08. September 2022, 16:51 Uhr

ZURÜCKGEBLICKT UND NACHGEHAKT

Durchaus ein Qualitätsmerkmal

08. September 2022, 16:51 Uhr
RD
Der Jubel steht in seiner kraftvollen Eleganz der des Treffers nicht nach. Das 1:1 des FSV Fernwald durch Nils Schäfer, mit dem sich Abwehrmann Lucas Burger freut, war das Eintrittsgeld an der Oppenröder Straße schon wert. Foto: Bär

. Dort, wo in Steinbach die Experten sitzen, hinten rechts neben dem Sportheim auf wie in Stein gemeißelten Bänken, die gefühlt schon immer da stehen, war eine der dringlichsten Fragen zur Pause, wie viele Zuschauer wohl dem Spiel gegen den FC Gießen beiwohnen.

Niko Semlitsch, Günther Moll, Koryphäen des heimischen Fußballs, aber auch die Allzeit-Funktionäre Henry Mohr oder Hans Klos, haben noch Zeiten erlebt, als der Steinbacher Platz mit Doppelreihen umstellt vierstelligen Besuch vermelden konnte. Aber, so sagten die Herren unisono: »Das war einmal«. Die nach Expertenschätzung (Semlitsch: »ei, 300 wern’s sein«) stellten sich zwar offiziell als 400 heraus, kamen aber mit den 1136 des Hinspiels vor fünf Wochen im Waldstadion nicht mit. Wobei man als Augenzeuge sagen muss, dass die Zahl beim dramatischen 3:2 des FC Gießen gegen den FSV Fernwald damals sehr hochgegriffen schien. Sei’s drum.

Das am Mittwochabend über die Steinbacher Bühne gehende nächste Sportkreisduell, das letztlich 1:1 endete, hätte auch durchaus mehr Zaungäste verdient gehabt. Potenzielle Kandidaten hockten aber vor dem Fernseher, um die Eintracht bei ihrer Champions League-Premiere gegen Lissabon zu sehen. Was mit Frust endete. An der Oppenröder Straße konnten die Zuschauer, ob Fernwalder oder Gießener, weniger frustriert von dannen ziehen. Mit dem 1:1 (»Man muss dann auch mal mit einem Punkt zufrieden sein«, sagten Daniyel Bulut und Daniyel Cimen unisono) konnten alle Beteiligten gut leben.

Interessant nach den 90 Minuten des Hessenliga-Duells: Zuschauer, die beide Partien gesehen hatten, empfanden das 3:2 zugunsten des FCG Anfang August als qualitativ hochwertiger. Aber im Grunde trügt die Erinnerung, denn damals fand Fernwald eine Stunde lang überhaupt nicht statt, spielte nur die Elf von Daniyel Cimen, ehe in den letzten 30 Minuten der FSV den Rhythmus vorgab und die Partie in zwei Minuten mit Eigentor-Ausgleich für Buluts Mannen und einem Handelfmeter, der die Rot-Weißen wieder auf die Siegerstraße brachte, förmlich explodierte. Genau dieses finale furioso setzt sich im Gedächtnis fest. Ein ähnliches Event-Spiel war das Rückrunden-Remis bei Weitem nicht. Doch daraus auf die Qualität zu schließen, ist falsch. Denn gerade die Ausgeglichenheit eines Spiels kann ein Qualitätsmerkmal (beider Mannschaften) sein. Oder wie Cimen weiß: »Wenn die Zuschauer sich über ein wildes Hin und Her freuen, sind die Trainer meist nicht zufrieden.« Soll heißen: Ein von Fesseln befreites 5:4 mag zwar attraktiv sein, aber da Fußball auf höherem Niveau von taktischen Vorgaben, einer Grundordnung und Marschroute lebt, die es einzuhalten gilt, ist der Erkenntnisgewinn für die Übungsleiter nach einem Spiel wie am Mittwoch größer. Deshalb auch die offensichtliche Zufriedenheit beider Trainer, wobei besonders Bulut sich über die in den 90 Minuten sich abbildende Stabilität freute. Denn genau das hatte der 41-jährige Coach zuletzt als Manko seiner jungen Truppe angesprochen - Instabilität und mangelnde Konstanz innerhalb eines Spiels. Das war diesmal anders, so dass das Attribut schiedlich-friedlich nicht den engagierten Auftritt beider Mannschaften als lammfromm abqualifizieren soll, sondern das letztlich gerechte Ergebnis eines durchaus interessanten und von viel individueller Klasse geprägten Vergleichs unterstreicht.

Und dann gab es ja noch den Höhepunkt, der das Eintrittsgeld schon wert gewesen ist: Brian Mukasa setzt sich fein im Zentrum durch, bringt den Ball zu Julian Bender, der mit seiner gut getimten Flanke Nils Schäfer findet, der den Ball so satt volley trifft, wie es sich jeder Fußballer erträumt. Ab in den Winkel. Ein klasse Tor des jungen Eintracht-Fans, wie Daniyel Bulut über den zunächst als Reservisten vorgesehenen Schäfer verriet. Und das auch den Experten Respekt abnötigte. Ein guter Fußballabend in Fernwald. Und bei Frankfurt hatte man sowieso nichts verpasst.



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