02. Januar 2013, 12:13 Uhr

Haben Sie es schon bereut, Kreisfußballwart zu werden?

Er ist verheiratet, hat zwei Kinder, wohnt mit seiner Familie in Rockenberg und steht voll im Berufsleben: Von dieser Seite aus gesehen, entspricht Thorsten Bastian eigentlich so gar nicht dem Anforderungs-Profil eines Kreisfußballwartes, denn wer sich so etwas zutraut, braucht in aller Regel viel (Frei)-Zeit.
02. Januar 2013, 12:13 Uhr
Thorsten Bastian hat sich gut eingelebt in seinem neuen Amt. (Foto: ub)

Und eben deshalb wären für Berufungen dieser Art persönliche Verhältnisse wie »los und ledig« oder »berufsbezogen nicht sonderlich stark beansprucht« wohl besser geeignet. Sich mit den Sorgen, Bedürfnissen und sonstigen Angelegenheiten der hiesigen Amateur-Fußballer befassen zu müssen, gleicht nämlich im Grunde genommen einem Fulltime-Job ohne Bezahlung , wobei die Möglichkeit, das Privatleben müsse unter den ganzen zeitlichen Belastungen zuweilen schon bein bisschen leiden, zumindest nicht ausgeschlossen werden kann.

Thorsten Bastian, Ex-Bundesliga-Linienrichter (1991-1999) mit internationalen Einsätzen (1995-1999), bekommt seit Anfang März (beim Kreisfußballtag Wahl zum Kreisfußballwart) und erst recht seit Ende September (Bestätigung als KFW beim außerordentlichen Kreisfußballtag) dennoch alles unter einen Hut. Weshalb, liegt auf der Hand: Als langjähriger HFV-Mitarbeiter kennt der 48-Jährige erstens das Regelwerk des Hessischen Fußball-Verbandes aus dem Effeff und verfügt dadurch zweitens über gute Kontakte zu fast allen wichtigen Fußball-Funktionären. Das macht vieles einfacher und spart Zeit. Zum Jahreswechsel bezog Thorsten Bastian Stellung zu aktuellen Fragen rund um den heimischen Amateur-Fußball.

Hand aufs Herz, Thorsten Bastian: Seit fast zehn Monaten sind Sie Friedberger Kreisfußballwart. Gab es in dieser Zeit zuweilen Augenblicke, in denen Sie es bereut haben, für dieses so wichtige Ehrenamt einen Großteil Ihrer Freizeit zu opfern?

Thorsten Bastian: Ich habe dieser Tage eine langjährige Bekannte meiner Eltern auf ihrem letzten Weg begleitet. Solche Momente zeigen dann immer, was eigentlich wichtig im Leben ist und was nicht. Die hinlänglich bekannte Auseinandersetzung im Kalenderjahr 2012 hätte in keinem Fall solche Dimensionen erreichen dürfen. Es handelt sich noch immer um ein Hobby, bei welchem Spaß und Freude am ehrenamtlichen Engagement im Mittelpunkt stehen sollen, nicht Streit, Ärger, Missgunst und gegenseitige Beschuldigungen. Die Freude bei der Ausübung unseres gemeinsamen Hobbys ist mir und, so denke ich, allen Konfliktparteien zu der damaligen Zeit abhanden gekommen. Keiner wünscht sich diese Zeit zurück, und alle arbeiten engagiert und sachorientiert in ihren jeweiligen Bereichen.

Bis Anfang März fungierten Sie als Vorsitzender des Regionalsportgerichts. Sicher eine Tätigkeit, die weniger Zeitaufwand erforderte, oder?

Bastian: Das kann ich so nicht bestätigen. Als Vorsitzender des Regionalsportgerichts war ich für die rechtliche Aufarbeitung aller sportwidrigen Handlungen in der gesamten Region zuständig. Bis zur Einführung der Einzelrichter mussten ungefähr 160 Fälle pro Jahr von mir abgearbeitet werden. Parallel dazu war ich als stellvertretender Vorsitzender des Sportgerichts der Verbandsligen mit Rechtsfällen der Hessen- und Verbandsligen betraut. Die vielen Reisen und die häufige Zeit der Abwesenheit von daheim hatten mich zum damaligen Zeitpunkt bewogen, für eine Tätigkeit auf Kreisebene zu kandidieren.

Als Chef der »Friedberger« Amateurfußballer sind Sie für die Vereine der Ansprechpartner Nummer eins. Mit welchen Problemen muss man sich in dieser Position eigentlich besonders häufig befassen?

Bastian: Wichtig ist zunächst einmal, dass die Funktionäre des Hessischen Fußball-Verbandes im Kreis Friedberg als Personen wahrgenommen werden, welche mit den Vereinen zusammenarbeiten und nicht gegen sie arbeiten. Die Mitglieder im Kreisfußballausschuss sind Partner auf Augenhöhe und helfen durch die Vorsitzenden der Fachausschüsse den Vereinen bei Problemlösungen. Durch die kompetente Besetzung der Jugend-, Schiedsrichter- und Rechtsausschüsse in unserem Kreis bleiben an mir eigentlich nur die allgemeinen und administrativen Dinge hängen, welche im Zusammenhang mit dem Spielbetrieb zu klären sind. Auch hat uns hier die Umstellung sehr geholfen, jeden Posten im Kreisfußballausschuss mit einer fachlich kompetenten Person besetzen zu können. Heute können wir zum Beispiel den Vereinen mit Gabriele Zeeb für den Frauenfußball eine ausgewiesene Expertin auf diesem Gebiet anbieten, welche sich aber eben auch nur um diesen Bereich kümmert und sich mit den Problemen der Vereine auseinandersetzt.

Das Jahr 2012 ist Geschichte. Was nehmen Sie an positiven Erkenntnissen mit hinüber ins Jahr 2013?

Bastian: Die neu gestaltete Form der Vor- und Rückrundenbesprechungen ist von den Vereinen unheimlich positiv aufgenommen worden. So haben wir kürzlich die Rückrundenbesprechung in Heilsberg im Beisein aller Vereinsvertreter unseres Kreises mit sechs Spielklassen und Informationen für die Vereine in knapp weniger als einer Stunde abhandeln können. Bei dieser Gelegenheit haben die Vereinsvertreter ohne Gegenstimme den Ausgleich der Kosten für die Schiedsrichter befürwortet. Ab dem 1. Juli 2013 haben alle Vereine im Seniorenbereich in ihrer jeweiligen Spielklasse nunmehr die gleichen finanziellen Belastungen in Bezug auf die Kosten der Schiedsrichter zu tragen. Weiterhin ist es von den Vereinen sehr positiv aufgenommen worden, die Zusammenkünfte anlässlich der Terminbesprechungen und sonstiger wichtiger Sachfragen turnusmäßig auf den »Nord- und Südkreis« zu verteilen. Der Kreisfußballausschuss möchte auch nächstes Jahr unseren Vereinen die bestmöglichen Rahmenbedingungen bieten und das sehr angenehme Miteinander aus dem Jahr 2012 fortsetzen.

Müssen auch Dinge beachtet werden, die nachdenklich stimmen oder gar Sorge bereiten?

Bastian: Bei allem Streben nach Erfolg sollte doch eine erfolgreiche Vereinspolitik unter anderem durch seriöses Wirtschaften gewährleistet sein. Mir missfällt sehr die gestiegene Anzahl der Vereine im Amateurbereich, die durch ihr Handeln die Fortsetzung ihres Spielbetriebes gefährden und Zahlungsverpflichtungen nicht mehr erfüllen können. Sorge bereitet die gestiegene Anzahl der Gewaltdelikte im Zusammenhang mit einem Fußballspiel. Es ist eben nicht nachvollziehbar, wenn sich ein Schiedsrichter unter dem Deckmantel, er habe schlecht gepfiffen, körperlichen Attacken ausgesetzt sehen muss, oder aber wenn es, wie in der Hinrunde im Kreis Friedberg geschehen, anlässlich eines Pflichtspieles zu derart schwerwiegenden Ausschreitungen unter den Spielern kommt, dass das Einschalten von Polizei und Staatsanwaltschaft die Folge ist. Schlagen darf niemals ein Argument sein. Die Rechtsausschüsse im Verbandsgebiet können der gesellschaftspolitischen Entwicklung sicherlich nur bedingt gegensteuern. Bei erwiesener Schuld bietet der Strafrahmen unser Strafordnung aber durchaus geeignete Mittel, um gegen diese Auswüchse vorzugehen.

Was ist für 2013 an neuen Bestimmungen seitens des Hessischen Fußball-Verbandes (HFV) zu erwarten? Wie man hört, sollen die einzelnen Klassen kleiner werden. Auch die berüchtigte Gleitklausel, die letztlich über die Anzahl der Direktabsteiger entscheidet, steht angeblich zur Debatte.

Bastian: Dies ist ein fließender Prozess, welcher in seinen Feinheiten noch nicht abschließend ausgearbeitet ist. Der Kreis Friedberg hat ja schon mit Beginn der Saison 12/13 begonnen, die Kreisoberliga und die KLA in einem verträglichen Rahmen zu verringern. In der nächsten Saison spielen wir mit je 17 Vereinen in unseren beiden höchsten Ligen, übernächste Saison gehen wir dann in diesen beiden Ligen mit je 16 Mannschaften an den Start. Wir haben dann weniger Spiele unter der Woche und eine längere Winterpause.

Seit dem 1. Juli ist der elektronische Spielbericht für alle Ligen Pflicht. Hat die Umstellung von Papier auf Computer überall reibungslos geklappt?

Bastian: Noch vor der Übernahme der Position des Kreisfußballwartes habe ich großen Wert darauf gelegt, dass die Vereine im Rahmen einer sogenannten Testphase den elektronischen Spielbericht beschnuppern können. Mit Thomas Kaden konnte der verantwortliche Mann im Hessischen Fußball-Verband für den elektronischen Spielbericht für einen Schulungsabend in Ilbenstadt gewonnen werden. Was zu Beginn sehr zögerlich angelaufen ist, hat sich mittlerweile zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt. Es ist für Vereine und Schiedsrichter selbstverständlich geworden, mit Hilfe des Computers den Spielbericht zu fertigen. Besonders stolz bin ich auf unseren Kreisjugendausschuss, der die Verantwortlichen unserer Vereine im Jugendbereich schon ein Jahr vor der offiziellen Inbetriebnahme des elektronischen Spielberichts davon überzeugen konnte, diesen in fast allen Spielen aller Altersstufen anzuwenden.

Welche Vereine oder Spieler haben Ihnen im abgelaufenen Jahr besonders imponiert? Von wem hatten Sie mehr erwartet?

Bastian: Als Stellvertreter des Regionalbeauftragen Harald Vorndran und als Stellvertreter von ihm in der Klassenleitung der Gruppenliga Frankfurt-West freue ich mich natürlich sehr über die unangefochtene Spitzenstellung unserer Sportfreunde von Türk Gücü Friedberg in dieser Spielklasse. Ich drücke dem Verein von ganzem Herzen die Daumen, dass das große Ziel, der Aufstieg in die Verbandsliga Süd, in dieser Saison realisiert werden kann. Sehr bedauerlich ist die Tatsache, dass mehrere Wetterauer Klubs in der Verbandsliga und der Gruppenliga Frankfurt am Main West abstiegsgefährdet sind. Hier gilt es, in der Rückrunde alle Kräfte zu mobilisieren, um dem Abstieg zu entgehen.

Kenner der Szene behaupten, im Amateurbereich gehe es mit dem Leistungs-Niveau seit Jahren permanent bergab. Teilen Sie diese Meinung?

Bastian: Diese Auffassung vermag ich nur bedingt zu teilen. In der Tat ist es allerdings so, dass der Fußball im Allgemeinen schwere Zeiten durchlebt. Viele Amateurvereine haben keine eigene Jugendabteilung mehr oder sind in Jugendspielgemeinschaften aktiv. Dies hängt mit vielen Ursachen zusammen. So ist beispielsweise die Möglichkeit der Freizeitgestaltung für unsere Jugendlichen gegenüber früheren Zeiten ungleich größer geworden. Deshalb finden die Vereine teilweise keinen Nachwuchs, die zweiten Mannschaften können nicht mehr existieren oder nur noch mit älteren Spielern bestückt werden. Dies fördert sicherlich nicht das Niveau des Fußballs an der Basis. Im höheren Amateurbereich ist das Leben für unsere Vereine auch härter geworden. Immer mehr Sponsoren wenden sich ab, Zuschauerzahlen sind rückläufig. Überdurchschnittliche Spieler dieser Spielklasse wechseln oft in der Winterpause zum nächsten, vielleicht zahlungskräftigeren Verein. Somit ist es für einen Verein schwer, ein konstantes Niveau zu halten. Ob jetzt von der Hessenliga bis zu den B-Ligen schlechter als vor 20 Jahren gespielt wird, vermag ich nicht zu beurteilen. Allerdings haben sich die Rahmenbedingungen und die daraus entstehenden Konsequenzen drastisch geändert.

Wie sieht es bei den Schiedsrichtern aus? War es zu Ihren aktiven Zeiten einfacher, eine Partie ohne größeren Flurschaden über die Zeit zu bringen?

Bastian: Die Schiedsrichter haben schon immer im Brennpunkt gestanden. Dies war früher schon so und wird auch in Zukunft so sein. Mit einem Pfiff entscheidet der Schiedsrichter nicht nur für eine Mannschaft, sondern immer auch gegen die andere Mannschaft, welche naturgemäß nicht immer sehr erfreut über diese Entscheidungsfindung ist. Eine Spielleitung lebt in erster Linie von der Persönlichkeit des Spielleiters. Hier haben ältere und erfahrene Schiedsrichter natürlich einen immensen Vorteil gegenüber der jungen Garde der Unparteiischen. Ein persönlicher Wunsch von mir wäre die flexible Altersgrenze für Schiedsrichter. Es ist doch nicht nachzuvollziehen, warum ein körperlich und geistig noch voll im Saft stehender Schiedsrichter die Kreisoberliga verlassen muss, nur weil er eine festgelegte Altersgrenze erreicht hat. Selbstverständlich müsste das aber immer unter der Prämisse stehen, dass die Nachwuchsschiedsrichter trotzdem Aufstiegsmöglichkeiten haben und der ältere Schiedsrichter den Platz nur für eine Übergangszeit erhält.

Stichwort Zuschauer-Interesse: Profi-Fußball ist in allen Varianten der große Renner, während die Amateure jeden Zaungast per Handschlag begrüßen können. Sehen Sie Möglichkeiten, wieder mehr Publikum auf die heimischen Sportplätze zu locken?

Bastian: Das Freizeitverhalten der Bevölkerung insgesamt hat sich geändert. Der Amateurfußball kämpft natürlich auch das ganze Wochenende mit der konkurrierenden Berichterstattung über den Profifußball im Fernsehen. Das Fernsehen löst lokale Bindungen auf und verwöhnt den Fußballkonsumenten, das Amateurspiel bleibt gegen das Profispiel ohne Chance. Außerdem findet man ein hausgemachtes Problem: In nicht wenigen Amateurmannschaften, selbst in den unteren Ligen, spielt kaum noch jemand aus dem eigenen Ort. Somit geht auch die Identifikation mit dem eigenen Verein verloren. Man kann mit einer hohen Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass die hohen Zuschauerzahlen im Amateurfußball der Vergangenheit angehören. Ich sehe auch keine Möglichkeit, dies in absehbarer Zeit zu ändern.

Am kommenden Freitag startet die Hallenfußball-Kreismeisterschaft in vier Sporthallen mit den ersten Vorrunden-Begegnungen. 40 Vereine sind mit von der Partie. Die Anzahl jener Klubs, die teilnehmen, ist rückläufig. Wo liegt die Grenze, ab der sich der ganze Aufwand für den ausrichtenden Kreisfußballausschuss nicht mehr lohnen würde?

Bastian: Wir haben uns in den vergangenen Wochen sehr intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt und sind es unserem Sponsor, der Sparkasse Oberhessen, sowie unseren Vereinen schuldig, hier initiativ zu werden. So finden die Zwischen – und Endrunde der Meisterschaften 2013 letztmals in Friedberg in der dortigen Sporthalle statt. Angedacht ist, künftig die Zwischen- und Endrunde zeitlich anders zu positionieren. Zwischenrundenstart am Freitagabend, Fortsetzung am Samstagnachmittag und gleich anschließend die Endrunde – so in etwa könnte das dann aussehen. Wir erhoffen uns dadurch größere Resonanz beim Publikum und den Vereinen, auch weil dann endlich die Möglichkeit besteht, der Wetterauer Fußballfamilie nach Beendigung der Spiele einen attraktiven Ausklang im Rahmen der dritten Halbzeit anzubieten. Dies war aus bestimmten Gründen in der Vergangenheit in Friedberg leider nicht möglich. Ebenfalls wird es die Aufgabe des Kreisfußballausschusses sein, ab 2014 für ein passendes Rahmenprogramm zu sorgen, welches die Attraktivität der Veranstaltung steigern soll. Hier genießt der Kreis Büdingen seit vielen Jahren Vorbildfunktion. Dort haben sich die Kreismeisterschaften in der Halle dank der rührigen Bemühungen von Jürgen Radeck und Gerhard Schröder zu einem festen Bestandteil im Jahreskalender für die Fußballer entwickelt und werden entsprechend vom Publikum und den Vereinen angenommen. Uwe Born

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