30. September 2021, 07:46 Uhr

Leichtathetlik

Thomas Stewens - der effiziente Komprimierer

M55-Zehnkampf-Weltrekordler Thomas Stewens aus Dortelweil setzt im Training auf Prävention. Zudem hat er gelernt, mehrere Dinge parallel zu bewältigen - sportlich wie beruflich.
30. September 2021, 07:46 Uhr
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Von Tanja Weber
Thomas Stewens vom SV Fun-Ball Dortelweil überwindet bei seinem M55-Weltrekord in Bad Nauheim im Stabhochsprung 3,60 Meter. FOTO: PETERS

8325 Punkte erzielte Thomas Stewens vom SV Fun-Ball Dortelweil beim Jedermann-Zehnkampf im Bad Nauheimer Waldstadion vor zwei Wochen. Nie zuvor hatte der Wetterauer Leichtathlet offiziell mehr Zähler erreicht, auch wenn er in jüngeren Jahren mitunter bessere Zeiten und Weiten zustande gebracht hatte. Stewens feierte vor Kurzem seinen 55. Geburtstag und stellte somit in seiner neuen Altersklasse einen Weltrekord auf. Im Interview spricht er über sein Training und die Verbindung von beruflichen mit sportlichen Zielen.

Thomas, herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Altersklassenrekord. Sie haben in Bad Nauheim die höchste Gesamtpunktzahl Ihrer Zehnkampf-Laufbahn aufgestellt. Wie erklären Sie sich das?

Ich trainiere seit Langem sehr professionell auf dieses Ziel hin. Seit drei Jahren bereite ich mich gezielt auf den ersten Wettkampf in der neuen Altersklasse vor. Relativ zur Peergroup, d. h. zu den Leistungen meiner Altersklasse habe ich mich gut entwickelt bzw. gehalten (lacht). Vorher lag ich bei etwas über 8000 Punkten, in Bad Nauheim waren es - gerade neu in der M55 angekommen - deutlich mehr.

Wo liegen die Ursachen Ihres Erfolgs?

Ich verdanke viel meiner Trainerin Amaliya Sharoyan. Es geht in meinem Alter nicht mehr so sehr darum, noch schneller, höher und weiter zu kommen und zu werfen, sondern verletzungsfrei zu bleiben. Daher lag der Fokus meines sechs- bis neunfachen wöchentlichen Trainings neben Kraft-, Schnelligkeits-, Ausdauer- und Technikeinheiten auf der Verletzungsprävention. Also dem Athletiktraining und der Verbesserung der Beweglichkeit kam eine große Rolle zu. Nicht zuletzt gilt natürlich dem LSC Bad Nauheim und dem HLV-Kampfrichterteam mein großer Dank, dass sie die Veranstaltung möglich gemacht haben. Die Stimmung im Waldstadion war großartig.

Sie haben schon mehrfach den Weltrekord geknackt, dann wurde er aber nicht anerkannt.

Im Fünfkampf habe ich schon mehrere Weltrekorde verbessert und halte die Bestmarke der Klasse M45 bis heute. Im Zehnkampf, meinem eigentlichen Ziel, bin ich seit zehn Jahren dran. Zweimal habe ich den offiziell gelisteten Weltrekord verbessert, dann wurden zweimal nachträglich Wettkampfregeln geändert bzw. eine andere bessere Punktzahl erzielt, und mein Rekord hatte sich in Luft aufgelöst. So wurden beispielsweise einmal die Windregeln geändert, und eine sehr alte Leistung des russischen Olympiateilnehmers Viktor Grouzenkin wurde wieder gültig.

Sie hätten beinahe auch den Rekord von Rolf Geese aus dem Jahr 1999 gebrochen. Er hatte eigentlich mehr Punkte erzielt…

Der bis vor zwei Wochen gültige Weltrekord stammte von dem Südamerikaner Angel Diaz Granillo mit 8031 Punkten. Der besseren Leistung des Ausnahme-Athleten Rolf Geese von 1999 mit 8487 Punkten wurde vor einigen Jahren der Status eines Weltrekordes aberkannt. Der Grund war, dass handgestoppte Zeiten aufgrund der fehlenden Überprüfbarkeit und Genauigkeit nicht mehr für Weltrekorde anerkannt werden können. Damit eine Leistung als Weltbestmarke anerkannt wird, muss sie heute in einem komplizierten Verfahren ratifiziert werden. Alle Gewichte werden von den Kampfrichtern nachkontrolliert, alle Strecken vermessen und die Zeitmessanlage über einen sogenannten »Nullschuss« geprüft. So musste ich dann beim Jedermann-Wettkampf in Bad Nauheim nicht die Leistung von Geese, sondern »nur« den drei Jahre alten Rekord des Südamerikaners Angel Diaz Granillo überbieten.

Worauf genau mussten Sie achten?

Ich bin in Bad Nauheim natürlich, damit meine Leistungen anerkannt werden, nach den Regeln des Internationalen Leichtathletik-Verbandes in der sogenannten Profi-Riege gestartet. In dieser Riege gab es, anders als für Jedermann-Zehnkämpfer, einen festgelegten Ablauf der Disziplinen. Die Spezifikationen hängen von der jeweiligen Altersklasse ab. Die Hürdenhöhe in der M55 beispielsweise ist fest definiert - auf 91 cm. Der Diskus muss 1,5 Kilogramm wiegen, die Kugel sechs Kilogramm und der Speer 700 Gramm.

Es wird dennoch einige Monate dauern, bis der Weltrekord auch offiziell anerkannt ist. Woran liegt das?

Zunächst werden alle Unterlagen vom Veranstalter zusammengestellt, meine Leistungen beim DLV geprüft. Dann geht es an den Europäischen Leichtathletik-Verband und dann an die World Masters Association (WMA). Wenn diese sich der Korrektheit aller Unterlagen versichert hat, kann der Rekord in die durch die WMA geführte Liste eingetragen werden. Dann wäre mein großes Ziel endlich erreicht.

Im Ein-Stunden-Zehnkampf waren Sie einer der besten Sportler weltweit. Wie hängt das mit Ihrem Beruf zusammen?

Meine Lebensdevise, schnell und komprimiert möglichst vieles zu bewältigen, spielte mir bei der Herausforderung, in einer Stunde alle Zehnkampfdisziplinen zu meistern, in die Karten. Damals kam ich auf 7171 Punkte, damit bin ich immer noch Nummer 25 der ewigen Weltrangliste. Meine Familie mit fünf Kindern, die Gründung und Führung einer Bank, die sich um die Finanzierung mittelständischer Unternehmen kümmert, oder aber mein persönliches Training und die Aufgaben beim SV Fun-Ball Dortelweil bekomme ich nur unter einen Hut, wenn ich schnell und effizient trainiere und arbeite. Von daher war ich prädestiniert für den Ein-Stunden-Zehnkampf. Diese Fähigkeit hilft mir auch heute noch, viele Lebensbereiche zu verbinden.

Könnten Sie jetzt in ein Loch fallen, da der große sportliche Lebenstraum erfüllt wurde?

Es wird schon einiges anders, aber sehr tief sollte das Loch eigentlich nicht werden. Jetzt steht für mich erstmal gesundheitsorientiertes Training im Vordergrund. Ich werde dann aber auch im SV Fun-Ball Dortelweil meinen Erfahrungsschatz noch stärker in das Training einbringen und habe auch wieder mehr Zeit für Haus, Garten und meine Familie, die mich in den vergangenen Jahren sehr unterstützt hat. Und als nächstes sportliches Projekt nehme ich mir irgendwann natürlich den Altersklassenrekord in der M60 vor (lacht).



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