24. Juli 2017, 18:51 Uhr

Wilder Ritt mit Rosinante

24. Juli 2017, 18:51 Uhr
Wilde Mähne, tiefe Stimme: Mechthild Großmann liest in Wetzlar. (Foto: chl)

Wie viele Zigaretten und wie viel Whisky braucht es wohl für eine solche Stimme? Leises Kichern ist zu hören, als Mechthild Großmann zu folgendem Satz ansetzt: »Viele von den Leuten, die mich mein Pferd, mein liebes Pferdchen nannten, haben mich nie geritten. Dafür ritten mich ganz andere.«

Auf der Bühne im Wetzlarer Rosengärtchen liest die Schauspielerin, die die meisten wohl als Staatsanwältin Wilhelmine Klemm aus dem »Tatort« Münster kennen, aus Cervantes’ »Don Quijote«, dem wohl wichtigsten Werk der spanischen Literaturgeschichte. Doch schon der genannte erste Satz lässt aufhorchen: Nicht um die gängige Übersetzung von Ludwig Tieck der berühmten Ritterparodie handelt es sich hier, sondern um eine moderne und ziemlich schlüpfrige Bearbeitung von Christian Filips nach einer Idee von Wolfgang Katschner.

Erzählt wird – was könnte besser zu Großmanns tiefer und herber Stimme passen – aus der Sicht der Stute Rosinante, jenem alten Klepper, der in der Fantasie des verrückten Don Quijote zum edlen Schlachtross wird. Rosinante, so wird schnell klar, hat eine ganz andere Sicht auf die Dinge und nicht alles hat sich laut ihr so zugetragen, wie es in Miguel de Cervantes’ Roman geschildert wird.

Und so wird das Hörstück – begleitet wird Großmann bei ihrem Auftritt vor 550 Zuschauern im Rahmen der Wetzlarer Festspiele von der Lautten Compagney Berlin mit Musikstücken aus der spanischen Renaissance – zu einem wahrhaft wilden und klaumaukigen Ritt. An Frivolitäten und Derbheiten mangelt es nicht in der Erzählung des alten Gauls, und so sind die Weinschläuche, gegen die Don Quijote kämpft, weil er sie für einen Hünen hält, nicht das Einzige, was in dieser ins Bordell verlagerten Szene baumelt. Großmann zeigt dabei nicht nur viel Humor, sondern beweist auch eine hohe Wandlungsfähigkeit in ihrer Stimme, wenn sie als Don Quijote nach Dulcinea kräht oder als sturzbetrunkener und kaum mehr verständlich lallender Sancho Pansa noch eine »Cerveza« bestellt. Und wenn sich Rosinante mit »lüsternen Nüstern« auf die galizischen Hengste stürzt, diese sich aber im Wortsinn aus dem Staub machen, dann ist das einfach nur urkomisch.

Die Lautten Compagney setzt dabei mit historischen Instrumenten aus der Renaissance wie Vihuela, Zink oder Gambe die passenden musikalischen Akzente und vertieft damit die Hörbuch-Atmosphäre. Vor allem Perkussionist Peter Kuhnsch sorgt für Authentizität, wenn er etwa – ganz im Stil von Monty Python – Rosinantes Hufgetrappel oder den Wind in den Windmühlenflügeln vertont. Die acht Aventüren vergehen jedenfalls wie im Flug – ein kurzweiliger Festspielabend. Sabine Glinke

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