08. November 2019, 17:57 Uhr

Wie ein römischer Tempel

08. November 2019, 17:57 Uhr
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Von Roland Mischke
Die East Side Gallery ist mit 1,3 Kilometern das längste erhaltene Mauerstück und auf der Ostseite bemalt. (Foto: Schwarzmann)

An der Bernauer Straße sprangen Menschen aus den Fenstern des Ostens in den Westen. Die Häuser, in denen sie wohnten, standen genau an der Grenze, auf der Westseite wartete die Feuerwehr mit Sprungtüchern. Es soll nie vergessen werden, was damals geschah. Die Fensterspringer, darunter selbst alte Frauen, schafften es, in den Westen zu gelangen. Andere, die es versuchten, schafften es nicht. Manche von ihnen wurden erschossen oder schwer verletzt und verbrachten mehrere Jahre in Gefängnissen. Die Mauer erinnert daran.

Am 13. August 1961 begann der Bau der Mauer, die sich durch die gesamte Berliner Innenstadt zog und strikt Ost- von West-Berlin trennte. Sie wurde nur deshalb gebaut, damit Ostdeutsche nicht mehr in den Westen fliehen konnten. Weil es dennoch immer wieder versucht wurde, ließ die Regierung der DDR die Grenzsperranlagen zu einem tief gestaffelten Sperrsystem ausbauen. Ein Grenzstreifen dazwischen war vermint, ein »Todesstreifen«. Nicht wegen der sogenannten Imperialisten, sondern gegen die eigenen Bürger, die nicht entkommen sollten.

Nach der Wiedervereinigung war die Mauer nichts wert, sie wurde zerschlagen und im großen Stil abgebaut und abgeräumt. Ein großer Fehler, denn die Mauer hätte von 1989 an ein Denkmal sein sollen. Was kann deutlicher zeigen, wie ein Staat seine Bürger gefangen hielt? Das sollen auch die jüngeren Generationen erfahren. Aber der größte Teil der Mauer war da schon entsorgt.

Ein perfides System

Bis die Stiftung Berliner Mauer mit den restlichen Teilen der Mauer an der Bernauer Straße eine Gedenkstätte einrichtete. Tausende Menschen besuchen den Ort. Aus Umfragen weiß man, dass die meisten Touristen nach Berlin kommen, um auch die Mauer zu besichtigen. Vor der East Side Gallery zwischen Oberbaumbrücke und Ostbahnhof entlang der Spree gibt es bei jedem Wetter viel Bewegung von Schaulustigen. Das längste Mauerstück ist 1,3 Kilometer lang und an der Ostseite bemalt.

Der Architekt Günter Schlusche (69) ist zuständig für die Konservierung des monströsen Bauwerks. Er sagt über die Mauer, »sie muss behandelt werden, als sei sie ein römischer Tempel«. Denkmalpfleger reden so, für sie sind die Hinterlassenschaften von Zeitepochen wertvoll. Inzwischen werden die Überreste im Osten wie im Westen Berlins von den Menschen als schützenswert angesehen.

Schlusche überwacht die letzten Standorte der Mauer. Das alte Gemäuer aus Ziegeln und billigem Beton muss geschützt werden, das geschieht durch sogenannte Verschleißschichten, die aufgetragen werden. In der Bernauer Straße wurden Stahlstäbe der Mauer freigelegt, sie werden nicht mit Beton überzogen, sie hängen an Befestigungsbügeln. Entdeckt Schlusche Risse, lässt er ein neues Konservierungspräparat kommen. Er achtet besonders auf winzige Farbcodierungen, die den Grenzsoldaten zur Orientierung dienten. Ein perfides System.

Schlusche, der vor rund 50 Jahren aus Niedersachsen nach West-Berlin kam, gilt als der Fachmann. Institutionen aus der ganzen Welt holen sich bei ihm ihre Fachexpertise zur Mauerkonservierung ein. Es finden auch Kongresse statt, das Land Berlin gibt erhebliche Summen aus, um die Mauerreste zu erhalten. Jeden Tag ist Günter Schlusche unterwegs, um den Zustand der Mauerüberbleibsel zu begutachten. Roland Mischke



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