18. August 2009, 22:40 Uhr

Boller lockert die Muskeln der Zehnkämpfer

Die Könige der Leichtathletik steigen heute im Berliner Olympiastadion bei der Leichtathletik-WM ein, und Robert Boller aus Nieder-Wöllstadt ist mittendrin.
18. August 2009, 22:40 Uhr

Die Könige der Leichtathletik steigen heute im Berliner Olympiastadion bei der Leichtathletik-WM ein, und Robert Boller aus Nieder-Wöllstadt ist mittendrin. Denn der Physiotherapeut kümmert sich um die körperlichen - und manchmal auch seelischen - Wehwehchen der starken Männer. Seit der Gründung des Zehnkampf-Teams 1990 - einem Zusammenschluss aus Athleten, Trainern, Medizinern, Betreuern und Freunden - ist Boller dabei, und der insgesamt über zwei Wochen dauernde Einsatz bei der Heim-WM gehört zu den Höhepunkten in seiner »Karriere«.

»Es ist genau so, wie der Hochsprung-Trainer Günter Eisinger es hier in dieser Zeitung mal gesagt hat: Du erlebst Dinge, die du für Geld nicht kaufen kannst«, beschreibt Boller seine Erfahrungen aus 20 Jahren Zehnkampf-Team. Im Mai 1990, bei den ersten gesamtdeutschen Leichtathletik-Meisterschaften nach der Wiederveinigung, kam der 53-Jährige erstmals für die Zehnkämpfer zum Einsatz. Der Kontakt kam über den Karbener Mehrkämpfer Thorsten Dauth zustande, der dann 1992 in Barcelona bei den Olympischen Spielen startete. Boller hatte seinerzeit wenige Jahre zuvor seine Praxis in Nieder-Wöllstadt gegründet. Über seinen Zivildienst beim Roten Kreuz war er in die medizinische Schiene reingerutscht.

»Wasserträger der Leichtathleten«

Als Masseur und Physiotherapeut kam Boller zum Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV), im Zuge seiner Tätigkeit beim Zehnkampf-Team wurde er parallel vom Deutschen Sport-Bund (DSB/heute DOSB) zum Sportphysiotherapeuten ausgebildet. Noch heute lobt er die Idee des Zehnkampf-Teams. »Das ist eine sehr gute Geschichte. Die Sache wird neben DLV-Mitteln durch Freunde und Gönner finanziert, und die Mehrkämpfer haben eine optimale Betreuung«, erklärt der »Wöllstädter Bub«. Neben mehreren »Physios« bilden drei Ärzte, ein Koch und ein Sportpsychologe das Team. »Das gehört heute einfach dazu, Ernährung und psychologische Betreuung werden immer wichtiger.« Die Zusammenarbeit zwischen Physiotherapeuten, Psychologe und Trainer sei das Fundament einer starken Leistung und könne - wird die Kommunikation optimal praktiziert - rund 100 Zehnkampf-Punkte bringen, meint Boller.

Erlebt hat Robert Boller in den erwähnten 20 Jahren eine ganze Menge. »Du bist zwar der Wasserträger der Leichtathleten, aber es macht einfach verdammt viel Spaß«, sagt der passionierte Jogger. Insbesondere die Trainingslager in Südafrika haben es ihm angetan. »Dort ist es einfach landschaftlich sehr schön, ich komme immer wieder gerne dorthin«. Man sei dann auch mal bei Einheimischen eingeladen und verbringe dort neben der Arbeit auch eine tolle Freizeit, speziell wenn an die Trainings- noch Urlaubstage drangehängt werden. Diese verbringt Boller dann mit seiner Frau Beatrix, die auch in Südafrika schon mehrmals mit von der Partie war.

»Meine Frau ist mittlerweile natürlich auch mit dem Zehnkampf-Virus infiziert«, sagt Boller. Sie sei dieses Jahr im Mehrkampf-Mekka Götzis (Österreich) mitgewesen, bei Michael Schraders sensationellem Sieg haben auch ihr die Tränen in den Augen gestanden. Später in der aktuellen Saison dann, als der beste deutsche Zehnkämpfer und Medaillenkandidat für Berlin wegen einer Verletzung seine Saison beenden musste, war Boller auch ganz nah dran. »Das ist schon bitter, Michis Leistung in Götzis war schon herausragend gewesen«, erzählt Boller, der die familiäre Atmosphäre im Zehnkampf-Team schätzt.

Aber auch negative Erlebnisse gehören zum Geschäft. »Richtig schlimm war, als dem Paul Meier die Achillessehne weggeflogen ist«, sagt Boller über jenen Tag, als dem WM-Dritten von 1993 eine Sehne an dem wunden Punkt eines jeden Sportlers riss.

Positives und Negatives vereinen sich bei Boller auf der Liege, wenn die Athleten zur Behandlung kommen. »Da kriegst du auch mal sehr interne oder sogar sehr intime Sachen erzählt.« Wichtig wäre jedoch, dass dies im Raum bleibe. Eltern, Funktionäre und auch mal der Freund oder die Freundin würden verbal durch den Kakao gezogen. »Die Vertrauensbasis ist da, und das musst du auch aufrecht erhalten. Sonst machst du dich natürlich sehr unbeliebt«, sagt Boller.

17-Stunden-Tage in Berlin

In Berlin gehört Boller zu den acht Physiotherapeuten, die sich um die 90 deutschen Athleten kümmern. 17-Stunden-Tage sind dann keine Seltenheit, gerade wenn heute und morgen der Zehnkampf ansteht. »Ab und zu verlangen die Athleten ganz schön viel«, meint der Wöllstädter mit Verweis auf einen alten Bekannten in der Leichtathletik-Szene. »Frank Busemann, der Olympia-Zweite von 1996, war immer einer, der viel Krankengymnastik brauchte.«

Seit über einer Woche ist Boller schon für die Leichtathleten im Einsatz, zunächst im Bundesleistungszentrum in Kienbaum und seit WM-Beginn direkt in Berlin. Verzichten müssen somit hierzulande seine Athleten auf die Behandlung bei ihm. »Ohne die Unterstützung meiner Frau und meiner Mitstreiter in der Praxis wäre meine Tätigkeit für das Zehnkampf-Team nicht möglich«, sagt Boller, für den der Berlin-Aufenthalt nicht die erste längere Abwesenheit des Jahres ist. Trainingslager in Südafrika, U23-Europameisterschaften in Litauen (Boller war dort Delegationsleiter der Physios) oder Wettkämpfe in Berlin und Götzis - Boller ist viel unterwegs. Genauso steht er jedoch für seine Athleten zur Verfügung, wenn diese auf der Durchreise sind. Heute sind seine drei Topathleten jedoch in Berlin. »Mein Geheimfavorit auf eine Medaille ist Norman Müller«, tippt er. Eins sei den Athleten jedoch sicher: »Sie haben Heimvorteil, denn alleine vom Zehnkampf-Team sind 120 Fans mit einheitlichen T-Shirts dabei.« Michael Wiener

 

Das ist Robert Boller

Robert Boller ist 53 Jahre alt und nach eigenen Angaben ein echter »Wöllstädter Bub«. Seit 23 Jahren betreibt er eine Praxis für Physiotherapie in seiner Heimatgemeinde, in der auch seine Frau Beatrix arbeitet. Boller ist (Sport-) Physiotherapeut, Masseur, Medizinischer Bademeister und staatlich geprüfter und anerkannter Lymphdrainagen-therapeut.

Die Zehnkämpfer des Deutschen Leichtathletik-Verbandes betreut er seit 1990 mit. Zu seinen Athleten gehören noch weitere Leichtathleten, beispielsweise der U20-Europameister mit der Staffel von 2005, der Butzbacher Nils Müller vom TSV Friedberg-Fauerbach. Aber auch die Fußballer des SV Nieder-Wöllstadt lassen sich von ihm behandeln.

In seiner Freizeit ist Boller auch mal zum Holzmachen mit seinem Traktor unterwegs, außerdem ist er beim Gesangverein Concordia in Nieder-Wöllstadt aktiv. Joggend sieht man ihn gelegentlich auf dem Trimm-Pfad im Karbener Wald - oder mit seiner Praxis-Staffel beim Marathon in Frankfurt. (mw)

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