08. September 2019, 22:46 Uhr

Eklat in Altenstadt

Stefan Jagsch und der »große Fehler« im Ortsbeirat

Der Ortsbeirat von Altenstadt-Waldsiedlung hat den NPD-Mann Stefan Jagsch zum Ortsvorsteher gewählt. Nachgefragt bei zwei Männern, die ihm ihre Stimme gegeben haben.
08. September 2019, 22:46 Uhr
Alle sieben anwesenden Ortsbeiratsmitglieder von Altenstadt-Waldsiedlung, darunter Vertreter von CDU, SPD und FDP, wählten am Donnerstagabend den stellvertretenden NPD-Landesvorsitzenden Stefan Jagsch zum Ortsvorsteher. Er ist am Sonntag ein vielgefragter Mann. (Foto: dpa)

Das mediale Echo und die bundesweite Empörung nach der einstimmigen Wahl des NPD-Politikers Stefan Jagsch zum Ortsvorsteher des 2500-Seelen-Dorfes Waldsiedlung sind enorm. Doch wie bewerten die Protagonisten vor Ort diesen beispiellosen Vorgang, was sagen Ortsbeiratsmitglieder, die Jagsch am Donnerstagabend ihre Stimme gegeben haben? Diese Zeitung hat zwei von ihnen erreicht: Ali Riza Agdas, der für die SPD im Ortsbeirat sitzt, und Bernd Brandt, parteilos, aber für die FDP im Gremium.

»Da haben wir einen großen Fehler gemacht«, sagt Agdas. Er habe erst gedacht, CDU-Mann Sascha Markel würde als Nachfolger des zurückgetretenen Klaus Dietrich (FDP) bereitstehen. Das sei aber nicht der Fall gewesen. Warum er für Jagsch gestimmt habe, wisse er auch nicht so richtig, sagte Agdas. »Das ärgert mich sehr.« Um die Personalie Jagsch habe es keine Diskussion gegeben, sagt Agdas. Hinterher sei ihm der Fehler bewusst geworden. Am Samstag und am Sonntag habe er schon mehr als 100 Anrufe bekommen - allesamt voller Vorwürfe. Er werde am heutigen Montag mit seiner Partei reden. »Dann trete ich zurück, weil ich einen Fehler gemacht habe.« Mit Stefan Jagsch als Person habe er bisher kein Problem gehabt. »Ich komme mit ihm klar.«

Probleme, »Achtungszeichen« und Reue

Auch Bernd Brandt will sein Mandat im Ortsbeirat Waldsiedlung niederlegen. Brandt ist parteilos, bezeichnet sich als Liberalen. Dennoch hat er den NPD-Politiker Jagsch gewählt. Brandt versteht dies als Protest, spricht von der »Sinnlosigkeit dieses Ortsbeirates«, davon, dass das Dorf Waldsiedlung kaum Gehör bei der Gemeinde finde: »Wenn wir Probleme haben, wird das oftmals einfach nicht beachtet.« Mit der Wahl Jagschs sei ein »Achtungszeichen« gesetzt worden. »Ich freue mich, dass jetzt viele auf Altenstadt gucken, und vielleicht ändert sich in der Altenstädter Politik etwas«, sagt Brandt. Er spricht von Lastwagen, die durch das Wohngebiet donnerten, von Straßen, die verkämen, über einen riesigen Hund, der die Nachbarn belästige. »Es sind viele viele Sachen, auf die einfach nicht reagiert worden ist.«

Dennoch wertet er seine Stimme für den NPD-Mann mittlerweile als Fehler. »Ich bin da eigentlich ein bisschen bedenkenlos reingestürzt«, sagt Brandt. Er werde bei der Abwahl Jagschs mitmachen - und danach sein Mandat niederlegen.

Doch wie kam es eigentlich zur Wahl Jagschs? Alle seien gefragt worden, ob sie den Posten des Ortsvorstehers übernehmen wollten - auch Jagsch, sagt Brandt. »Er war der einzige, der übrig geblieben ist.« Brandt sagt, er habe den Rücktritt des bisherigen Ortsvorstehers Dietrich sehr bedauert, sei dieser doch sehr engagiert gewesen. Ein großer Teil des 45 Minuten dauernden Prozederes sei auf den Dank an Dietrich entfallen.

Kritik einer anderen Beirätin

Und wie sieht Bernd Brandt Stefan Jagsch, den er, nachdem er ihn gewählt hat, nun gerne abwählen will: »Er ist bekannt als sehr konstruktiver, sehr ruhiger Mann. Er hat mit gearbeitet wie jeder andere.« Mit Stefan Jagsch als Ortsvorsteher könne eigentlich auch nichts passieren, sagt Brandt, sei es doch für ihn nicht möglich, ohne den Ortsbeirat etwas zu entscheiden. Dennoch bereut Brandt seine Protestwahl: »Nochmal würde ich es nicht so machen.«

Tatjana Cyrulnikov sitzt für die CDU im Ortsbeirat. Bei der Wahl sei sie nicht vor Ort gewesen, schreibt sie in einer Pressemitteilung der Jungen Union Hessen. Vom Ergebnis der Wahl zeigt sie sich empört: »Ich kann nicht glauben, dass diese Wahl wirklich vollzogen wurde. Ich selbst war an dem Abend der Wahl verhindert, distanziere mich aber klar und deutlich von dieser Wahl. Der Waldsiedlung und dem Ortsbeirat wurde hier sehr geschadet.«

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