Sport-Mix

Herzmuskelentzündung: Wenn Sport gefährlich wird . . .

(mn) Sportschuhe oder Bettruhe? Ein einfacher Schnupfen oder ein grippaler Infekt? Wehleidig oder übertrieben ehrgeizig? Wann darf ein Sportler das Training wieder aufnehmen? »Man sollte auf seinen Körper hören«, sagt Dr. Wolfgang Ricken, der Geschäftsführende Oberarzt der Kardiologie in der Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim.
07. April 2016, 18:23 Uhr
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»Eine mittlere Belastung fördert die Abwehrkräfte und die allgemeine Gesundheit«, sagt Dr. Wolfgang Ricken, der Geschäftsführende Oberarzt der Kardiologie in der Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim im Gespräch mit unserer Redaktion.

Die Krankheitsabläufe seien in diesem Jahr deutlich länger. »Die Aggressivität der Viren nimmt zu. Oft kehren Menschen aber zu früh an ihren Arbeitsplatz zurück oder steigen wieder ins Training ein und belasten ihren Körper, obwohl das Abwehrsystem geschwächt ist«, sagt Dr. Wolfgang Ricken. Zum heutigen Weltgesundheitstag spricht der 64-Jährige mit unserer Redaktion über den Wiedereinstieg ins Training nach grippalen Infekten, die Gefahr von Herzmuskelentzündungen und den plötzlichen Herztod – auch von Profisportlern.

Dr. Wolfgang Ricken, wie lange sollte man nach einem grippalen Infekt sportlich pausieren?

Dr. Wolfgang Ricken: Die Erholungsphase nach einem Infekt ist sehr individuell. Das Immunsystem jedes Menschen weist eine unterschiedliche Reaktionsfähigkeit auf. Gerade in diesem Jahr sind die Infekte sehr intensiv, lang anhaltend und mit einer deutlich verlängerten Rekonvaleszenz teils von drei bis vier Wochen. Eine Pause bezüglich des Sports nach einer solch langen Phase der Erkrankung sollte entsprechend länger dauern, bis zu drei Monate. Der Beginn der Aktivität sollte langsam gesteigert und auf einem niedrigen Ausgangsniveau gestartet werden. Man sollte auf seinem Körper hören.

Wann bezeichnet man eine Grippe als verschleppt?

Ricken: Als verschleppt kann man eine Grippe, wie auch jede andere entzündliche Erkrankung bezeichnen, wenn man sich über einen Infekt hinwegsetzt; zum einen durch fehlende Schonung, zum anderen auch durch Sporttreiben mit Doping durch sogenannte Grippemittel, die Wunder versprechen. Diese Form des Vorgehens birgt ein hohes Risiko, einen dauerhaften Schaden, wie eine Herzmuskelschwäche durch eine Myokarditis, eine Herzmuskelentzündung, zu entwickeln.

Darf man Sport treiben, wenn man sich rasch wieder gesund fühlt?

Ricken : Generell sollte man sich nach einem Infekt der oberen Luftwege, einer Bronchitis oder gar einer Lungenentzündung, aber auch nach einem Magen-Darm-Infekt schonen. Sportliche Aktivitäten sollten erst dann wieder erfolgen, wenn man sich wirklich wieder gut fühlt. Sportlich aktive Menschen und insbesondere Leistungssportler neigen dazu, nicht auf die innere Stimme, das eigene Körpergefühl zu achten.

Wann droht eine Herzmuskelentzündung, und was versteht man darunter?

Ricken: Eine Herzmuskelbeteiligung bei entzündlichen Erkrankungen der Atemwege, aber auch des Magen-Darm-Traktes, tritt häufiger auf als man denkt. Begünstigt wird sie durch ein Übergehen der Erkrankung, fehlende körperliche Schonung und besonders, wenn Leistungssport weiterbetrieben wird. Viren attackieren die Herzmuskulatur und bewirken zunächst eine Verminderung der Leistungsfähigkeit des Herzens. In der Regel heilt diese folgenlos aus, kann aber auch zu einer Vernarbung und damit anhaltenden Schwächung des Herzens führen, der sogenannten Kardiomyopathie.

Was ist das Tückische dieser Entzündung?

Ricken: Die Symptome sind nicht als charakteristische Zeichen erkennbar und werden oft fehlgedeutet. Wird eine Herzmuskelentzündung übergangen, kann es zu lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen und einer zunehmenden Schwächung der Herzkraft kommen, die, falls keine ausreichende Erholung eintritt, bis hin zur Notwendigkeit einer Herztransplantation führt. Der plötzliche Tod von Sportlern ist oft auf derartig übergangene Entzündungen zurückzuführen. Es kommt jedes Jahr bei mehreren Hundert Menschen zu einem solchen Ereignis. In der Regel ist bei Kammerflimmern eine schnelle Herzrhythmusstörung im Bereich der Herzkammer die Ursache. Das Herz ist in diesem Fall nicht mehr in der Lage, ausreichend Blut durch den Kreislauf zu pumpen. Das Gehirn erhält nicht mehr genügend Sauerstoff und der Tod tritt ein.

Wie erkennen Sie eine solche Entzündung?

Ricken: Das klinische Erscheinungsbild ist sehr unterschiedlich und uncharakteristisch. Die Symptome werden oft mit den Symptomen eines Infekts interpretiert. Oft besteht lediglich zusätzlich ein Herzstolpern, teils jedoch auch, bei ausgeprägter Entzündung, Symptome wie bei einem Herzinfarkt mit typischem Brustschmerz, Luftnot bereits bei geringer körperlicher Belastung. Diese Symptome halten entweder länger an, persistieren, wie der Mediziner sagt, treten aber oft auch erst Tage bis Wochen nach Abklingen des Infektes auf.

Ist eine solche Entzündung zu therapieren?

Ricken : Da es sich in aller Regel um viral bedingte Herzmuskelentzündungen handelt, heilen diese in den meisten Fällen ohne eine spezifische medikamentöse Therapie ab. Die wichtigste Therapie besteht in körperlicher Schonung, insbesondere dann, wenn der Infekt durch Fieber und Gliederschmerzen und Erhöhung des Pulses begleitet ist. Eine spezifische Therapie bei nachgewiesener Myokarditis im Rahmen eines Virusinfektes ist in der Regel nicht erforderlich. Die Spontanheilungsrate, unterstützt durch das körpereigene Abwehrsystem, reicht in der Regel aus. Sollte eine Herzschwäche im Ultraschall erkennbar sein, erfolgt eine Behandlung mit Medikamenten, die das Herz entlasten. Eine frühzeitige antivirale Therapie empfiehlt sich nicht. Bei chronischem Verlauf kann unter Umständen eine antivirale Behandlung, eine Behandlung mit Immunglobulinen oder und eine Behandlung mit Kortison oder anderenImmunsuppresiva erforderlich sein.

Was empfehlen Sie, um das frühzeitig festzustellen?

Ricken: An erster Stelle steht die genaue Erhebung der Anamnese, die körperliche Untersuchung, insbesondere auch das Abhören des Herzens. Hierbei können krankhafte Geräusche und Herztöne erkannt werden. Des Weiteren erfolgt die Blutuntersuchung auf Entzündungszeichen, hier insbesondere auch die Kontrolle von spezifischen Werten wie des Troponins und des Herzmuskelenzyms Kreatinkinase, das Anfertigen eines EKG und die Herzultraschalluntersuchung. In besonderen Fällen ist die Magnetresonanztomografie als sehr genaue und schonende Untersuchungsmethode zu nennen, die auch für die Verlaufsbeobachtung hilfreich ist und als einzige nicht invasive Methode die Diagnose Myokarditis stellen lässt. Der Haken ist, dass diese Untersuchung den gesetzlich versicherten Patienten im ambulanten Bereich nicht zur Verfügung steht. Sollte die Entzündung anhalten, ist die Entnahme einer Gewebeprobe zu erwägen.

Kann man vorbeugend etwas tun?

Ricken: Die entscheidende Maßnahme zur Vorbeugung besteht in strikter körperlicher Schonung. Sport ist verboten. In der akuten Phase einer entzündlichen Erkrankung ist auch ein geringes Training auf dem Hometrainer oder Treppensteigen eine Belastung, die vermieden werden sollte. Körperliche Anstrengung vermindert drastisch die körpereigenen Abwehrkräfte.

Warum sind oft austrainierte Sportler vom plötzlichen Herztod betroffen? Gerade Profis stehen unter ständiger Kontrolle . . .

Ricken: Training auf Leistungssportniveau führt zu einer Verminderung der körpereigenen Abwehrkräfte. Wer den Körper zu lange und zu intensiv belastet, ist noch anfälliger als der sogenannte Bewegungsmuffel. Marathonläufer zum Beispiel erkranken in der Vorbereitung auf einen Wettkampf häufiger an Infektionen der Atemwege als weniger aktive Sportler. Messbar ist eine Verringerung des Immunsystems im Hochleistungstraining; im Übrigen ähnlich auch wie die Reaktion auf seelischen Stress. Nach einem Training sollten insbesondere in der Jahreszeit mit einer Häufung von Virusinfekten Menschenansammlungen vermieden werden.

Gibt es Warnsignale?

Ricken: Ungewöhnlich lang anhaltende Abgeschlagenheit, Luftnot in Ruhe und auf einer geringen Belastungsstufe, Herzrhythmusstörungen, Schmerzen in der Brust sind Warnsymptome, die zum Arzt führen sollten. Auf keinen Fall ist das Warten bis es wieder besser wird ein guter Tipp.

Was ist im Notfall zu tun?

Ricken: Bei akuten Schmerzen in der Brust, akuter Luftnot, Herzrasen oder Schwindelattacken sollte unmittelbar ein Arzt aufgesucht oder der Rettungsdienst gerufen werden. Diese Symptome können sowohl Zeichen einer Myokarditis sein, aber auch Zeichen eines Herzinfarktes.

Sind Männer und Frauen gleichermaßen betroffen? Muss man auch zwischen Kraft- und Ausdauersport unterschieden?

Ricken: Bezüglich des Geschlechts gibt es Daten, die eine Häufung bei Männern zu Frauen im Verhältnis 2:1 aufweisen. Zurückzuführen scheint dies auf die weiblichen Geschlechtshormone. Bezüglich des Kraft-/Ausdauersports sollte vorausgesetzt werden, dass ein Training ohne Doping durchgeführt wird. Zu empfehlen ist für das allgemeine Fitnesstraining eine Kombination. Gleiches gilt auch für Patienten mit Herz-Kreislauferkrankungen. Faustregel für das Training: Fünf Einheiten von jeweils 30 Minuten wöchentlich bei zwei Dritteln der maximalen Belastungsfähigkeit.

Wo ziehen Sie die Grenze zwischen gesundem und ungesundem Sport?

Ricken: Auch hier gilt eine Lebensweisheit: Eine mittlere Belastung fördert die Abwehrkräfte und die allgemeine körperliche Gesundheit. Hierbei ist eine Mischung aus Kraft und Ausdauertraining sinnvoll und effektiv. Das Abwehrsystem des Körpers wird dadurch am besten unterstützt. Das soll den Leistungssport nicht verteufeln, sondern für die Allgemeinheit eine Richtschnur sein.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/sport/lokalsport-wz/sport-mix/Sport-Mix-Herzmuskelentzuendung-Wenn-Sport-gefaehrlich-wird;art1833,111189

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