23. August 2017, 21:26 Uhr

Achtung,Giftschlangen!

23. August 2017, 21:26 Uhr
Giftschlangen verletzen mehr als 2,5 Millionen Menschen im Jahr, 100 000 sterben. Das Fatale: Es gibt kaum noch wirksames Gegengift. (Foto: dpa)

Genf (dpa). Ein schriller Schrei, ein giftiger Taipan, und innerhalb von Minuten ringt Schlangenexperte David Williams mit Atemnot. Das Tier hat zugebissen. »Beeilt euch, Leute«, beschwört er seine Kollegen noch, ehe er ins Koma fällt. Die Schlange hatte Williams, den Leiter der australischen Schlangengiftforschung, im Jahr 2007 erwischt, vor laufenden Kameras eines Fernsehteams. Eine 1500 Euro teure Spritze mit Gegengift rettet ihm das Leben. »Wenn ich die nicht bekommen hätte, würdet ihr jetzt nicht mit mir reden, sondern meine Grab- rede vorbereiten«, sagt er nach dem Aufwachen trocken in die Kamera.

Williams hatte Glück, dass die Dosis Gegengift in der Klinik seines Schlangenprojekts in Papua-Neuguinea zur Hand war. Für weltweit mehr als 100 000 Menschen im Jahr endet ein Schlangenbiss dagegen tödlich. Das Fatale: Weltweit fehlt Antiserum. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf hat Alarm geschlagen und Williams hilft ihr mit seiner Expertise, die Produktion von sicheren Gegengiften anzukurbeln.

»In vielen Ländern gibt es keine eigene Qualitätsprüfung für Medikamente«, sagt Micha Nübling, Leiter der zuständigen WHO-Abteilung. So wurden manche Märkte in Afrika über Jahre mit kaum wirksamen Gegengiftmedikamenten aus Asien überschwemmt. Die halfen nicht, die Menschen wurden skeptisch und gingen zu dubiosen Heilern. So ging der Markt kaputt. Der einzige Hersteller eines wirksamen Produkts, das gegen Bisse von Schlangen in Afrika hilft, die französische Firma Sanofi, stellte die Produktion 2014 ein. »Insbesondere in Afrika südlich der Sahara gibt es große Engpässe«, sagt Nübling. Dabei ist Gegengift nicht gleich Gegengift. Wenn ein asiatischer Taipan zubeißt, hilft nur ein Mittel, das aus den Giftkomponenten derselben Tierart hergestellt wurde. Serum aus dem Gift indischer Nattern bewirkt in Afrika hingegen wenig. »In Ghana hat ein indisches Produkt 2004 das französische ersetzt und die Todesrate durch Schlangenbisse stieg um das Sechsfache«, sagt Williams. In Afrika und Indien sei das Problem besonders groß.

Was kann die WHO tun? Sie hat Schlangenbisse zum einen auf die Liste der vergessenen tropischen Krankheiten gesetzt. Das erhöht die Aufmerksamkeit für die Misere und macht hoffentlich mehr Geld in reichen Ländern für die Unterstützung von Lösungen locker. Die Zahl der Todesopfer durch Bisse ist so hoch wie bei Dengue-Fieber, eine Krankheit, die deutlich mehr Aufmerksamkeit bekommt. Zudem arbeitet die WHO an Richtlinien für die sichere Produktion wirksamer Mittel und lässt nun auch selbst Mittel testen. Sie sind polyvalent, das heißt, sie sollen gegen die Bisse möglichst vieler Giftschlangen wirken.

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