01. März 2021, 12:00 Uhr

Leichtathletik in der Wetterau

Leichtathletik-Trainer im Interview: »Es ist falsch, dass der Sport Letzter bei den Öffnungen ist«

Für die Leichathletik ist die Coronavirus-Pandemie eine Bedrohung. Das Wegfallen von Training und Wettkämpfen sorgt vor allem für Sorgen um den Nachwuchs, wie ein Trainer im Interview erklärt.
01. März 2021, 12:00 Uhr
Avatar_neutral
Von Tanja Weber
Die Leichtathletik-Vereine bangen aufgrund der Corona-Einschränkungen vor allem um den Nachwuchs, der sich vor allem vermehrt mit digitalen Medien beschäftigt. (Foto: imago sportfotodienst)

Der TSV Friedberg-Fauerbach ist einer der größten Leichtathletik-Vereine im Wetteraukreis. Alleine in der Kinderleichtathletik tummeln sich normalerweise in vier Trainingsgruppen knapp 100 Kinder auf dem Friedberger Burgfeld. Die Betonung liegt auf »normalerweise«. Denn aktuell ruht alles aufgrund der Einschränkungen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie. Doch wie wirkt sich das auf die Kinderleichtathletik aus? Darüber haben wir mit Lars Hieronymi gesprochen. Der Langsprinter ist neben seiner Tätigkeit als Aktiver auch Vorstand Leistungssport für Leichtathletik in der Talentschmiede aus dem Friedberger Stadtteil.

Herr Hieronymi, ab welchem Alter kann man bei euch in die Leichtathletik einsteigen?

Unsere jüngsten Kinder trainieren spielerisch in der U 6-Gruppe, also praktisch ab dem Kindergartenalter mit vier Jahren ist der Einstieg schon möglich.

Wie ist das Training im Schülerbereich normalerweise aufgebaut?

Zwei Jahrgänge sind immer in einer Trainingsgruppe zusammengefasst: U 6, U 8, U 10 und U 12. Normalerweise wechseln die Kinder am Ende einer Leichtathletik-Saison, also im Herbst, ihre Trainingsgruppe. Der Corona-Lockdown hat uns genau in dieser Übergangsphase getroffen, und wir wissen nicht, wie viele Kinder wir konkret bei diesem Gruppenwechsel verloren haben.

Wie halten Sie momentan den Kontakt zu den Kindern aus dem Verein?

Wir fahren zweigleisig. Natürlich bieten wir digitales Training an. Einmal die Woche findet per Zoom zu Hause Training mit laufspezifischer Athletik statt. Damit fahren wir in der U 12 und seit kurzem auch in der U 10 ganz gut. Die Kinder interagieren hier miteinander und tauschen sich aus. Zudem stellen wir Trainingspläne zur Verfügung. Jeweils zwei Athleten können sich treffen und den Trainingsplan auf privater Ebene im Freien umsetzen. Damit fahren wir in der U 12 besonders gut, hier sind aktuell bis zu 15 Kinder aktiv. Aber in der U 8 und U 6 läuft das nicht so gut.

Wieso erreichen Sie die Kinder der Altersklassen U 8 und U 6 schlechter?

Hier liegt es hauptsächlich an den Eltern. Aufgrund des Homeschoolings sind die nicht so gewillt, ihr Kind nachmittags schon wieder für eine Stunde Kinderleichtathletik vor den Computer zu setzen. Es ist allerdings auch klar, dass die Fünf- bis Siebenjährigen eher spielerisch trainieren möchten, ins Training gekommen sind, um sich mit anderen »auszutoben«. Das ist digital eben nicht möglich. Zu Beginn des Lockdowns haben wir deshalb Videos mit kleinen Challenges, gerade für die Jüngsten, herausgegeben.

Glauben Sie, dass durch die Corona-Krise eine Art Bildungslücke in der Ausbildung der motorischen Fähigkeiten entsteht?

Die entsteht nicht erst, da sind wir schon mittendrin. Viele Kinder können keinen Purzelbaum mehr oder auf einem Bein balancieren. Durch die Digitalisierung bewegen sie sich in ihrer Freizeit immer weniger draußen. Fallen dann noch Vereinsangebote weg, verstärkt sich dieser Negativtrend zusätzlich.

Kann es also »nach Corona« noch schwieriger werden, Kinder zur Leichtathletik zu bewegen?

Definitiv ja! Die Digitalisierung bietet ja nicht nur Vorteile, es hat sich eine neue »digitale Kultur« bei den Jugendlichen entwickelt. Man trifft sich im Netz, zockt gemeinsam und geht nicht mehr vor die Tür. Es wird schwer, die Kinder von den Sozialen Medien wegzubringen. Sie sind es gewohnt, wie bequem es ist, nichts zu tun. Wir beobachten momentan ja schon, dass eigentlich nur die Kinder an unseren Trainingsmaßnahmen teilnehmen, die eine hohe Eigenmotivation haben. Die Schere zwischen leistungsstarken und weniger leistungsstarken Kindern und Jugendlichen wird so immer größer.

Damit würden in der Leichtathletik und generell im Sport in einigen Jahren Talente fehlen, oder?

Dies wird ganz klar so kommen. Die Verbände sind gefordert, die Breite mehr zu fördern und nicht nur den Spitzensport. Denn um Spitzensportler hervorzubringen brauche ich in einer Sportart auf lange Sicht zunächst eine große Breite. Die Kinderleichtathletik hat extrem darunter gelitten, dass es 2020 keine Wettkämpfe gab. Dabei müssen gerade Kinder herausgefordert werden, um motiviert für die Sportart zu bleiben.

Was kann die Politik hier tun?

Es ist aus meiner Sicht falsch, dass der Sport als Letztes geöffnet werden soll. Die Vereine sollten zeitgleich mit den Schulen öffnen können. Kinder sollten geregelt Sport treiben können. Hygienekonzepte in den Vereinen sind ja von der Zeit nach dem ersten Lockdown noch vorhanden. Schulsport ist ja nun wieder erlaubt, sogar das Schulschwimmen in den Städten, in denen Bäder wieder öffnen, ist zulässig - etwa in Frankfurt, Usingen oder Gießen. Wo ist da der Unterschied? Die Leichtathletik ist ein Individualsport - das kann man nicht mit Mannschaftssportarten wie Fußball, Eishockey oder Handball vergleichen, wo es unweigerlich zu direkten körperlichen Kontakten kommt. FOTO: PV



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos