13. Dezember 2016, 12:00 Uhr

Ins Mark getroffen

Rund hundert Millionen Christen werden weltweit wegen ihres Glaubens verfolgt. Ägypten dagegen rühmte sich über Jahre seiner friedlichen Koexistenz zwischen Muslimen und Christen. Doch der schwere Anschlag auf die christlichen Kopten am Sonntag in Kairo hat diese Vision erneut erschüttert. Das hat politische Folgen, denn der mit harter Hand regierende ägyptische Staatschef al-Sisi hat sich immer als Schutzherr der koptischen Christen empfohlen. Zudem plant die Europäische Union einen Flüchtlings-Deal mit Ägypten, ähnlich dem mit der Türkei.
13. Dezember 2016, 12:00 Uhr
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Die rund neun Millionen Kopten in Ägypten sind die größte christliche Gemeinde im Nahen Osten. Der Anschlag auf ihr Gotteshaus nahe der bekannten Markuskathedrale trifft die Glaubensgemeinschaft ins Mark, denn sie ist der Amtssitz des koptischen Papstes. Zu dem Attentat, das mindestens 25 Menschenleben forderte, hat sich bisher noch keine Organisation bekannt. Aber dass es am Geburtstag des Propheten Mohammed stattfand, lässt Rückschlüsse auf dessen Urheber zu.
Wut und Zorn der Kairoer Kopten, die lautstark gegen Staatschef Abdel Fattah al-Sisi und dessen Innenminister demonstrieren, sind verständlich. Sie hatten auf die staatliche Sicherheitsgarantie vertraut, zumal ihre Gläubigen auf dem Lande außerhalb der Großstädte noch immer vielen Schikanen der muslimischen Mehrheit ausgesetzt sind.
Als sich al-Sisi mit den Militärs 2013 an die Macht putschte, den islamistischen Präsidenten Mursi aus dem Amt jagte und festsetzte, hatten sich die Kopten mit dem neuen Machthaber solidarisch erklärt. Vor allem hofften sie, von der Muslimbruderschaft in Ruhe gelassen zu werden. Im Gegenzug sicherte al-Sisi den ägyptischen Christen Schutz vor Verfolgung zu. Der jüngste blutige Anschlag – der ähnlich schwere 2011 in Alexandria riss 23 Menschen in den Tod – stellt diese Sicherheitsgarantie nun erneut infrage.
Staatspräsident al-Sisi regiert keineswegs wie ein »lupenreiner Demokrat«. Er ist gläubiger Muslim, orientiert sich aber an der säkularen Politik des früheren Machthabers Gamal Abdel Nasser. Der 62-Jährige beschwört stets die nationale Einheit Ägyptens. Im Vorjahr hatte der Ex-General demonstrativ die Christmette der Kopten in der Markuskathedrale besucht. So wundert es nicht, dass auch Scheich Ahmed al-Tajeb, die höchste Autorität der Muslime, das jüngste Attentat scharf verurteilte und – wie die Kopten – die nationale Einheit beschwor.
Der EU ist viel an der Sicherheit und Verlässlichkeit Ägyptens gelegen, da es ein wichtiges Transitland für die Migrantenströme in Richtung Europa ist. Sie schluckt alle ihre Bedenken über Menschenrechtsverletzungen am Nil herunter, schließlich will sie Ägypten zu einem Bollwerk gegen unerwünschte Zuwanderer ausbauen. Die Sorgen über die verschlechterte Wirtschaftslage der rund 92 Millionen Ägypter und über einen wiederaufflackernden Religionskonflikt strahlen bis nach Brüssel aus.


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