05. März 2017, 19:06 Uhr

Ehrendoktorwürde für Ernesto Cardinal Das Weiße Haus explodiert Familienaufstellung mit Stühlen New Yorker Bibliothek kauft Archiv von Lou Reed Kirchhoff schreibt erstes Kapitel um Kanadische Käse-Kunst in Braunschweig Luca Bigazzi erhält Marburger Kamera

Es ist viel zu heiß an diesem Sommertag auf dem Landgut des reichen Arkadij – und die Gefühle kochen über. Andreas Kriegenburg, hoch geschätzter Gastregisseur am Schauspiel Frankfurt, hat sich nach Tschechows »Möwe« wieder eines russischen Sujets angenommen. In »Drei Tage auf dem Land« seziert er fein säuberlich und mit viel Gefühl ein fragiles Familiengeflecht, das auseinanderzubrechen droht.
05. März 2017, 19:06 Uhr
Cardenal

Der nicaraguanische Dichter Ernesto Cardenal hat die Ehrendoktorwürde der Bergischen Universität Wuppertal erhalten. Ausgezeichnet wurde der 92-jährige Schriftsteller nach Angaben der Hochschule für seinen Beitrag zur Weltliteratur und sein Engagement für den kulturellen Austausch zwischen Nicaragua und Deutschland. Als einer der bekanntesten Autoren seiner Heimat machte der vor allem in Deutschland populäre Dichter am Samstag Halt in Wuppertal, dort erscheinen seit 1967 auch seine deutschsprachigen Bücher. Der Lateinamerikaner ist derzeit auf Lesereise unterwegs. Nach Bonn und Münster war Wuppertal die dritte Station des Priesters. Cardenal, 1980 ausgezeichnet mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, tourt knapp zwei Wochen durch Deutschland und die Schweiz.

Die Wahlparty ist längst vorbei: Luftschlangen, USA-Fähnchen und Salzstangen-reste liegen auf den Tischen, an denen die Zuschauer im Theater Dortmund stehen. Auf der Leinwand sieht man Standbilder des Weißen Hauses, das irgendwann während des Abends explodiert ist. Wann genau hat man aber nicht mitgekriegt.

Ungefähr dieses Gefühl haben viele Menschen, wenn es um den neuen US-Präsidenten Donald Trump geht. Deshalb hat Kay Voges vom Theater Dortmund nach Trumps Wahl in kürzester Zeit Mike Daiseys zorniges Erklärstück »The Trump Card« übersetzen lassen und in seinen Spielplan gehoben. Unter dem schlichten Titel »Trump« will es herleiten, wie dieser Mann so weit kommen konnte und ob dafür eigentlich ausschließlich die Konservativen verantwortlich sind.

Im Original ist es ein Monolog von einem Schreibtisch aus. In Dortmund springen eine Blondine im lila Cocktailkleid (Bettina Lieder) und ein korpulenter Anzugträger (Andreas Beck) in den Überresten der Wahlparty herum und räumen auf. Sie bringen Luftballons zum Platzen, reißen Girlanden herunter, räumen die Tische leer und erklären ihrem Publikum dabei, wie es so weit kommen konnte. Sie beginnen, wie Daisey im Original, mit einer empathischen Rede: »Wir, meine Freunde, wir alle stecken voll in der Scheiße.«

Sie erzählen zum Beispiel, wie Trumps Vater Fred zu seinen Millionen kam: »Er baute beschissene Gebäude und stopfte sie mit Leuten voll.« Oder wie Donald in dem Bewusstsein aufwuchs, nur ein Gewinner sein zu können und Vaters Imperium weiterzuführen. Am Ende bleibt eine schlüssige Gesamtschau des Phänomens Trump. Besonders wichtig ist es dem Ensemble zu zeigen, wie die politische Linke es vergeigt hat, Trump zu stoppen.

Dieser Abend bringt nach all der Trump-Berichterstattung keine bahnbrechend neuen Erkenntnisse. Wie Autor Daisey die vielen Tweets und Informationsschnipsel aber zu einem Ganzen fügt, beweist seine langjährige Beschäftigung mit der Marke Trump und sein Verständnis für sie. Daisey ist ein künstlerischer Aktivist ähnlich wie der Filmemacher Michael Moore. Wie bei dessen Meinungsfilmen kann man hier sagen: schön, dass das mal jemand so rasant zusammenfasst.

Die Dortmunder Dramaturgin und Übersetzerin Anne-Kathrin Schulz hat den Text schonend aktualisiert und »dahingehend gekürzt, wie politischer Populismus funktioniert«, wie Regisseur Marcus Lobbes erklärt. Aber es solle darüber hinaus auch ein ansprechender Theaterabend sein. Das gelingt Lobbes vor allem durch ein wirksames Bühnenbild, das deutlich ist, aber vieldeutig bleibt – und durch die Schauspieler Beck und Lieder, die ihre Erläuterungen sympathisch und unverkrampft beiläufig abliefern. Fabian May

Das Haus hat schon bessere Tage gesehen. Der Lack blättert ab, und der Wintergarten ist vollgestopft mit allerlei antiquiertem Mobiliar. In diesem Sammelsurium sucht die dekadente Gesellschaft ein wenig Abwechslung vom eintönigen Alltag – beim Kartenspiel und Musizieren, beim Philosophieren und Studieren, beim Essen und in der Liebe. Andreas Kriegenburg hat für Patrick Marbers aktualisierte Version von Ivan Turgenjews »Ein Monat auf dem Lande« ein überaus stimmiges Bühnenbild kreiert, das sich in der Pause dreht. Die raumfüllende schäbige Glasveranda ist in den Hintergrund gerückt. Das schafft Platz für einen großzügigen Freisitz, auf dem die Bewohner des Landguts und ihre Gäste durchatmen können – aber dennoch keine Ruhe finden. Denn ihr soziales Gefüge offenbart immer tiefere Risse, die sich bei aller Nonchalance nicht mehr kitten lassen. Nach und nach schleppen sie unzählige Stühle auf den Rasen, tauschen hastig irritiert immer wieder ihren Sitz und können ihren Platz in der Gesellschaft nicht wirklich finden.

Wer Stücke von Anton Tschechow kennt, weiß im Prinzip schon, wie diese behutsam modernisierte Komödie funktioniert. Wie stets bei russischen Dramatikern, liebt auch hier jeder den Falschen – eine unglückselige Kette von Sehnsüchten und Ablehnungen, die die Betroffenen in tiefe Krisen stürzt. Dreh- und Angelpunkt dieser Gefühlsverwirrungen ist die schöne Frau des wohlhabenden Gutsbesitzers, der Franziska Junge exzessiv Gestalt verleiht. Fast unerträglich bis zur Hysterie steigert sie sich in Nataljas überzogene Welt der Emotionen, die von einer Vielzahl von Verehrern genährt wird. Nur ausgerechnet der, den sie begehrt, wird ihr das Erwünschte verwehren.

Das Objekt der Begierde heißt Beljajew, frisch engagierter Hauslehrer des Sohnes Kolja, der unter der neuen Obhut geradezu aufblüht – wie so einige Damen auf dem Landsitz. Owen Peter Read hat so gar nicht das Format eines funkelnden Charmeurs – und doch verdreht er den Mädels, jungen wie älteren, geschickt den Kopf. Weil er den Rahmen der Familie sprengt, muss er am Ende seinen Hut nehmen – ebenso wie Dauerhausfreund Rakitin, den Felix Rech als zerrissene Seele in unerfüllter Liebe zeichnet.

Bei aller Verzweiflung kommt der Humor aber nicht zu kurz. Kriegenburg kitzelt unvermutet den Komiker bei einigen Darstellern heraus. Was Peter Schröder aus seiner bemitleidenswerten Figur des werbenden Bolschinzow macht, ist schon eine Nummer für sich! Mit Oliver Kraushaar als zynischem Arzt Spigelskij bildet er ein herrlich komödiantisches Paar, das das Premierenpublikum am Samstagabend zu spontanem Szenenapplaus hinreißt. Ein weiterer Höhepunkt des amüsanten Vergnügens ist Kraushaars (er hat Rücken!) Heiratsantrag mit vielen Spickzetteln, den Verena Bukal als sonst nicht so sprachlose Lisaweta später schluchzend ablehnen wird.

Isaak Dentler gibt angenehm zurückhaltend den weltfremden Gutsbesitzer Arkadij, der in seiner Arbeit aufgeht, aber so gar kein Gespür für die Befindlichkeiten seiner Frau und seines Kindes hat. Da kann Heidi Ecks als seine Mutter sich den Mund noch so fusselig reden – er will die Zusammenhänge einfach nicht begreifen. Komplettiert wird das glänzend aufgelegte Ensemble von Alexandra Lukas als impulsiver Pflegetochter Vera sowie Elena Packhäuser und Carlos Praetorius als Bedienstete. Michael Benthin gebührt als lebenserfahrenem Hauslehrer Shepherd das weise Schlusswort an den heranwachsenden Knaben Kolja, dessen Zukunft in den Sternen steht.

Die Bücherei der Stadt New York hat das gesamte Archiv des 2013 verstorbenen Rockmusikers Lou Reed aufgekauft. Zum früheren Besitz des Mitbegründers der Band The Velvet Underground zählen rund 3600 Ton- und 1600 Videoaufnahmen sowie Hunderte Fotos, Dokumente, Notizen und persönliche Gegenstände aus seiner Karriere als Musiker. Teile davon sind nun an zwei Standorten der New York Public Library ausgestellt und noch bis 20. März zu sehen. »Mein Traum war immer, Lous Arbeit der Öffentlichkeit vollständig zugänglich zu machen«, sagte Reeds Witwe Laurie Anderson einer Mitteilung der Bücherei zufolge.

Der Träger des Deutschen Buchpreises 2016, Bodo Kirchhoff, hat das erste Kapitel seiner preisgekrönten Novelle »Widerfahrnis« umgeschrieben. »Ich habe bei den Lesungen gemerkt, dass man den Text noch ein bisschen verbessern kann«, sagte der in Frankfurt lebende Autor dem »Hamburger Abendblatt«. Die neue Auflage sei dann in leicht veränderter Form erschienen.

Derzeit sitze er an einem Text, der den Arbeitstitel »Unkind« und den Untertitel »Legenden einer Sexualität« trage. »Dort geht es gewissermaßen um die Biografie einer Sexualität«, sagte Kirchhoff. Auch seine Mutter werde darin vorkommen. Die sei Schauspielerin am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg gewesen und habe selbst Bücher geschrieben.

Wer bisher das künstlerische Potenzial von Käse unterschätzt hat, der wird im niedersächsischen Braunschweig eines Besseren belehrt. In seiner ersten institutionellen Einzelausstellung verwandelt der kanadische Künstler Ben Schumacher den Kunstverein Braunschweig in ein Käselager auf Zeit. In den Regalen liegen dicke, gelbe Käselaiber – dies ist zentraler Bestandteil der Installation »Käsesakramentsystem«, die seit Samstag für Besucher geöffnet ist. Mit Kabeln verbunden sollen die Käse-Objekte die »Verknüpfung von materieller und virtueller Welt simulieren«, erklärt die Kuratorin Nele Kaczmarek.

Ergänzt wird die Schau durch eine siebenteilige Serie neuer Malereien, auf denen ebenfalls Käse als ein zentrales Motiv zu erkennen ist. Eine Spur Ironie sei in den Arbeiten des Künstlers durchaus vorhanden, betonte die Kuratorin.

Kameramann Luca Bigazzi hat den mit 5000 Euro dotierten Marburger Kamerapreis 2017 erhalten. Der Italiener bekam die Auszeichnung am Samstag unter anderem für seine »meisterhafte Beherrschung einer breiten Palette visueller Ausdrucksformen«, wie die Stadt und die Universität Marburg mitteilten. Der 1958 geborene Bigazzi sei »längst selbst zu einem prägenden Akteur der italienischen und europäischen Filmgeschichte geworden«, begründete die Jury ihre Wahl.

Bigazzi stand unter anderem für die Filme »Lamerica« (1994) und »La Grande Bellezza – Die große Schönheit« (2013) hinter der Kamera. Seit über 30 Jahren habe er mit vielen wichtigen italienischen Regisseuren zusammengearbeitet und »erheblich zur internationalen Renaissance des italienischen Kinos beigetragen«, befand die Jury. Den Preis vergeben die Stadt und die Uni Marburg gemeinsam, in diesem Jahr zum 17. Mal. Die Verleihung findet im Rahmen der Marburger Kameragespräche statt.

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