11. Mai 2017, 19:01 Uhr

Literatur to go

Zum Stöbern, Anschauen und Mitnehmen: Wer Lesestoff sucht, findet ihn in vielen Fußgängerzonen gratis in einem Regal. Die Rückgabe der Bücher ist freiwillig. Klappt das – oder wird das Angebot ausgenutzt?
11. Mai 2017, 19:01 Uhr
Auf dem Weg zum Einkauf im Bücherschrank stöbern: Eine Frau nutzt in Heidelberg das kostenlose Angebot. (Foto: dpa)

Leicht zugänglich, stets geöffnet, keine Rückgabepflicht: Mit öffentlichen Bücherschränken wollen immer mehr Kommunen auf Straßen und Plätzen die Leselust wecken. »Jeder kommt, wann er will – an den Regalen ist immer etwas los«, sagt Cornelia Holsten, Initiatorin der Karlsruher Buchhaltestelle. Das Umsonstangebot schaffe Gemeinschaft, betont auch Martina Schickle von der Stadtverwaltung in Freiburg. »Bücherschränke sind einfach zu nutzen und fördern Kommunikation.« Viele Städte begeistern sich inzwischen für die Idee. So wurde gerade in Gießen gestern in der Plockstraße ein weiteres Regal aufgestellt.

Öffentliche Bücherschränke gibt es bundesweit – etwa in Berlin und Hannover, aber ebenfalls in Darmstadt, Erlangen oder Halle. Ein Beispiel ist auch Heidelberg: Im Stadtteil Handschuhsheim wird ein massiver Stahlschrank mit Dutzenden Büchern seit Dezember 2016 gut besucht. Ob Werke von Heinz G. Konsalik, Utta Danella, Janosch oder Karl May – für nahezu jeden dürfte etwas dabei sein.

Birgit Alt schmökert im Kriminalroman »Der Feind in mir« von Kevin O’Brien. »Genau dieses Buch wollte ich schon lange lesen. Nun muss ich nicht in die Bibliothek«, sagt die 47-Jährige. Dabei sei sie eher zufällig vorbeigekommen. Die Straßenbücherei ist ein Projekt der Zukunftswerkstatt Handschuhsheim (ZWS), die das Regal auch betreut. Die Kosten von 7000 Euro für die Einrichtung trugen die Stadt und die Bürgerstiftung Heidelberg sowie die ZWS mit Spenden. Viele stellen gut erhaltene Bücher, die sie nicht mehr möchten, in die Regale. Die Schränke funktionieren nach dem Prinzip Geben und Nehmen.

»Ich war skeptisch, als das hier eingeweiht wurde«, sagt Rentner Wilhelm Grubba in der Heidelberger Neugasse. Dort stellte die Bürgerstiftung bereits 2010 ihr erstes Bücherregal auf. »Ich hatte Sorge, dass das Regal von Vandalen zerstört oder bei schlechtem Wetter zur Dreckecke wird«, erläutert der 74-Jährige. Die Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet. Zwar liegt ab und zu eine zerfledderte Zeitschrift am Regal. »Aber das kommt eher selten vor«, weiß Grubba.

Auch in Karlsruhe kam es bisher zu keinem Zwischenfall. »Ich denke, es herrscht in der Bevölkerung immer noch großer Respekt vor Büchern und vor der Leistung des Autors«, sagt Initiatorin Holsten. Sie bekomme viele Bücher aus Haushaltsauflösungen. »Ältere Leute gehen ins Seniorenheim und geben uns ihre Bücher. Sie würden sonst wohl im Altpapier landen. Antiquariate picken sich nur die Rosinen raus.«

Als Konkurrenz zu Bibliotheken sieht Holsten die Regale nicht. »Im Gegenteil. Das unbürokratische Angebot ist für viele eine Hinführung zum Buch. Auch junge Menschen greifen zu, denn so sparen sie Geld.« Kinder sind oft begeistert. In Tübingen kommen Lena und Lisa auf dem Weg von der Schule regelmäßig an der Büchersäule vorbei. Am nächsten Morgen bringen sie oft als Ersatz ein eigenes altes Buch mit, erzählen die zwölf Jahre alten Freundinnen. Die Studentin Alex ist hingegen skeptisch. »Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Die meisten Leute sind heutzutage von der Konsumgesellschaft verdorben und wollen immer nur haben, haben.«

Betreiber von Buchläden nehmen das Angebot meist gelassen. »Die Regale bieten ein zufällig zusammengestelltes Sortiment älterer Werke. Wer ein bestimmtes neues Buch sucht, kommt weiterhin zu uns«, meint die Angestellte eines Geschäfts in Mannheim. Auch in der Industriestadt am Rhein wird Literatur to go angeboten.

Immer wieder tauchen Berichte auf, dass Bücher aus Regalen genommen und gegen Bezahlung im Internet oder auf Flohmärkten angeboten werden. »Mir sind keine schlechten Erfahrungen bekannt«, sagt Sabine Schmincke von der Stadtverwaltung in Tübingen. Auch sie sieht das Gratisangebot nicht als Konkurrenz. »In Bibliotheken gibt es eine gezielte Auswahl, das Angebot orientiert sich am Bedarf und es findet eine qualifizierte Beratung statt. All das können Bücherschränke nicht bieten.« Unerwünscht sind fast überall Zeitungen sowie Ladenhüter. Regelmäßig misten die Betreiber daher die Regale aus. Der bunte Blickfang soll schließlich nicht zur Müllhalde werden.

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