04. Juni 2021, 07:00 Uhr

Leichtathletik

Vier Wetterauer träumen von Olympia

Mit den Deutschen Meisterschaften am Wochenende in Braunschweig wird der Kampf um die Olympia-Tickets immer schärfer. Vier Athleten aus der Wetterau rechnen sich dabei etwas aus.
04. Juni 2021, 07:00 Uhr
Philipp_Keßler
Von Philipp Keßler
Marc Tortell vom A-Team Karben will in Braunschweig auch die Olympia-Norm angreifen. (Foto: Gladys Chai von der Laage via www.imago-images.de (www.imago-images.de))

Während mit Badminton-Profi Kai Schäfer vom SV Fun-Ball Dortelweil der erste Athlet mit Wetterauer Bezug das Ticket für die Olympischen Spiele bereits in der Tasche hat, ist der Kampf der Leichtathleten noch im vollen Gange. Bis Ende Juni haben sie Zeit, die geforderte Norm des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV) zu erreichen - oder sich über die bereinigte Weltrangliste unter den besten drei Athleten pro Land zu positionieren.

Ein Meilenstein auf der »Road to Tokyo« sind die Deutschen Meisterschaften in Braunschweig am Wochenende (siehe Info-Kästen), bei der mit Steven Müller (LG ovag Friedberg-Fauerbach), Christian von Eitzen, Marc Tortell (beide Athletics-Team Karben) und dem Dauernheimer Lukas Abele (SSC Hanau-Rodenbach) gleich vier Wetterauer an den Start gehen. Ein Überblick über die Lage der einzelnen Läufer:

Steven Müller (Verein: LG ovag Friedberg-Fauerbach/Alter: 30 Jahre/Disziplin: 200 Meter): Dem Jubel über die Goldmedaille bei den World Relays, den inoffiziellen Staffel-Weltmeisterschaften Anfang Mai, als Müller Startläufer beim Sieg der deutschen 4x-200-Meter-Staffel war, folgte die Ernüchterung beim ersten Einzelstart in Mannheim: Müller wurde in 21,08 Sekunden Fünfter - und war alles andere als zufrieden. »Mir hat er gesagt: ›Den Lauf habe ich verkackt‹ - und da gibt es nichts drumherum zu reden«, sagte sein Trainer Otmar Velte. Damit verpasste der 30-Jährige auch einen Einsatz bei der Team-EM, weshalb er sich über Weinheim sowie einem zusätzlichen Trainingswochenende auf die DM vorbereitete. Schließlich will Müller in Braunschweig seinen Titel zum zweiten Mal in Folge verteidigen. Das wäre ein wichtiger psychologischer Faktor - auch mit Blick auf die Olympia-Qualifikation.

Dafür braucht der in Kassel wohnhafte Student aber das entsprechende Niveau. »Es geht darum, dass wir das, was wir uns in den vergangenen eineinhalb Jahren erarbeitet haben, auch auf die Bahn bringen. Dabei versteife ich mich nicht auf eine Zeit, sondern darauf, dass er sein Leistungsvermögen konstant abruft. Nur dann ist auch mal ein Ausreißer nach oben drin«, sagt Velte. Diesen bräuchte Müller auch für die Norm des DLV. Denn die liegt mit 20,24 Sekunden nur vier Hundertstelsekunden über dem deutschen Rekord - und deutlich unter seiner persönlichen Bestzeit von 20,42. »Das ist ein Brett«, sagt Velte. Aber auch die Qualifikation über die Weltrangliste sei möglich, wenn Müller fünf gute Zeiten bis Ende Juni abliefere, »aber die muss man auch erst einmal laufen«. Dennoch: »Das, was er bislang alles erreicht hat, hatte ihm sowieso nie jemand zugetraut - wir haben das immer aus uns heraus geschafft. Ich sehe keinen Grund, warum er das nicht weiterhin tun kann.«

Das Alter könnte im Hinterkopf Müllers allerdings eine Rolle spielen. Doch Velte beschwichtigt: »Alleine, dass er die Chance auf Olympia hat, ist schon ein riesiger Erfolg. Ich warne ihn immer davor, seine ganze Karriere an einer Olympia-Teilnahme festzumachen. Auch danach gibt es noch genug Möglichkeiten, sich international zu profilieren.« Trotzdem erscheint eine Qualifikation in drei Jahren, dann mit fast 34 Jahren, unwahrscheinlicher als heute.

Christian von Eitzen (Athletics-Team Karben/24 Jahre/800 Meter): Christian von Eitzen hatte sich das Olympia-Jahr ganz anders vorgestellt, doch um die Jahreswende bremste den Wahl-Londoner eine Corona-Infektion samt Spätfolgen für rund acht Wochen komplett aus. Inzwischen ist er wieder fit, hat seine Pläne, von 800 Meter auf die 1500-Meter-Distanz zu wechseln, aber zunächst verworfen und ist erst spät in Rehlingen (1:47,89 Min./Fünfter) und Pfungstadt (1:46,90 Min./Sieger B-Lauf) in die Saison eingestiegen. Aber: »Das Training läuft richtig gut, und meine Form ist sehr, sehr gut«, ist sich der gebürtige Hamburger sicher. Er sieht seine Chancen bei der DM »sehr gut« und hofft mindestens auf das Podium. Im vergangenen Jahr hatte der 24-Jährige das mit Rang vier noch knapp verpasst. Um sich voll auf die heiße Phase rund um DM und Olympia-Qualifikation zu konzentrieren, ist von Eitzen seit Mitte Mai in Deutschland, wohnt unter anderem bei Teamkollege Marc Tortell, mit dem er auch gemeinsam trainiert hat.

Mit Blick auf Olympia ist sich von Eitzen sicher: »Wenn ich nach Tokio will, muss ich die Norm laufen.« Denn aufgrund des späten Saisoneinstiegs und des immer noch reduzierten Programms müsste er sonst in kurzer Zeit viele Wettkämpfe absolvieren, um auf fünf gute Zeiten zu kommen. Die kritische Marke liegt bei 1:45,20 Minuten - und damit mehr als eineinhalb Sekunden unter seiner Bestzeit (1:46,88 Min.), die zudem aus 2017 stammt. »Ich muss ein richtig geiles Rennen haben«, sagt von Eitzen. »Aber wir sind schnell und wir schaffen das«, fügt er an und präsentiert im Video-Chat mit Tortell und der Redaktion die Siegerfaust.

Marc Tortell (Athletics-Team Karben/23 Jahre/1500 Meter): Auch für Marc Tortell hätte die Vorbereitung besser laufen können: Auch wenn er im Gegensatz zu seinem Teamkollegen von Corona verschont geblieben ist, war er insgesamt vier Monate »sportunfähig« - zuletzt laborierte er an einer Schleimbeutelentzündung im Knie. Nach einer vierwöchigen Reha folgte ein vierwöchiges Höhentrainingslager in Südafrika. Hier legte der Karbener die Grundlagen für die 1500-Meter-Saison. Seinen Plan, künftig auch über längere Distanzen anzutreten, legte er zunächst einmal ad acta. »Die Grundlage fehlt, aber mehr zu machen, war einfach nicht möglich. Ich habe mir nichts vorzuwerfen, sondern mein Körper hat die Zeit gebraucht«, sagt Tortell. Inzwischen sei er aber »sehr gut im Training«.

Aber auch er weiß: Die Olympia-Norm ist hart. Die 3:35,00 Minuten liegen mehr als drei Sekunden unter seiner persönlichen Bestleistung aus dem Vorjahr (3:38,04). Immerhin: Der Wettkampf im spanischen Castellon, bei dem ihm diese Zeit gelang, steht auch in diesem Jahr wieder auf seiner Liste - wenige Stunden vor Ablauf der Olympia-Frist. In Vorbereitung auf die »Deutschen« startete er in Dessau, Rehlingen (3:39,14 Min./Siebter) und Pfungstadt (Bestzeit über 800 m). »Es ist nicht so, dass ich mich sicher für Olympia qualifiziere, aber ich würde auch lügen, wenn ich sage, ich hätte damit abgeschlossen. Ich werde einfach herausholen, was herauszuholen ist.« Dabei sei die DM nach der abgesagten Universiade aktuell der Saison-Höhepunkt: »Der Wettkampf ist im Olympia-Jahr sehr prestigeträchtig. Ich will mindestens aufs Podium.« Und das fehlt ihm nach Rang vier im Vorjahr auch noch - in der Halle war er 2020 schon Dritter geworden.

Lukas Abele (SSC Hanau-Rodenbach/23 Jahre/1500 Meter): Silber bei den Deutschen Meisterschaften im vergangenen Jahr war der bislang größte Erfolg für den Dauernheimer. Der 23-Jährige wäre in diesem Jahr mit Platz sechs schon zufrieden, denn auch er hatte zuletzt mit Verletzungsproblemen an Achillesferse und Knie zu tun und musste sein Aufbautraining umstrukturieren. »Ich taste mich aktuell wieder ran, aber ich habe noch nicht die Sicherheit«, sagt er, andererseits seien »Meisterschaftsrennen immer eine Sache für sich«. Zum Start in die Saison rannte er in Wetzlar über 800 Meter (1:50,47 Minuten) zum Sieg, während er in Karlsruhe über 1500 Meter mit 3:45,58 und Platz sieben vorlieb hatte nehmen müssen - allerdings nach eigenen Angaben mit Luft nach oben. Es folgten Auftritte in Mainz über 1500 Meter (3:51,23 Min.) und ein weiteres 800-m-Rennen in Pfungstadt (1:48,05 Min./pers. Bestzeit).

Er konzentriert sich vor allem auf die DM, »mit Olympia beschäftige ich mich nicht aktiv«, sagt er. »Dafür hätte ich im vergangenen Jahr unter 3:40 Minuten laufen müssen, aber wenn man sich auf diesem Niveau bewegt, ist der Gedanke an das große Ziel natürlich immer da und ein Leistungssprung auch immer möglich, auch wenn er für mich aktuell noch nicht greifbar ist.« Mit seiner Bestzeit von 3:40,77 Minuten, die er vergangenes Jahr in Dortmund aufgestellt hat, ist er auch auf dem Papier noch ein gutes Stück von der Norm entfernt.

Aufgrund seiner Verletzungsprobleme und des veränderten Saisonstarts will er die Saison bewusst langsam angehen und nicht zu viele Wettkämpfe bestreiten, zumal er auch immer den Einklang des Sports mit seinem Studium »Bewegung und Gesundheit« sucht, weshalb auch eine Olympia-Qualifikation über die Weltrangliste aktuell kein Thema ist. »Insgesamt war es schwierig, in diesem Jahr etwas lange zu planen und aufzubauen, deshalb konzentriere ich mich jetzt erst einmal auf die DM.«



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