16. Juni 2019, 21:39 Uhr

Raus aus der Öko-Nische

Die Deutschen machen sich Sorgen um Bienen und das Klima. Das hilft den Grünen, die derzeit die Bundespolitik aufwirbeln. Aber wer Macht will, muss auf Dauer mehr bieten als ein Öko-Image.
16. Juni 2019, 21:39 Uhr
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Von DPA
Die Grünen befinden sich weiterhin im Umfragehoch. Plötzlich wird über einen grünen Kanzlerkandidaten diskutiert und über das Programm der Partei jenseits des Umweltschutzes. (Foto: dpa)

Grün ist derzeit angesagt in der Politik. Das färbt ab. Von der CSU bis zur Linken sprechen alle vom Klimaschutz, umweltpolitische Konzepte werden nachgeschärft. Die CDU schmückte im Netz gar ihre drei Buchstaben mit Gänseblümchen - immerhin nicht mit Sonnenblumen, dem Logo der Grünen. Und was macht die Ökopartei im Umfrage- und Stimmungshoch? Sie stellt ein Konzept gegen Kinderarmut vor. Das ist kein Zufall.

Beim Umwelt- und Klimaschutz trauen die Bürger den Grünen mit Abstand am meisten zu. Ihre Kernkompetenz tragen sie im Namen - und blieben ihr auch treu, als Bienen und Klimawandel gerade nicht der »heiße Scheiß« waren, wie Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt vor der Bundestagswahl sagte. Das hilft ihnen jetzt, nachdem der Hitze- und Dürresommer vielen Menschen klar gemacht hat, was die Erderhitzung auch für Deutschland bedeuten kann. Mehrere Meinungsforschungsinstitute führen die Grünen zurzeit als bundesweit stärkste Kraft noch vor der Union. Der bayerische Grünen-Fraktionschef Ludwig Hartmann fordert für den Fall weiter guter Umfragewerte bereits die Abkehr von einer Doppelspitze vor der Bundestagswahl und die Ernennung eines Kanzlerkandidaten. »Wenn es die Umfragen weiterhin hergeben, bin ich für eine klare Kanzlerkandidatur und gegen eine Doppelspitze bei der nächsten Bundestagswahl«, sagte er der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung«.

Öffentlich heiß gehandelt als möglicher Kanzlerkandidat wird Parteichef Robert Habeck. In einer Emnid-Umfrage für die »Bild am Sonntag« sagten 51 Prozent der Befragten, wenn sie den Kanzler direkt wählen und zwischen Habeck und CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer entscheiden könnten, würden sie für Habeck votieren.

Das volle Sortiment

Aber einer Partei, die unbedingt regieren will, reicht das Öko-Image nicht - jedenfalls, wenn sie Macht will und nicht nur als »Öko-App« einem Koalitionspartner zur Mehrheit verhelfen. Wenn der kommissarische SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel behauptet, den Grünen sei das Soziale »schnurzegal«, dann müssen die Grünen verhindern, dass potenzielle Wähler ihm das abnehmen.

Auch deswegen haben Parteichefin Annalena Baerbock und Göring-Eckardt gerade gemeinsam Pläne für eine Kindergrundsicherung vorgestellt und auf den Euro genau vorgerechnet, welche Familie damit wie viel mehr - oder weniger - auf dem Konto hätte.

»Wir haben programmatisch das volle Sortiment«, sagt Michael Kellner, der Bundesgeschäftsführer der Grünen. Und das sei auch nicht neu. »Was neu ist: Uns wird jetzt anders zugehört.« Das Führungsduo Baerbock und Habeck schaffe es, »auf eine neue Weise mit sozialen Themen glaubwürdig durchzudringen«. Das muss vor allem der SPD Sorgen machen. Lob für das grüne Konzept gegen Kinderarmut kam unter anderem von der Arbeiterwohlfahrt AWO, die immerhin mal von den Sozialdemokraten gegründet wurde.

Weitere Aufschläge dieser Art werden folgen. Die Grünen sind dabei, Forderungen und Konzepte mit Zahlen zu unterfüttern. Sie wollen auch darüber reden, wie ihre Pläne finanziert werden können. Es ist eine Einladung an skeptische Wähler, die nicht zur Kernklientel gehören, denen Öko nicht reicht für die Wahlentscheidung.

Passend dazu traf sich Habeck gerade mit Kardinal Reinhard Marx, der scherzte, da werde Schwarz-Grün ja deutlich sichtbar - bezogen auf die Kleidung der hochrangigen Katholiken, die den Grünen empfingen. Unterdessen war Ex-Parteichef Cem Özdemir für eine Woche bei der Bundeswehr zu Gast und posierte mit Fraktionskollege Tobias Lindner in Munster in grünem Flecktarn als Oberleutnant. Eine Baustelle für die Grünen bleibt auch die Innenpolitik. Sie regieren in neun Ländern in sieben verschiedenen Koalitionen, den Innenminister stellen sie nirgends. Wie der »Spiegel« berichtet, will die Bundestagsfraktion den »Grünen Polizeikongress« wiederbeleben.



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