19. März 2017, 21:52 Uhr

Mr. 100 Prozent

19. März 2017, 21:52 Uhr
JU
»Größter Dienst« für die Partei: SPD-Chef Sigmar Gabriel übergibt das Zepter an seinen Nachfolger Martin Schulz. (Foto: dpa)

Minutenlang tost rhythmischer Applaus unter der genieteten Stahlträgerdecke der riesigen Backsteinhalle der Arena Berlin, die optisch keinen Hehl aus ihrer proletarischen Vergangenheit als Omnibus-Betriebshof macht. Die Stimmung erinnert an ein Rockkonzert, doch der frenetische Jubel gilt einem eigentlich unscheinbaren Mann mit Halbglatze, Vollbart und Brille. »Jetzt ist Schulz« steht es weiß auf rot auf unzähligen Transparenten.

Die SPD kürt beim Sonderparteitag ihren neuen Parteivorsitzenden mit 605 von 605 gültigen Delegiertenstimmen bei drei ungültigen Stimmen – ein historischer Wert in einer notorisch zerstrittenen Partei. Noch nie hat ein SPD-Chef in der Nachkriegszeit dieses Traumergebnis erzielt. »Ich glaube, dass dieses Ergebnis der Auftakt zur Eroberung des Kanzleramtes ist«, ruft der 61-Jährige in den Saal. Die 100 sei für ihn Verpflichtung, »eurem Vertrauen gerecht zu werden«.

Auch die Ernennung zum Kanzlerkandidaten per Akklamation fällt einstimmig aus. »Ich glaube, dass dies der Auftakt zur Eroberung des Kanzleramts ist«, sagt Martin Schulz. Dafür, das zeigt er vom ersten Moment am Rednerpult an, wird er kämpfen, ackern und leiden. Schulz reißt die rund 3500 Genossen in der Halle mit, betont die Herkunft aus der Arbeiterklasse, seine eigene und die der Partei.

Ein einfacher Mann aus Würselen in Nordrhein-Westfalen, das fünfte Kind »einfacher und sehr anständiger Leute«, das die Schule geschmissen hat und nach geplatzter Fußballerkarriere fast die Orientierung verlor – so präsentiert sich der Sozialdemokrat, der Angela Merkel von der CDU am 24. September an der Spitze der Regierung ablösen will.

Aussagen zu möglichen Koalitionspartnern vermeidet Schulz. Die SPD werde im anstehenden Wahlkampf für sich und »nicht gegen andere kämpfen«. Und sie werde dies ohne »Herabwürdigung des politischen Gegners« tun, die es in Deutschland nicht geben dürfe. Eine abschließende programmatische Rede wolle er nicht halten. Erst Ende Juni werde die SPD in Dortmund ihr Programm verabschieden.

Schulz versucht, Emotionen zu wecken und es gelingt ihm auch: »Gerechtigkeit, Respekt und Würde«, darum werde sich seine Politik drehen. Viele Male fallen diese Schlagworte. Um die »hart arbeitende Mitte« will er sich kümmern, »die 90 Prozent der Menschen, die sich jeden Tag abrackern und damit unser Land gut machen«. Viele Bürger seien beruflich enorm belastet, müssten sich gleichzeitig um ihre Kinder kümmern und oft noch die eigenen Eltern unterstützen. »Diese Menschen verdienen unsere Unterstützung«, sagt Schulz, er werde als Kanzler in Schulen, Universitäten, Kitas und Pflege investieren. Die SPD wolle für alle Menschen Chancen schaffen, unabhängig von ihrer Herkunft eine gute Bildung und Ausbildung zu bekommen.

Bildung müsse in Deutschland gebührenfrei sein und zwar von der Kita bis zum Studium – das gelte auch für Meister- und Berufsbildungskurse. Zu mehr Chancengerechtigkeit solle auch ein »Rechtsanspruch für Plätze an Ganztagsschulen, für alle, die es wollen« beitragen. Der Bund müsse Schulen bei der Sanierung der Gebäude und auch beim Thema Schulsozialarbeit unterstützen.

Schulz weiter: »Familiäre und soziale Probleme landen in den Schulen, dort müssen sie angegangen werden. Das kostet Geld, aber das sind die Investitionen, die wir brauchen.« Scharf kritisierte er die Unionsparteien, die über Steuersenkungen und die Abschaffung des Solidaritätszuschlags diskutiere, was zu gewaltigen Mindereinnahmen führe. CDU und CSU planten, den Rüstungsetat zu erhöhen und gleichzeitig die Sozialausgaben kürzen. »Sehr gut, dass es dazu nicht kommen wird«, ruft Schulz.

In der Arbeitsmarktpolitik fordert er das Recht, von einer Teilzeitstelle auf Vollzeit zurückzukehren. Seinen Vorschlag, das Arbeitslosengeld I unter bestimmten Voraussetzungen bei laufender Weiterbildung bis zu vier Jahre lang zu bezahlen, verteidigt er: »Qualifizierungsmaßnahmen sind kein Frühverrentungsprogramm, sondern angesichts von Facharbeitermangel der einzig richtige Weg.« Auch die Befristung von Arbeitsverträgen ohne sachlichen Grund müsse auf den Prüfstand.

In Sachen Außenpolitik hält der ehemalige Präsident des Europäischen Parlaments ein flammendes Plädoyer für die völkerverbindende Wirkung der Europäischen Union. Und geißelt den »brandgefährlichen Populismus von Trump und Erdogan« – riesiger Beifall im Saal.

Ins Schwimmen gerät Schulz während seiner rund 75 Minuten langen Rede nur ein einziges Mal. Gerade redet er darüber, dass Familien mit der SPD ihre Kinder gebührenfrei von der Kita bis zur Uni bringen können. Plötzlich wird es laut links hinter ihm. Schulz dreht sich irritiert um. Dort steht ein junger Mann mit einem zwei Monate alten Baby auf dem Arm. Der kleine Jasper im karierten Hemd drückt sich mit großen Augen an die Brust des Papas. Schulz schaltet blitzschnell. »Uiuiui. Um Gottes Willen. Mann, ich hatte schon gedacht, ich hab‹ was Falsches gesagt«, sagt der 61-Jährige: »Junge oder Mädchen?« Junge, ruft Kindsvater Sören. »Is’ egal, wird aufgenommen«, antwortet Schulz. Und die über 2500 SPD-Anhänger liegen ihm zu Füßen.

Fast ebenso viel Begeisterung wie Schulz erntet der Mann, der ihm den Weg geebnet hat. Der scheidende Parteivorsitzende Sigmar Gabriel, während seiner Amtszeit eher ungeliebt, hatte auf eine eigene Kanzlerkandidatur verzichtet. Mit Martin Schulz sei ein Aufbruch möglich, »weil er nicht wie ich für die Große Koalition steht«, sagt Gabriel. »Ich glaube, dass ich mit dieser Entscheidung der Partei den größten Dienst erwiesen habe«, sagt der Bundesaußenminister mit feuchten Augen. Im Wahlkampf wolle er eine aktive Rolle spielen. Gabriel: »Der Trend ist jetzt wieder ein Genosse.«

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