11. April 2017, 20:20 Uhr

Mit Malerei gegen Mauern

Schon jetzt trennt ein metallener Zaun streckenweise die USA und Mexiko. In der Grenzstadt Tijuana haben Künstler zu Pinsel und Farbe gegriffen und Wandmalereien entstehen lassen – auch aus Protest gegen die Migrationspolitik von US-Präsident Trump.
11. April 2017, 20:20 Uhr
»Wandbild der Brüderlichkeit«: Enrique Chiu in Tijuana vor dem bemalten Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA. (Foto: dpa)

Malerei als friedlicher Protest gegen die Abschottungspolitik des großen Nachbarn im Norden: Im mexikanischen Tijuana am Pazifik haben Hunderte Künstler und Einwohner ein Stück des bereits bestehenden Grenzzauns zwischen Mexiko und den USA in Kunst verwandelt. Ganz in der Tradition der berühmten mexikanischen Muralisten der 1920er Jahre wie Diego Rivera zaubern sie mit Pinsel und Farbe in der Öffentlichkeit eine riesengroße Wandmalerei, die Hoffnung und Einigkeit zugleich ausstrahlen soll.

»Es ist eine Art, die Kunst zu nutzen, um friedlich unsere Ablehnung gegen Ideologien zu zeigen, die uns trennen wollen«, sagt Künstler und Initiator Enrique Chiu. Das Vorhaben, die ersten zwei Kilometer des 1994 errichteten und drei Meter hohen Grenzzauns von Tijuana aus zu bemalen, begann ursprünglich als Künstlerprojekt. Doch wandelte es sich schnell in eine Form des sozialen Protestes gegen die fremdenfeindliche Politik von US-Präsident Donald Trump, wie Enrique Chiu erklärt. Chiu ist Gründer der Initiative »Mural de la Hermandad« (»Wandbild der Brüderlichkeit«).

2013 begann er damit, einen Teil des Grenzzauns zu bemalen, damals auch schon mit einer Botschaft. Er widmete das Werk mexikanischen Müttern, die aus den USA abgeschoben wurden und ihre dort geborenen Kinder zurücklassen mussten. Seine Malerei sollte den Schmerz ausdrücken, den diese Trennung verursacht.

Die Idee der »Mauer der Brüderlichkeit« nahm Ende 2016 erste Gestalt an. Chius Ziel war es, einen Raum der physischen Trennung in einen Ort des künstlerischen Zusammenlebens und Ideenaustausches zu verwandeln. Mit Trumps Amtseinführung am 20. Januar und dessen Erlass, die umstrittene Mauer zwischen den USA und Mexiko zu bauen, gewann auch Chius Projekt unter den Künstlern an Zugkraft.

Hunderte Interessenten aus anderen Landesteilen Mexikos, den USA und Mittelamerika suchten den Kontakt zu Chiu. Mehr als 600 Menschen erbaten einen Platz in dem Wandgemälde, darunter auch Graffiti-Künstler und Kunststudenten. Auch aus den USA abgeschobene Migranten beteiligten sich auf ihre Weise: Sie schrieben melancholische Botschaften an ihre Familien, die auf der anderen Seite des Zauns blieben.

Das Einzige, was all diese Menschen gemein haben, ist der Wunsch, die Welt zu verändern, wie Chiu erklärt. »Das hat schon funktioniert, damit die Leute hierherkommen und ihre Gefühle ausdrücken. Und dass die Welt mitbekommt, was an der Grenze geschieht.« Der Künstler aus Guadalajara wanderte einmal selbst in die USA aus, um dort zu arbeiten. Doch er entschied sich, zurückzukehren und seine Künstlerkarriere in Tijuana fortzusetzen.

»Als ich dieses Stück schmutziges und verrostetes Blech sah, bekam ich ein Gefühl der Angst und Unruhe«, beschreibt Chiu seine Begegnung mit dem Grenzzaun. »Ich hatte Lust, es niederzureißen, wusste aber, dass ich das nicht tun kann. So sagte ich mir, eines Tages werde ich es verwandeln.« Dabei gehe es ihm nicht um das Verschönern oder Überschminken eines Zaunes, der Familien trenne und Tausenden Migranten schon den Tod gebracht habe.

Die Malereien begannen am äußersten Rand des Zauns am Strand von Tijuana, wo die metallene Grenzmarkierung mehr als 20 Meter in den Pazifik hineinreicht. Das Gebiet ist bekannt als Friendship Park, als Park der Freundschaft: ein Ort der Begegnung zwischen Familien beider Länder, die sich dort am Wochenende beiderseits des Zauns treffen und durch die Lücken sechs Meter hoher Metallgitter sprechen können. Es erfülle ihn mit großer Traurigkeit zu sehen, wie die getrennten Familienmitglieder einander mit den Fingerspitzen berührten, ohne sich umarmen zu können, sagt Chiu. »Es ist, als wären sie im Gefängnis.«

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