07. Oktober 2022, 17:18 Uhr

Fußball

Wiedersehen in Wohlfühloase

Noah Michel erinnert sich noch gerne an Gießener Zeit, ist aber in Friedberg hochzufrieden
07. Oktober 2022, 17:18 Uhr
TSU
Wiedersehen mit seinem Ex-Verein. Noah Michel (links), hier gegen den Eintracht U21-Spieler Marc Wachs, trifft mit Türk Gücü Friedberg zum Spitzenspiel auf den FC Gießen. Foto: Imago

. Was für ein Ergebnis: 12:0 im heimischen Waldstadion und damit der höchste Sieg überhaupt in einem Punktspiel in der Historie des FC Gießen. Und zugleich im Mai 2019 ein bitteres Debakel für Türk Gücü Friedberg, gegen die der FCG nun erstmals seitdem antritt. Noah Michel steuerte seinerzeit einen Doppelpack, darunter das 100. Saisontor, zum vollen Dutzend bei - und trifft heute im Trikot der Wetterauer auf seinen Ex-Club.

Der 27-Jährige kann sich noch gut an den außergewöhnlichen Kantersieg erinnern, der bis heute ab und an Thema in der Kabine der Friedberger ist: »Mit Alit Usic, der damals schon hier gespielt hat, lache ich manchmal darüber. Bei uns in Gießen lief alles zusammen, da haben wir Türk Gücü richtig weggeputzt.« Haften geblieben ist beim Stürmer die überragende Saison 2018/19, die mit dem Sprung in die Regionalliga Südwest endete: »Dieses Aufstiegsjahr bleibt unvergessen, es war mit das Schönste, was ich im Fußball erlebt habe. Mit dieser Mannschaft, dem tollen Zuschauerschnitt, das kam ja auch nach außen so rüber.«

Das sagt Michel, obwohl er sich gleich bei der Premiere des gerade aus der Taufe gehobenen FC Gießen vor über 2000 Zuschauern gegen den SC Waldgirmes schwerer am Knie verletzte. Nach der Winterpause allerdings zählte er mit zehn Toren zum Stammpersonal, was anschließend auch für die 4. Liga galt. Michel arbeitete viel für das Team, wirkte dabei jedoch unglücklich. Eine Beschreibung, die auf die gesamte Gießener Mannschaft passte: »Wir haben direkt diese 1:7-Klatsche in Elversberg kassiert, davon konnten wir uns nicht befreien. Wir waren in einem Trott, aus dem wir nicht herausgekommen sind.«

Zu den Problemen auf dem Rasen gesellten sich die ersten finanziellen Schwierigkeiten. »Das war Ende Oktober«, blickt Michel zurück, »wir waren überrascht. Die Lage wurde immer ernster, Zahlungen wurden nicht getätigt. Man lebt davon und ist darauf angewiesen. Es ist auch nicht ehrlich mit uns umgegangen worden.«

Für den Goalgetter beschleunigte diese Situation die Entscheidung, sich vom Profifußball zu verabschieden und die Prioritäten zu verlagern. »Das hat den Wechsel vereinfacht. Ich wollte mehr Sicherheit haben, beruflich hat sich die Möglichkeit bei der Deutschen Bahn ergeben. Da bin ich Lagerleiter in Hanau.«

Fußballerisch verschlug es den Rotschopf, der seit frühester Kindheit im Ortsteil Stockheim der Gemeinde Glauburg lebt, im Januar 2019 zu Türk Gücü Friedberg, wo es ihm bis heute bestens gefällt: »Es ist sehr familiär, ich bin gleich super aufgenommen worden. Auch wenn natürlich stets ein paar Spieler wechseln, ist der Grundkern geblieben. Es gibt keinen Grund, über etwas anderes nachzudenken. Ich fühle mich sehr wohl und spüre viel Vertrauen.« Vertrauen, das er bis dato mit satten 37 Buden in 42 Matches zurückgezahlt hat. Aktuell belegt Türk Gücü einen starken dritten Rang: »Das ist total positiv, wenn man bedenkt, dass wir davor in der Abstiegsrunde waren. Wir haben uns anfangs in einen Flow gespielt und haben auch die knappen Spiele gewonnen. Wir wollen uns weiter oben festsetzen, aber der Aufstieg als Thema wäre nun wirklich zu weit hergeholt.« Einher mit dem deutlichen sportlichen Aufwärtstrend geht die Verbesserung, die mit dem Umzug aus dem ungeliebten, weil eben einige Kilometer entfernten und infrastrukturell kaum ausreichend aufgestellten Gelände in Rosbach zur Sportanlage am Burgfeld verknüpft ist. »Wir heißen Türk Gücü Friedberg und spielen jetzt in Friedberg, das ist etwas ganz anderes«, sagt Noah Michel. Dass die fußballerische Nummer eins des Kreises seit Rundenbeginn endlich in der Stadt beheimatet ist, das wirkt sich aus, denn knapp 300 Zuschauer im Schnitt sind ein Fortschritt. »Ich glaube, dass die Leute interessiert sind an uns«, meint Michel, der das 0:4 gegen Fernwald aus der Vorwoche als »Dämpfer« wertet: »Wir müssen wieder in die Spur finden.«

Den FC Gießen beobachtet er selbstverständlich nach wie vor: »Es geht bergauf, sie werden bei uns mit breiter Brust auflaufen. Daniyel Cimen und Michael Fink haben sicher großen Anteil daran. Wenn sie langfristig bleiben, ist etwas möglich. Diese Euphorie wie damals zu entfachen, wird gleichwohl schwierig nach dem, was alles vorgefallen ist.« Seine eigene Zukunft sieht Noah Michel bei »TGF«. Der Wohlfühlfaktor, der sportliche Erfolg und das Wissen, den Beruf und Fußball perfekt kombinieren zu können (»Das klappt super«) sind schlagkräftige Argumente.

Drei Punkte mehr oder weniger fallen da in der Gesamtschau nicht so sehr ins Gewicht. Den Dreier gegen den FC Gießen will Michel dennoch gerne mitnehmen. Allein deshalb, um in der Friedberger Kabine einen neuen Grund zu haben, um mit Teamkamerad Alit Usic zu lachen - das Gießener 12:0 aus dem Mai 2019 ist für Türkgücü nicht wirklich amüsant.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos