05. November 2010, 15:52 Uhr

»Das Gehirn will ständig beschäftigt werden«

Er ist einer der Top-Sportpsychologen in Österreich und hat jahrelang für den Österreichischen Fußball-Verband, Rapid Wien und den Handballfrauen von Hypo Niederösterreich gearbeitet. Heute ist Dr. Walter Oberlechner für die Akademie des Grazer AK tätig, und auch viele andere Fußballer gehören zu den Klienten des studierten Betriebspsychologen und Musikwissenschaftlers. Im Gespräch mit WZ-Mitarbeiter Jan Martin Strasheim spricht Oberlechner, der derzeit den Frauenhandball-Zweitligisten TV Mainzlar betreut, über die Bedeutung der Psychologie im Sport.
05. November 2010, 15:52 Uhr
Ein gefragter Mann: Der Sportpsychologe Dr. Walter Oberlechner betreut derzeit unter anderem die Handballfrauen vom TV Mainzlar. (Foto: jms)

Sie haben einst bei 1860 München ihre Erfahrungen in der deutschen Bundesliga eingebracht. Was haben Sie bei den Löwen erlebt?

Dr. Oberlechner: Bei 1860 war damals Walter Schachner der Trainer. Die Löwen verloren mehrere Spieler in Folge, und er fragte mich, was wir nun machen. Ich habe für so einen Fall einen Fragenkatalog erarbeitet, mit dem ich die Spieler konfrontiere. Leider hat Schachner einen großen Fehler gemacht und gleich zu diesem Thema eine Pressekonferenz einberufen. Der Münchener Merkur hat darauf reagiert und die Fragen aus der jeweiligen Spielersicht fiktiv beantwortet. Das war natürlich eine Katastrophe. Die ganze Wirkung war dahin.

Als österreichischer Fußball-Experte können Sie sicher auch einschätzen, wie der Bremer Arnautovic sich in Zukunft weiterentwickeln wird. Er gilt ja als großes Talent ihrer Nation.

Dr. Oberlechner: So wie er sich gibt, kommt er nicht weit. Ich habe wenig Hoffnung, da er ein Selbstdarsteller ist und in jungen Jahren nicht so gefestigt wirkt. Er wird es genauso wenig schaffen wie der Frankfurter Ümit Korkmaz. Es wundert mich bei ihm nicht, dass er bei der Eintracht nur auf der Tribüne sitzt. Beide können kaum Verantwortung für sich übernehmen.

Wann ist ein Spieler in der Lage, Verantwortung zu übernehmen?

Dr. Oberlechner: Es gibt Studien, die zeigen, dass Sportler sich auch neben dem Spielfeld entwickeln müssen. Das Gehirn arbeitet und will beschäftigt werden. Wenn ich nichts tue, gibt es eine Rückentwicklung. Ich habe ein gutes Beispiel parat. Zlatko Junuzovic galt immer als besonderes Talent im österreichischen Fußball. Doch er wollte sich partout nicht weiterentwickeln und neben dem Fußball etwas machen. Er hat meine Warnungen in den Wind geschlagen und wurde immer schwächer. Jetzt hat er ein Mädchen kennen gelernt. Sie studiert Jura, und plötzlich bildet auch er sich weiter. Er ist viel konzentrierter bei der Sache und trifft für Austria Wien, wie er will. Alle Spieler, die studieren oder sich geistig fordern, sind besser als diejenigen, die nur trainieren und sonst nichts machen. Das ist ein Fakt.

Welche Fußballer sehen Sie als richtige Personen an?

Dr. Oberlechner: Vor allem Torhüter. Sie sind die richtigen Fußballer, weil sie den größten Druck aushalten müssen. Oliver Kahn hat einmal gesagt, dass er sich die Situation mehrfach durch den Kopf hat gehen lassen. Dann ist es so eingetreten, und er hatte den Ball gehalten. Das ist der wichtige Ansatzpunkt. Im Kopf muss es stimmen. Die richtig guten Feldspieler machen das auch so. Ronaldinho sagte einmal, dass er 100 Mal über eine Aktion nachgedacht habe. Dann hat er sie 50 Mal im Training versucht. Und beim zehnten Mal im Spiel hat es dann geklappt. Da kann man sehen, wie wichtig der Kopf ist.

Derzeit gibt es in der Fußball-Bundesliga einen neuen Trainertyp. Jürgen Klopp und Thomas Tuchel erfrischen mit ihren neuen Führungsstilen. In Frankfurt arbeitet Michael Skibbe als stets ruhiger und freundlicher Zeitgenosse. Ist für die Schreihälse und älteren Hardliner kein Platz mehr?

Dr. Oberlechner: Schreien bringt gar nichts. Das habe ich auch Mainzlars Trainer Jürgen Gerlach gesagt. Kein Trainer wird erfolgreich arbeiten, wenn er seine Spieler anschreit. Der ruhige Trainer wird auf Dauer erfolgreicher sein - natürlich vorausgesetzt, er hat die nötige Fachkompetenz. Ich nehme Otto Rehhagel als Beispiel. Ich weiß von Andreas Herzog, der früher unter Rehhagel bei Werder Bremen gespielt hat, dass er jede Woche einen Spieler zu sich zum Essen eingeladen hat. Das war ein genialer Schachzug. Denn die Spieler haben das ihrem Trainer auf dem Feld mit Hingabe und Einsatzbereitschaft gedankt. Im Hinterkopf hatten sie: Für diesen Trainer muss ich alles geben. Deswegen hatte er so großen Erfolg.

Jürgen Klinsmann hatte bei der Weltmeisterschaft 2006 großen Erfolg. Wie sehen Sie in der Nachbetrachtung seine Methoden?

Dr. Oberlechner: Das war genau richtig. Die Spieler hatten in jeder Sekunde das Gefühl, dass sich um sie gesorgt wird und haben es mit Leistung gedankt. Vier Wochen einen so großen Druck auszuhalten, ist natürlich auch ganz besonders schwierig. Deshalb war es richtig, einen Psychologen dabei zu haben. Klinsmann hat genau richtig gearbeitet.

Doch letztlich wurde er in München rausgeworfen, obwohl er dort weitergemacht hat, wo er beim DFB angefangen hat...

Dr. Oberlechner: Weil er schon bei der WM einen großen Fehler gemacht hat. Er darf niemals einen Film drehen, wenn er in der Kabine steht und seine Spieler motiviert. Das ist Gift für den Job als Trainer. Da gehören die Türen zugemacht. Was in der Kabine passiert, geht die Öffentlichkeit unter keinen Umständen was an. Da hat er viel Kredit verspielt.

Der 17-jährige Sonny Kittel schnuppert derzeit bei Eintracht Frankfurt Bundesligaluft und sagt selbst, dass er trotz aller Vorschusslorbeeren auf dem Boden bleiben muss. Er absolviert eine Ausbildung im Fanshop und legt regelmäßig Extraschichten ein. Wagen Sie mal eine Ferndiagnose! Schafft Kittel - der fußballerisch alles mitbringt - den Sprung?

Dr. Oberlechner: Spieler, die so denken, schaffen es. Gerade im Fußball gibt es viele äußere Einflüsse, denen man energisch trotzen muss. Als junger Bursche hat man damit oftmals Probleme und denkt, man ist der Größte. Dann ist es zu spät! Wenn er zurückhaltend ist und dennoch an sich glaubt und hart arbeitet, dann packt er es. Die Ausbildung, die er absolviert, hilft ihm dabei. Unser Gehirn will ständig arbeiten - gerade das eines 17-Jährigen.

Vielleicht können Sie bald mal ein Abstecher zur HSG Wetzlar machen. Dort hat Trainer Michael Roth die Brocken hingeworfen. Im Verein herrscht seit Monaten das Chaos. Roth hat seinen Abgang mit diesen widrigen Umständen begründet. Eine bloße Ausrede, oder muss sportlicher Erfolg zwingend mit einer guten Vereinsführung einhergehen? Ist das psychologisch begründbar?

Dr. Oberlechner: Der Fisch stinkt vom Kopf. Das ist einfach so. Es ist sehr schwierig, sportlich erfolgreich zu sein, wenn es im Klub nicht stimmt. Ich kenne mich bei der HSG Wetzlar nicht so aus, kann aber nur bestätigen, dass ein intaktes Vereinsumfeld eine Grundvoraussetzung für Erfolg ist. Alle Nebengeräusche bleiben im Hinterkopf des Spielers haften und lähmen seine Handlungsfähigkeit.

Sie sind in der Nachwuchsakademie des Grazer AK eingebunden und arbeiten dort viel mit jungen Spielern zusammen. Was würden Sie den Nachwuchstalenten aus der Wetterau mit auf den Weg geben?

Dr. Oberlechner: In erster Linie Besonnenheit. Bis man etwas erreicht hat, ist ein langer und weiter Weg zu bewältigen. Das geht nicht von heute auf morgen. Niemand darf sich blenden lassen und muss stets selbstkritisch mit sich und seiner Leistung umgehen. Wichtig ist, dass man sich auf das Wesentliche konzentriert. Wissbegierigkeit und die Bereitschaft zu lernen müssen da sein.

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