16. Mai 2019, 22:28 Uhr

»Keine vernünftigen Zweifel«

16. Mai 2019, 22:28 Uhr

Oldenburg (dpa). Das geforderte Strafmaß für den mutmaßlichen Serienmörder und Ex-Krankenpfleger Niels Högel konnte nicht überraschen. »Lebenslange Freiheitsstrafe unter Feststellung der besonderen Schwere der Schuld«, beantragte Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann in ihrem Plädoyer. Und das wegen 97-fachen Mordes. Högel sitzt bereits wegen zwei Morden und zwei Mordversuchen lebenslang im Gefängnis. Wenn das Landgericht Oldenburg eine besondere Schwere der Schuld feststellt, kann der 42-Jährige nur in Ausnahmefällen - etwa bei schwerer Krankheit - nach 15 Jahren freikommen. Doch bei diesem besonderen Prozess geht es nicht um die Strafe, sondern vor allem um die Aufklärung der vermutlich größten Mordserie im Nachkriegsdeutschland.

Die Dimension der Verbrechen machte Gaby Lübben deutlich. Statt die angeklagten Taten einzeln aufzuzählen, schaltete die Rechtsanwältin und Nebenklagevertreterin einen Beamer ein und zeigte in langsamer Folge auf zwei Leinwänden Fotos vieler Opfer. Högel habe einmal gesagt, dass ihn die toten Seelen im Traum besuchen, er sie aber nicht zuordnen könne, erinnerte Lübben gestern. »Deshalb stelle ich sie Ihnen jetzt vor.« Bei jedem Foto erzählte sie aus den Leben der getöteten Menschen. Nach jedem Opfer herrschte jeweils ein Moment Stille im Saal.

Staatsanwältin Schiereck-Bohlmann ging dezidiert jeden einzelnen der angeklagten 100 Fälle durch. »Allein die Aussage ›größter Serienmörder der Geschichte‹ reicht nicht aus, ihn zu verurteilen«, sagte die Oberstaatsanwältin auch mit Blick auf die Medienberichterstattung. Nur in drei Fällen sah sie keine hinreichenden Beweise für eine Mordtat Högels, der deshalb in diesen Fällen freizusprechen sei. (Az. 5 Ks 1/18)

43 Taten eingeräumt

In den 97 anderen Fällen hatte sie dagegen »keine vernünftigen Zweifel«, dass die Patienten von dem 42-Jährigen getötet wurden. Viele wurden exhumiert und toxikologisch untersucht. Oft fanden die Experten Medikamentenrückstände, mit denen Högel die Patienten an den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst in lebensbedrohliche Lagen brachte, um bei der notwendigen Reanimation vor seinen Kollegen zu glänzen. Lübben, die als erste Nebenklägervertreterin plädierte, sagte, sie habe oft die Frage gehört, wozu das Verfahren noch geführt werde. »Der Mittelpunkt sind die Menschen hinter den Anklagepunkten«, sagte die Anwältin. »Die Klarheit, die wir hier erlangen konnten, hilft den Angehörigen, das Erlebte verarbeiten zu können.« Allerdings hätten die Angehörigen auf »ehrliche Worte der Reue« von Högel gehofft, seien aber enttäuscht worden.

Högel selbst hatte in dem seit Ende Oktober laufenden Prozess 43 der 100 Taten eingeräumt und fünf ausdrücklich bestritten. An die übrigen 52 Taten konnte er sich angeblich nicht erinnern. Er schloss aber auch nicht aus, diese Patienten getötet zu haben. Der Angehörigensprecher Christian Marbach hatte Högel vor dem Plädoyer als Lügner bezeichnet. Anders als angekündigt, habe dieser die Chance nicht genutzt, zur Aufklärung beizutragen. Es gehe in erster Linie nicht um das Urteil, sondern vor allem um die Aufklärung, die für die Angehörigen extrem wichtig sei, sagte Marbach. Sein Großvater gehört zu den Opfern, für deren Tod Högel sich bereits vor Gericht verantworten musste. Marbach hat eine klare Position: »Ich hoffe, dass er nie mehr aus dem Gefängnis kommt.«

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