23. Juli 2015, 10:33 Uhr

»Physiotherapie ist so enorm wichtig«

(sno) Es gibt eine Frage, die die Verantwortlichen im Profifußball gerade enorm beschäftigt: Welchen Einfluss sollten Physiotherapeuten haben? Anne Lacroix, frühere Gießenerin, arbeitet als solche beim Frauen-Bundesligisten 1. FFC Frankfurt. Ihre Praxis ist Sportphysio- und Rehapartner des 1. FFC. Darüber haben wir mit ihr gesprochen.
23. Juli 2015, 10:33 Uhr
Die Spielerinnen des 1. FFC Frankfurt werden in Zukunft öfter in der Praxis von Anne Lacroix behandelt.

Seit Sommer 2014 arbeiten Sie für den Frauen-Bundesligist 1. FFC Frankfurt. Wie war das erste Jahr?

Anne Lacroix: »Intensiv. Dadurch, dass ich ja auch meine eigene Praxis betreibe, arbeite ich sehr viel. Aber beim Profisport musste ich nicht lange überlegen, ich wusste, dass das interessant ist. Meinen ersten Auftritt hatte ich gleich beim Champions League Spiel in Kasachstan. Das war dann auch die weiteste Auswärtsreise der Vereinsgeschichte (lacht). Es herrschen hier einfach andere Anforderungen. Im Trainingslager begleiten wir die Spielerinnen rund um die Uhr, verletzte Spielerinnen werden eng betreut. Und ansonsten geht es ja darum, seinen Körper zu pflegen, insbesondere wenn man gesund ist.«

Wie sieht die präventive Arbeit beim 1. FFC Frankfurt aus?

Lacroix: »Es gibt für jede Spielerin einen festen Tag in der Woche, an der der präventive Charakter im Vordergrund steht. Das ist bei uns gut organisiert. Die Behandlung wird dann mit Sauna oder Whirlpool verbunden.«

Und nun kommt noch die Sportphysio- und Reha-Partnerschaft zwischen dem Verein und ihrer Praxis hinzu.

Lacroix: »Dadurch können wir die Arbeit deutlich besser abstimmen. Auch wenn die Spielerinnen meinen ›Das geht schon», kann ich sagen: ›Nein, morgen sehen wir uns in der Praxis.» Es geht nicht nur darum, den Spielerinnen zu dienen. Ich habe einen medizinischen Auftrag.«

Bedingung für eine optimale Vorgehensweise ist ja auch, dass die Spielerinnen bereit sind, Zeit dafür zu investieren. Glaubt man den Aussagen von Physiotherapeuten bei Profifvereinen im Männerfußball, scheint diese Bereitschaft dort nicht immer vorhanden zu sein.

Lacroix: »Unsere Spielerinnen wissen ganz genau, was sie machen müssen. Spätestens wenn sie platt sind, wollen sie kommen. Aber wie wir wissen, sollte auch schon vorher eine Behandlung stattfinden. Ich denke, Frauen sind teilweise mehr bereit, für ihren eigenen Körper zu arbeiten.«

Die Männer stehen viel mehr im Fokus, ihr höchstes Gut ist ihr Körper.

Lacroix: »Ja. Selbst ich wurde in meiner aktiven Sportlerzeit schon mit dem Thema Prävention im Leistungssport konfrontiert. Und das war in den 90er Jahren. Daher verwundert mich das etwas. Seitdem ich beim 1. FFC bin, merke ich: Der physiotherapeutische Bereich ist so enorm wichtig.«

An welche Dinge denken Sie da?

Lacroix: »Es geht darum, die Muskulatur wieder zu lockern, damit keine Verhärtungen entstehen. Akutmaßnahmen müssen sitzen. Und individuelle Schwachstellen müssen erkannt werden. Dann kann man ihnen entgegenwirken. Je besser man eine Spielerin kennt, desto besser kann man ihr helfen. Unsere ehemalige Spanierin Verónica Boquete (in dieser Saison zum FC Bayern München gewechselt, Anm. d. Red.) entwickelte nach einer Verletzung zum Beispiel eine Schonhaltung. Ihr Ablauf war nicht mehr perfekt, Becken und Beine haben sich etwas verzogen. Das haben wir erkannt und den muskulären Problemen entgegengewirkt.«

Paradebeispiel: Bei Real Madrid hat jeder Physiotherapeut nur drei Spieler zu betreuen.

Lacroix: »Ja, perfekt. Besser geht es nicht.«

Das ist natürlich mit hohen Kosten verbunden. Würden Sie sagen, dass sich das finanziell lohnt?

Lacroix: »Auf jeden Fall. Wenn Spielerinnen ausfallen, kostet das im Grunde ja auch. Sie stehen einem dann nicht zur Verfügung. Und man will Titel gewinnen. Ich würde das sofort unterschreiben.«

Welchen Einfluss haben Sie auf die Trainingssteuerung?

Lacroix: »Wir stehen in Kontakt zum Trainer. Er weiß, dass alle Phasen durchlaufen werden müssen. Dazu zählen Dinge wie Aufwärmen, Dehnen, abwärmen. Man muss ein Auge auf die Spielerinnen haben, denn manche Probleme sind hausgemacht. Wenn eine Spielerin schwere Beine hat, eine Übersäuerung entsteht, sprich, wenn es sich andeutet, dass der Körper an Grenzen stößt, muss eine zusätzliche Behandlung her. Manche muss man im Ehrgeiz auch mal bremsen. Aber ich glaube, dass Frauen da schon etwas weniger egoistisch sind und auch ans Team denken.«

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