28. Juni 2017, 22:19 Uhr

Als die Kanzlerin noch Ministerin fürs »Gedöns« war

28. Juni 2017, 22:19 Uhr
Angela Merkel 1993 beim Redaktionsbesuch. (Foto: Archiv)

Berlin ist weit und die Kanzlerin ohnehin kaum zu Hause. Das bedeutet für Redakteure einer Zeitung im Städtedreieck zwischen Gießen, Alsfeld und Bad Vilbel, dass sie Angela Merkel eher selten gegenüber sitzen. Nun, Mitarbeiter der Mantelredaktion konnten die Kanzlerin immerhin bei Parteitagen und auch bei Pressekonferenzen erleben. Aber nur einmal saßen vier Journalisten dieser Zeitung mit Merkel zusammen an einem Tisch. Vor fast 25 Jahren war sie Gast der Chef- und der Mantel- redaktion dieser Zeitung. Man trank Kaffee und Wasser, übte sich im Small Talk (schon damals nicht unbedingt Merkels Ding, aber auch die Redakteure waren etwas unsicher). Der Chefredakteur rauchte Zigarre, die Redakteure spitzten die Ohren. Man sprach zunächst etwas ungelenk über das Winterwetter. Und alle waren dankbar, als man endlich zur Sache kam. Das Thema: Familienpolitik. Merkel war damals, vor fast 25 Jahren, Ministerin für Frauen und Jugend – oder, wie Gerhard Schröder später einmal sagte: Für Familie und Gedöns.

Wir waren gut vorbereitet, haben im Vorfeld viel über die damals oft als ostdeutsche Pfarrerstochter verspottete CDU-Politikerin gelesen. Wir alle haben sie trotzdem total unterschätzt. Merkel musste viel Spott ertragen, besonders ihre Frisur war so kein bisschen modisch. Sie darauf zu reduzieren, war natürlich unfair. Sie hatte es drauf, schon damals. Sie schaute kaum in ihre Akten, haute uns aber Zahlen und Argumente nur so um die Ohren. Erstes Thema: Das Recht auf einen Kindergartenplatz. Darüber wurde 1993 heftig diskutiert. Merkel hatte eine klare Meinung: Das sei derzeit (noch) nicht finanzierbar. Vielleicht fehlte damals aber auch noch der Wille. Es sollte noch lange ein Thema bleiben: Erst seit dem 1. August 2013 gibt es in Deutschland einen Rechtsanspruch auf einen Kindergarten-/Krippenplatz für Kinder vom vollendeten ersten Lebensjahr bis zur Einschulung. Ob dabei ein Anspruch auf einen halbtägigen oder ganztägigen Kindergartenplatz besteht, richtet sich unter anderem nach der Berufstätigkeit der Eltern oder dem Förderbedarf des betreffenden Kindes. Es ist ein eher kompliziertes Verfahren. Aber es war immerhin Merkel, die 20 Jahre nach dem Gespräch als Kanzlerin diesen Schritt vollzog.

Der Aufbau Ost war damals, kurz nach der Einheit, das ganz große Thema – und für Merkel eine Herzensangelegenheit. Bonn war noch die Hauptstadt. Und der Name der Stadt war das Synonym für alles Mögliche, was nicht gut lief in Deutschland. »Die in Bonn«, hieß es oft. Merkel verteidigte die Politik ganz allgemein und die Regierung, der sie angehörte. Der Solidarpakt zum Beispiel sei »eine Aufgabe für alle etablierten Parteien, die Wirtschaft, die Gewerkschaften, Verbände und gesellschaftlichen Gruppen.« Viele seien nicht bereit, Opfer zu bringen, während andere keine unpopulären Entscheidungen treffen wollten. Das sei bei der CDU anders. »Dabei nehmen wir auch keine Rücksicht auf anstehend Wahltermine«, sagte sie mit Blick auf die bevorstehenden Kommunalwahlen in Hessen. Ob die Kanzlerin eine Prognose dafür abgegeben hat? Ich weiß es nicht mehr. Was ich noch weiß: Merkel hat uns verblüfft. Sie wirkte zunächst schüchtern, unsicher. Aber sie war letztlich sehr überzeugend, orientierte sich stets an der Sache. Dass sie aber zwölf Jahre später Kanzlerin werden würde, hat keiner von uns gedacht. »Ihr fehlt der Machtinstinkt«, sagte einer von uns. Wie man sich doch täuschen kann. Burkhard Bräuning

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