25. August 2017, 18:14 Uhr

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25. August 2017, 18:14 Uhr

Gleich hinter der Eingangstür gab es Filzpantoffeln für alle. Schon schlitterte die kleine Lisa von gegenüber auf dem Parkett umher und rief: »Das macht Spaß!«

Die Leute schauten.

Lisas Mama sagte: »Nicht so laut. Wir sind hier in einem Schloss.«

Oma Gertrud sagte: »Lass dem Kind doch seinen Spaß.«

Die Mama sagte: »Leiser Spaß ist für alle schön.«

Ein paar Leute nickten.

Vorn begann die Führung.

Lisa schlitterte auf mich zu und sagte: »Ist leiser Spaß für alle schön?«

Ich schlurfte über den Flur und sagte: »Kommt drauf an.«

»Auf was?«

»Auf die Umstände.«

»Wie müssen die Umstände sein, damit leiser Spaß Spaß macht?«

»Man sollte Filzpantoffeln tragen.«

»Und durch ein Schloss schlittern?«

»So in etwa.«

»Und wenn die Umstände anders sind?«

»Dann kann man auch mal laut sein.«

»Mama sagt, Frauen sind manchmal in anderen Umständen.«

»Das stimmt.«

»Haben sie dann lauten Spaß?«

Lisas Mama schaute mich an und flüsterte: »Was erklären Sie dem Kind denn da?«

Ich sagte: »Ich erkläre gar nichts.«

Eine Frau sagte: »Man sollte Kindern immer alles erklären.«

Lisa beendete das Gespräch und schlitterte auf ein gold gerahmtes Gemälde von Karl dem Soundsovielten zu.

Die Mama rief: »Lisa!«

Die Leute schauten.

Lisa sagte: »Ich habe leisen Spaß. Das ist erlaubt, solange ich nicht in anderen Umständen bin.«

Die Leute schauten Lisas Mama an.

Ich zeigte mit dem Finger nach vorn: »Die Führung geht weiter.«

Lisa schlitterte hinter der Gruppe her in den nächsten Raum.

Wir standen im Schlafgemach. Die Dame von der Führung erklärte, dass sich die Königin hier seinerzeit in anderen Umständen befand.

Lisa sagte: »Dann hatte sie ihren Spaß.«

Die Leute schauten Lisa an.

Die Dame von der Führung sagte: »Das war kein Spaß.«

Lisa nickte: »Es war ja im Schloss.«

Die Mama versuchte einen Themenwechsel und sagte zu Lisa: »Schau mal, wie schön das Bett aussieht.«

Lisa nickte: »Ist das ein Spaßbett?«

Die Leute schauten Lisas Mama an.

Die Dame von der Führung erklärte die Einzelheiten des Schlafgemachs und wies auf die zahlreichen Wandmalereien berühmter Künstler hin.

Lisa sagte: »In meinem Zimmer mache ich die Wandmalereien selber.«

Ein älterer Herr fragte: »Vom wem stammt das Deckenfresko?«

Lisa schaute nach oben und sagte: »Wow! Warum ist die Decke so weit weg?«

Jemand sagte: »Ja, es sind sehr hohe Räume.«

Lisa sagte zur Dame von der Führung: »Ist das so, weil hier hohe Herrschaften wohnten?«

Alle schauten Lisa an.

Ich sagte: »Das ist eine interessante Frage.«

Oma Gertrud sagte: »Waren die Räume vom König höher als die vom Herzog?«

Lisas Mama sagte: »Mama, fang du jetzt bitte nicht auch noch an.«

Lisa schaute zum Deckenfresko hinauf und sagte: »Wer konnte da oben was hinmalen?«

Jemand sagte: »Der Deckenmaler.«

Lisa sagte: »Ich komme als Wandmalerin nur bis hierhin.«

Sie streckte den Arm aus und zeigte an einer alten Prunkvase, bis zu welchem Punkt Wandmalerei für sie möglich ist.

Die Dame von der Führung sagte: »Bitte nichts anfassen.«

Lisa sagte: »Aber ohne Anfassen geht Wandmalerei gar nicht.«

Die Dame von der Führung sagte: »Könnte jemand auf das Kind aufpassen.«

Die Mama sagte: »Lisa!«

Lisa lief zu mir.

Die Dame von der Führung sagte: »Sind Sie der Vater?«

Ich sagte: »Ich bin der Fahrer des Flucht- wagens.«

Es war nicht einmal gelogen. Wir waren mit meinem Auto da.

Die Dame von der Führung musterte mich und sagte: »Wir gehen jetzt in den Ballsaal.«

Der Ballsaal war riesig.

Lisa sagte: »Und wo sind die Bälle?«

Die Dame von der Führung sagte: »Ein Ball ist ein gesellschaftliches Ereignis.«

Lisa sagte: »Dann liegen in der Turnhalle unserer Schule lauter gesellschaftliche Ereignisse herum.«

Lisas Mama rollte die Augen.

Die Dame von der Führung lieferte zum Ballsaal sämtliche Daten und Begebenheiten. Die Gruppe zeigte sich beeindruckt. Lisa schlitterte derweil auf eine Ritterrüstung zu. Ich ahnte es, war aber wegen der Filzpantoffeln nicht schnell genug zur Stelle. Schon ertönte ein Scheppern. Alle erschraken. Lisa saß auf dem Hosenboden und hatte den Helm der Rüstung auf dem Kopf. Der Rest der Montur lag in alle Richtungen verstreut auf dem Boden.

Wir mussten die Führung vorzeitig verlassen. Ein Schlossmitarbeiter notierte sich Mamas Daten, die Rechnung für die instand zu setzende Rüstung komme mit der Post.

Auf dem Heimweg herrschte im Fond eisiges Schweigen. Oma Gertrud störte das nicht. Sie unterhielt mich vom Beifahrersitz aus und skizzierte das Ausflugsziel fürs nächste Wochenende: eine Raubritterburg. Mit Morgenstern, Folterkammer und Schafott. Ich lächelte. Oma Gertrud lächelte auch. Lisas Mama starrte auf der Rückbank mit eiserner Miene aus dem Fenster. Lisa schmollte und hasste uns alle. Das wird nächstes Wochenende sicher wieder ein Spaß.

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