. Dort, rund 40 Kilometer von Bad Nauheim entfernt, dient ein Zimmer als Materiallager. Fahnen lassen sich schon mal mehrfach verwenden, Papptafeln eher nicht.

Vorreiter – und Vorbilder, wenn auch in anderen Dimensionen – in Sachen Choreos sind die Fans von Eintracht Frankfurt oder auch von Rapid Wien. Im deutschen Eishockey sind die Adler Mannheim führend.

Mit ihren Darbietungen haben die Fanatics auch auswärts schon Aufmerksamkeit erregen könnten. Einst in Herne, Neuss, Peiting oder Hannover, zuletzt beim Sonderzug-Spiel in Dresden; allesamt Aktionen mit penibler Planung. In welchem Stadion sind bezüglich der Folien welche Brandschutzbestimmungen zu beachten, welche Fläche steht zur Verfügung? Maße und Daten werden im Vorfeld mit dem Fanbeauftragten vor Ort exakt abgeklopft. Jede Choreo ist mit dem Gastgeber im Vorfeld abgestimmt und wird im Anschluss in Internet-Medien kommuniziert.

Am Sonntagmittag kommt die rund 30-köpfige Gruppe der Fanatics (die meisten zwischen 18 und 32 Jahre alt) wieder im Colonel-Knight-Stadion zusammen. Die letzten Vorbereitungen laufen, Helfer, ohne die eine Choreo dieser Größenordnung nicht durchzuführen wäre, werden eingewiesen. Um 18.23 Uhr ist es dann soweit. Die Roten Teufel laufen ein. Haupt selbst steht auf dem Eis, hat den besten Blick. Seine Mitstreiter hinter den Folien und Fahnen können sich erst später von der gelungenen Aktion überzeugen. »Es hat alles super gepasst. Die Choreo ist auch bei den Leuten gut angekommen«, zieht er zufrieden Bilanz.

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