25. August 2017, 18:14 Uhr

Zeitloses Symbol der Angst

Der Künstler Stefan Roloff hat geschafft, was Behörden nicht hinkriegen: Mit einer Installation auf dem Berliner Mauerrest zeigt er die Brutalität der einstigen Teilung.
25. August 2017, 18:14 Uhr
Stefan Roloffs Bilder zeugen von ständiger Überwachung der Ost-Berliner und der Willkür der Stasi. (Foto: Ireneusz Adamski )

Kurzhosig, mit Kebab, Eistüten, Wasser- und Bierflaschen rollt täglich die Karawane den 1,3 Kilometer langen Straßenzug hinauf und hinunter. Busse reihen sich in Parkzonen, auf dem einstigen Todesstreifen herrscht Bombenstimmung. Man kann abhängen, reden, grölen, flirten und sich ins Gras legen, wo einst fein geharkter Sand Spuren von Freiheitsliebenden erfasste, auf die scharf gemachte Hunde gehetzt wurden. Auf der Spree dümpeln bunte Dampfer und Schiffe in beide Richtungen, vom Alexanderplatz grüßt der Fernsehturm. Die meisten Selfies werden vor dem aufgesprayten Gemälde »Bruderkuss« von Breschnew und Honecker gemacht, das Andenkengeschäft brummt. Die Mauer und das Gelände drum herum ist ein durchkommerzialisierter Ort.

Es war die letzte Gelegenheit. Der Berliner Denkmalschutz pocht seit Jahren darauf, dass die Rückseite der weltweit bekannten und von jedem zweiten Berlin-Touristen besuchten East Side Gallery blendend weiß gestrichen wird. Diese Seite der Mauer ist der Spree zugewandt, DDR-Grenztruppen tünchten sie in grellweiße Farbe, damit Flüchtlinge im Schussfeld besser als Zielscheiben auszumachen waren. Denkmalschützern ist die Farbe als Dokument wichtig. Sie zeigt: So brutal war die Trennung beider Stadthälften im Kalten Krieg.

Stefan Roloff, 63, nutzte die letzte Gelegenheit. Schon 1984 erkannte der Filmemacher, dass das monströse Bauwerk dokumentiert gehöre. Drei Wochen lang ging er mit technischem Equipment an der Berliner Mauer entlang und filmte den Mauerweg, die Zäune, Wachtürme, Patrouillenboote und Schäferhundestaffeln. Das Ost-Grenzregiment war konsterniert, die Soldaten wussten nicht, was der Aufwand der anderen Seite zu bedeuten hatte. Als Roloff in einer Kunstaktion sogar einen hölzernen Wachturm auf der Westseite errichten ließ, stieg die Aufregung noch weiter an.

Wut auf alles Militärische

Einzigartige Aufnahmen wurden damals gesichert. Obwohl Roloff zugibt: »Dass die Mauer jemals wieder verschwinden würde, habe ich nicht geglaubt.« Der geborene West-Berliner, ein Pazifist mit Wut auf alles Militärische, hat Bilder aus seinem Material auf die Rückseite der East Side Gallery aufgeklebt. Er kommt aus einer Familie, die im Widerstand gegen eine andere Diktatur stand: Sein Vater Helmut Roloff, Pianist, gehörte in der NS-Zeit der Widerstandsgruppe »Rote Kapelle« an, die von der Gestapo 1942 zerschlagen wurde.

Seit 2006 gibt es ein Mauerkonzept des Berliner Senats, ein »Lernort«, so die Beamten, solle geschaffen werden. Nichts geschah, erst in diesem Jahr wird die Stiftung Berliner Mauer etwas besser finanziert. Auf exakt 229 Metern Beton hat Stefan Roloff, der in den USA und Berlin lebt, kleine Standbilder aus seinen Videos aufgebracht, die nun die ganze Höhe der Mauer einnehmen. Mittels einer neuen Technik hat er Bilder extrem vergrößert. Ausführlich erklären die Texte zur Installation von ständiger Überwachung von Ost-Berlinern im Grenzgebiet, von Verfolgung durch die Stasi, von Willkür. Gebrochen werden die gezeigten Szenen durch schwarze Silhouetten, sie stehen für die Opfer der SED. Der Effekt, erklärt Roloff, sei »von Nahem malerisch, aus der Entfernung fotorealistisch«. Wochenlang hat er an der Installation gearbeitet, bei jedem Wetter.

Roloff will »zeigen, was es heißt, eine Mauer zu bauen, Menschen voneinander abzugrenzen und gegeneinander aufzuhetzen und einzusperren«. In Zeiten des Mauerbaus an der US-Grenze zu Mexiko versteht er jede trennende Mauer als »zeitloses Symbol von Angst, Feindschaft und Rassismus«. Die Mauer und kein Ende.

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