Gesundheit

Lockern und Anspannen

Jeder hat ihn, kaum einer kennt ihn: Wie eine straff gespannte Hängematte kann man sich den Beckenboden vorstellen. Er besteht aus Muskeln, Bändern und Bindegewebe und verschließt das Becken nach unten. Dabei ermöglicht der Beckenboden im Zusammenspiel mit Bauch- und Rückenmuskulatur eine aufrechte Haltung. Ihm verdanken wir auch, dass die Schließmuskeln von Blase und Darm funktionieren – und eine lustvolle Sexualität. Die Physiotherapeutin Heike Treude weiß, dass man sich um ihn kümmern sollte.
06. Februar 2017, 17:46 Uhr
Annette Spiller
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Blick auf die Stelle, wo beim Menschen der Beckenboden sitzt. (Fotos: pv/lumiére fotografie)

Reden wir über den Beckenboden, Frau Treude. Was ist das genau?

Heike Treude: Es ist eine rautenförmige Öffnung und wird von muskulären und bindegewebigen Strukturen verschlossen. Bei der Frau gibt es drei Öffnungen, nämlich die Harnröhre, die Vagina und den Anus. Bei Männern sind es mit Harnröhre und Anus nur zwei Öffnungen.

Warum ist er vor allem für Frauen ein Thema – was kann er?

Treude: Ein funktionierender Beckenboden und das Wissen über die Zusammenhänge mit den darüberliegenden Organen – Blase, Gebärmutter und Darm – und die Veränderung bestimmter Verhaltensweisen sind der beste Schutz vor unangenehmen Folgen. Damit der Beckenboden kräftig und elastisch bleibt, ist es besonders nach einer Schwangerschaft wichtig, mit der Muskulatur Bewegungsaufträge wie Lockern und Anspannen auszuführen. Da der Beckenboden immer noch sehr stiefmütterlich behandelt wird, möchte ich durch meine Erfahrungen und nach dem Tanzberger-Konzept Frauen und Männern die recht anschaulichen einfachen Übungen zum Federn des Beckenbodens vorstellen.

Was kann er irgendwann nicht mehr?

Treude: Wenn der Beckenboden nicht in die Wahrnehmung gerückt wird, kann er irgendwann nicht mehr schwingen. Wenn er permanent zugekniffen wird – was gar nicht seine Funktion ist – verspannt sich auch ein Beckenboden. Das kann sogar Schmerzen auslösen. In dem Zusammenhang ist auch die Funktion der Blase und des Darms und das Zusammenspiel des gesamten Systems von Bedeutung. Es ist wichtig, dass der Beckenboden so stabil wie möglich und so elastisch wie nötig ist.

Ist er für Frauen und Männer gleichermaßen wichtig?

Treude: Jawohl. Er ist in unterschiedlichen Lebenslagen bei beiden Geschlechtern wichtig.

Was hat der Beckenboden mit Rückenschmerzen zu tun?

Treude: Da die Beckenbodenmuskulatur genau wie auch Bauch und Rückenmuskulatur zu den stabilisierenden Muskeln gehört, ist er von elementarer Wichtigkeit. Gute funktionelle Gymnastik in diesem Bereich lässt gegebenenfalls den Rückenschmerz verschwinden oder kann ihn zumindest lindern.

Was kann man tun, um Problemen mit dem Beckenboden vorzubeugen?

Treude: Wenn man etwas über die Funktion des Beckenbodens und die Zusammenhänge mit der umgebenen Muskulatur weiß, kann man sein Verhalten ändern, um Problemen mit dem Beckenboden vorzubeugen.

Können Sie eine leichte Übung beschreiben?

Treude: Die naheliegendste Übung ist eine Atemübung: Beckenboden und Bauch werden bei der Einatmung locker gelassen und entspannt und bei der Ausatmung zusammengeschnürt und nach innen oben in den Bauchraum gezogen.

Was macht eine Beckenbodentherapeutin konkret?

Treude: Ich arbeite mit Menschen in der Vorsorge und Nachsorge, etwa nach Operationen und auch bei Senkungsproblemen und anderen Fehlfunktionen. Wir erarbeiten anhand von Bildern die Strukturen des Beckenbodens und schaffen durch die Wahrnehmung eine Verbindung dazu.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/ueberregional/mantelredaktion/medizingesundheit/Gesundheit-Lockern-und-Anspannen;art468,206769

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