10. März 2017, 21:29 Uhr

Londons langes Erbe

10. März 2017, 21:29 Uhr
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Von DPA

Als erschöpfte britische Soldaten im März 1917 in Reih und Glied in Bagdad einmarschieren, bietet sich ihnen ein trauriger Anblick. Bagdad, das war unter dem Kalifat der Abbassiden lange das Zentrum der Welt gewesen, das Träume weckte. Dichter, Ärzte, Mathematiker und Wissenschaftler zogen in die Stadt, um dort ihr Glück zu suchen und zu finden. Rund 1000 Jahre später ist vom einstigen Glanz der Metropole wenig übrig geblieben. Londons Soldaten stapfen über sandige Wege vorbei an ärmlichen Häusern.

Doch der Einmarsch der Briten am 11. März 1917 sollte für Bagdad und den heutigen Irak nicht nur ein Wendepunkt in der Geschichte sein, sondern auch Fakten schaffen, die bis heute im Kampf um das Land eine gewichtige Rolle spielen. Die Stadt rückte wieder ins Zentrum, nachdem die Osmanen sie unter ihrer 400-jährigen Ägide vernachlässigt hatten. Ihre Herrschaft nutzten die Briten gleichzeitig dazu, um den modernen Staat Irak zu schaffen. Dabei legten sie Grenzen fest, die vor allem den Interessen der Kolonialmacht dienten.

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) nutzt die damalige Politik der Kolonialmacht heute für ihre Propaganda gegen die »ungläubigen Kreuzfahrer«. Als die Extremisten im Sommer 2014 im Irak und in Syrien das »Kalifat« ausriefen, wollten sie nicht nur das einst mächtige islamische Reich wieder auferstehen lassen, sondern zugleich die Grenzen auflösen, die die Briten zusammen mit Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg gezeichnet hatten.

Die Briten entdeckten ihr Interesse für das Gebiet des heutigen Irak zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ihnen ging es darum, die Verbindung zwischen Britisch-Indien und Europa zu sichern. Zudem zeichnete sich schon damals ab, dass es in der Region größere Ölvorräte geben könnte, die London vor allem für die eigene Flotte nutzen wollte. Ein erster Sturm auf Bagdad scheiterte 1915 noch mit einer schmählichen Niederlage. Später aber schickte London Verstärkungen, mit deren Hilfe die Briten in Bagdad einrücken konnten. Bei vielen Irakern löste der Einmarsch Hoffnungen auf die Gründung eines unabhängigen Staates aus. Die Briten befeuerten die Erwartungen als sie kundgaben, sie seien als »Befreier« gekommen. Tatsächlich aber hatte London schon in den Jahren zuvor ein unaufrichtiges Spiel gespielt. Noch bevor sie das Gebiet im Ersten Weltkrieg überhaupt eroberten, teilten die Briten es im berühmt-berüchtigten Sykes-Picot-Abkommen schon mit den Franzosen auf. Zugleich versprachen sie dem Herrscher von Mekka, dem Scherifen Hussein, ein arabisches Königreich, wenn er sich gegen die Osmanen erhebt – im klaren Widerspruch zur geheimen Übereinkunft mit Paris.

Nach Ende des Ersten Weltkriegs war für viele Briten ausgemacht, dass London die volle Kontrolle über den Irak behalten musste. Arnold Wilson, amtierender Hochkommissar in Bagdad, schlug ein britisches Protektorat vor. Ein anderer britischer Offizier schrieb – ganz im Geiste des Kolonialismus – an einen Freund: »Jede Idee eines arabischen Staates ist zum jetzigen Zeitpunkt ein tödlicher Unfug.« Doch solche Ansichten widersprachen mehr und mehr dem Zeitgeist. Auch im eigenen Land regte sich Unmut gegen die Kolonialpläne der Briten. Noch schwerer aber wogen die enormen Kosten, die die Besatzung dem kriegsgebeutelten Land auferlegten. Zudem erhoben sich die Iraker 1920 in einer Revolte, dem ersten Ausdruck einer nationalen irakischen Identität. Die Briten zahlten einen hohen Blutzoll. Nahe der Stadt Kufa rieben Iraker etwa eine ganze britische Einheit auf – mehr als 300 Soldaten starben oder gerieten in Gefangenschaft. Unter diesem Druck entschied sich London schließlich widerwillig dazu, dem Irak eine größere Unabhängigkeit zu geben. Mit Faisal installierten sie 1921 einen Sohn des Scherifen von Mekka als König der neuen Monarchie. Trotzdem behielt London weiterhin die Oberhand in Bagdad – das letzte Wort in allen wichtigen Angelegenheiten hatten der britische Hochkommissar und seine Mitarbeiter.



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