23. Mai 2017, 18:55 Uhr

Demontage eines Kriegshelden

23. Mai 2017, 18:55 Uhr
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Von DPA
Winston Churchill (Brian Cox) sucht Halt bei seiner Frau Clementine (Miranda Richardson). (Foto: dpa)

Ein korpulenter Mann mit Hut und Mantel stapft durch das Wattland an der britischen Küste. Eine Welle spült Wasser vor seine Füße. Es ist blutrot. Churchill taumelt, kippt beinahe vornüber, sein Hut fällt herunter, wird fortgespült.

Der australische Regisseur Jonathan Teplitzky zeigt den britischen Kriegspremier in seinem Film »Churchill« von einer ungewohnten Seite: Ein verletzlicher und jähzorniger Mann sucht seinen Platz während der dramatischen Ereignisse zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Er ist dabei mindestens genauso auf seine Rolle in den Geschichtsbüchern fixiert wie auf den Sieg gegen Nazi-Deutschland.

Wenige Tage vor der Landung der Alliierten in der Normandie will Churchill (Brian Cox) die Invasionspläne kurzfristig umstoßen. Er fürchtet ein Blutbad wie in den Grabenkämpfen des Ersten Weltkriegs. Doch er muss nach und nach feststellen, dass seine Fähigkeiten als Militärstratege nicht gefragt sind. Die Entscheidungen werden von US-General Dwight D. Eisenhower (John Slattery) und dem britischen General Bernard Montgomery (Julian Wadham) getroffen.

Churchill ist gekränkt, fühlt sich zum Zusehen verdammt. Er verrennt sich in Plänen, zusammen mit König George VI. auf einem Kriegsschiff an der Operation teilzunehmen, doch der König winkt ab. Der einzige Mensch, der sich traut, Churchill die ungeschminkte Wahrheit zu sagen, ist seine Frau Clementine (Miranda Richardson).

Doch die Wahrheit kann Churchill nur schlecht verdauen. Er reagiert jähzornig, flüchtet sich in Alkohol, zerschlägt Geschirr, schreit seine Mitarbeiter an. Erst die enttäuschte Reaktion einer jungen Sekretärin holt Churchill aus seinem Wahn. Er entscheidet sich zu einer flammenden Rede an die Nation und entdeckt darin seine wahre Stärke wieder.

Der Film kommt ohne dramatische Schlachtszenen aus. Düstere Bilder aus dem Regierungssitz Downing Street 10 und dem Bunker des Kriegspremiers wechseln sich ab mit warmen Aufnahmen im Freien.

Doch die Drehbuchautorin und Historikerin Alex von Tunzelmann demontiert den Mythos des unbeugsamen Kriegshelden Churchill so gründlich, dass man sich zeitweise nicht mehr daran erinnert, was ihn begründet hat. Das ist die Schwäche des Films. Er setzt voraus, dass sich die Zuschauer der Rolle Churchills während der deutschen Bombardierungen auf Großbritannien oder seines diplomatischen Geschicks beim Schmieden der Allianz gegen die Achsenmächte bewusst sind.

So erscheint Churchill über weite Strecken des Films als nutzloser alter Dickkopf, der den eigentlichen Kriegshelden im Wege steht. Die pathetische Schlussszene, bei der Churchill wieder zu alter Form aufläuft, kann das nicht auffangen. Christopher Meyer

»Churchill« ist im Marburger Capitol zu erleben.



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