17. Dezember 2020, 16:00 Uhr

Gesellschaft

Experte warnt: »Vereine müssen präsent bleiben«

Der Vereinssport ist nahezu zum Erliegen gekommen. Darunter leidet nicht zuletzt der Nachwuchs. Vereinsvertreter befürchten, dass einige nicht zurückkehren. Ist das realistisch?
17. Dezember 2020, 16:00 Uhr
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Von Gerd Chmeliczek
Stephan Schulz-Algie

Kein Training, keine Spiele, keine organisierten Möglichkeiten, regelmäßig den Bewegungsdrang ausleben zu können. Was bleibt da hängen, wenn der Lockdown irgendwann vorbei sein wird? Müssen Vereine befürchten, dass sich die Reihen lichten, weil der Vereinssport dauerhaft in den Hintergrund gerückt ist?

Stephan Schulz-Algie ist Referatsleiter Bewegungs- und Gesundheitsförderung, Schule und Sport bei der Sportjugend Hessen. Auch er blickt mit Sorge auf die aktuellen Entwicklungen, hat aber auch Lösungsansätze parat:

Herr Schulz-Algie, müssen Vereine wegen des Lockdowns langfristig mit rückläufigen Mitgliederzahlen rechnen?

Stephan Schulz-Algie: Belastbare Zahlen gibt es noch nicht. Das wird sich erst im kommenden Jahr beziffern lassen. Generell ist aber zu sagen, dass die Zahl der Mitgliedschaften zurückgeht und auch wenig neue dazukommen. Sonst hat sich das in etwa die Waage gehalten.

Kann man schon einen Vergleich zum ersten Lockdown im Frühjahr ziehen?

Beim ersten Lockdown waren die Schulen zu und der Vereinssport lief noch ein wenig weiter. Nun war es umgekehrt. Im Frühjahr konnte noch mehr draußen stattfinden. Jetzt ist stellenweise schon Frust bei den Vereinen zu spüren. Hygienekonzepte wurden mit viel Engagement erstellt, trotzdem bleiben die Hallen leer. Das ist für viele nur schwer zu akzeptieren. Insgesamt ergibt sich aber ein sehr differenziertes Bild.

Inwiefern?

Corona polarisiert. Das ist auch in den Vereinen so. Es gibt diejenigen, die unter Beachtung der Beschränkungen neue Wege gehen und neue Möglichkeiten ausloten. Und es gibt diejenigen, die vorsichtiger sind. Aber da gibt es keinen Königsweg. Das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Viele Vereine haben Online-Angebote für sich und ihre Mitglieder entdeckt. Ein probates Mittel?

Da gibt es in der Tat viele sehr kreative Angebote. Man darf die soziale Komponente nicht vergessen. Die ist sehr wichtig. Besonders für Kinder und Jugendliche. Da hat eine Gruppe, in der zusammen Sport gemacht wird, noch einmal eine viel stärkere Bindungskraft. Und die kann leiden, wenn sie nicht gepflegt wird.

Mit welchen Auswirkungen?

Wir sind ständig im Kontakt mit den Verantwortlichen. Es gibt die Befürchtung, dass nicht alle nach dem Lockdown auch wieder in die Vereine zurückkehren. Das hat auch damit zu tun, dass die Bindung von Jüngeren an die Klubs nicht erst seit Corona nachlässt. Nicht so sehr bei den Kindern, aber sehr wohl bei den Jugendlichen so zwischen zwölf bis 14 Jahren.

Woran liegt das?

Zum einen gibt es zahlreiche Angebote, außerhalb des Vereins Sport zu machen. Zum anderen liegt das auch vielfältigen Kommunikationsformen. Ich muss nicht unbedingt ins Training gehen, um meine sozialen Kontakte zu pflegen. Das ist n lange vorbei. Damit verliert aber der Vereinssport nach und nach eine ganz wichtige Komponente.

Aber Training oder Spiele haben doch immer ihren festen Platz im Terminplan gehabt, oder?

Schon, aber manche gewöhnen sich in den Corona-Zeiten daran, die Zeit anderweitig zu nutzen. Und diese Gewohnheit konkurriert dann auch noch mit dem Vereinssport. Das spitzt sich gerade etwas zu. Daher teilen wir die Befürchtungen der Vereinsvertreter. Der Zeiteinsatz, der für normalen Wettkampfsport notwendig ist, der wird von vielen Jugendlichen sehr genau und sehr kritisch überprüft.

Wie kann man da gegensteuern?

Es ist wichtig, den Kontakt aufrechtzuerhalten und als Verein präsent zu bleiben. Die bereits angesprochenen Online-Angebote helfen da sicherlich. Es geht darum, die Gruppe zusammenzuhalten - nicht nur über den gemeinsamen Sport, sondern einfach über den Austausch miteinander. Viel mehr ist im Moment ja auch überhaupt nicht möglich. Für die Vereine geht es darum, nicht in Vergessenheit zu geraten, gerade bei Kindern und Jugendlichen. Da ist Kreativität gefragt. Und man darf sich nicht entmutigen lassen. Es gibt auch Angebote, die nicht so angenommen werden. Dann muss man halt das nächste ausprobieren. Und alle mitnehmen, das ist ebenfalls sehr wichtig.

Wie meinen Sie das?

Um die Sportlerinnen und Sportler, die mit Leib und Seele dabei sind, muss man sich weniger Sorgen machen. Es gibt aber auch die, die zwar mitmachen, aber nicht mit dem Anspruch, Leistungs- oder Wettkampfsport zu machen. Die steigen eher aus.

Wird der organisierte Sport zunehmend zum Auslaufmodell?

Sicher nicht. Aber wir haben es zunehmend mit einem veränderten Freizeitverhalten zu tun. Da gibt es Skate-Parks, Fitnessstudios, Mountainbiken, Freizeitmannschaften, und vieles mehr. Daher weisen wir auch immer wieder auf die große Bedeutung von Vereinen besonders für Kinder und Jugendliche hin. Da geht es nicht nur um den Sport an sich. Da geht es um soziale Kontakte, um Regeln, um Konfliktlösungen - und nicht zuletzt um Spaß in der Gemeinschaft. Aber das ist nicht alles.

Sondern?

Es geht um Bildung. Um Bildung jenseits von Kindergärten und Schulen. Vereinssport ist mehr als »nur« Freizeitaktivität. Da ist Corona wie ein Brennglas. Die Schulen blieben offen, die Vereinsarbeit wurde fast auf Null runtergefahren - das zeigt nicht zuletzt, dass der Stellenwert von Sport und Bewegung in der Gesellschaft längst nicht so hoch ist, wie er eigentlich sein müsste. Das ist ein echtes Dilemma.

Welche Impulse kann die Sportjugend setzen, um Vereine zu unterstützen?

Vieles läuft über den Austausch mit den Vereinen, den wir intensivieren wollen. Wir sammeln unter anderem Ideen für die Überbrückung des Lockdowns. Wir haben dazu im Frühjahr eine Befragung durchgeführt und wollen das wiederholen. Wir binden das Thema Lockdown auch in unsere Aus- und Fortbildungen mit ein. Wir wollen in Corona-Zeiten ein wichtiges Sprachrohr für den Kinder- und Jugendsport bleiben sowie den Vereinen konkret helfen, den Kindern und Jugendlichen Sinnvolles anzubieten.

Wobei ja niemand sagen kann, wie lange das Thema Corona alles bestimmen wird...

Das Thema wird uns noch eine ganze Zeit begleiten. Ich persönlich glaube nicht, dass wir im Mai mit dem Thema Corona durch sind. Die Einschränkungen werden mal kleiner und mal größer sein. Darauf müssen alle vorbereitet sein. Im Moment unterstützen wir die Sportkreise dabei, die Digitalisierung voranzutreiben.

Wie nachhaltig wird Corona die Vereinsarbeit verändern?

Es wird kein Zurück geben zu dem, wie es vor Corona war. Ich glaube, es wird eine Mischung geben zwischen Präsenz- und Online-Einheiten. Das ist aber nur mein persönlicher Blick in die Zukunft. Und der virtuelle Sport, also eFußball wie Fifa, wird auch in Zukunft wachsen.

Welcher Verein kommt ihrer Meinung nach am besten durch die Krise?

Mit Sicherheit der, der kreative Übungsleiter hat, die auch selbstständig handeln und Ideen umsetzen. Diese personelle Bindung an die Kinder und Jugendlichen ist extrem wichtig. Die Ausstattung spielt im Moment ja keine große Rolle. Es nutzt mir als Verein nichts, wenn ich eine tolle Halle und Spitzen-Sportgeräte habe, wenn ich über Monate nichts von mir hören lasse. Dann gerate ich in Vergessenheit. Und man muss versuchen, den Kontakt zu den Schulen zu halten. Sonst verlieren die Klubs eine Möglichkeit, Kinder und Jugendliche für den Vereinssport zu begeistern.



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