31. Oktober 2019, 22:27 Uhr

Motiv bleibt unklar

31. Oktober 2019, 22:27 Uhr

Bad Reichenhall (dpa). Idyllisch vor der Bergkulisse zeigen Bilder das Wohnhaus der Familie. Die Eltern sind auf den Friedhof gegangen. Es ist Allerheiligen, der Tag der Toten, als der 16-jährige Martin P. mit Waffen seines Vaters im oberbayerischen Kurort Bad Reichenhall ein Massaker anrichtet. Am 1. November 1999 erschießt er seine 18 Jahre alte Schwester und feuert aus der elterlichen Wohnung wahllos auf Passanten. Ein Fußgänger (54) und ein Nachbarehepaar (59/60) sterben. Am Ende erschießt er sich selbst.

Die Bilanz: fünf Tote und fünf Schwerverletzte, unter ihnen der Schauspieler Günter Lamprecht und seine Lebensgefährtin, die zufällig vor dem Haus unterwegs sind. Auch 20 Jahre später ist unklar, was den 16-Jährigen trieb, den Waffenschrank des Vaters aufzubrechen und zu töten.

Es war einer der ersten Amokläufe in Deutschland. »Es war das erste Mal, dass das Phänomen bei uns auftrat«, sagt der heutige Münchner Polizeipräsident Hubertus Andrä, der damals den Einsatz vor Ort leitete. Schon damals habe man aus dem Fall Schlüsse gezogen und Einsatzkonzepte verändert. »Heute gehen wir absolut offensiv in die Situation hinein. Es wird nicht gewartet, bis Spezialkräfte da sind.«

Dramatische Szenen spielten sich damals vor dem Wohnhaus ab. Stundenlang konnten die Verletzten und Toten nicht von der Straße geborgen werden, weil Martin P. weiter um sich schoss.

Bei vielen ist die Tat von Bad Reichenhall weniger in Erinnerung geblieben als spätere Amokläufe, etwa der in Erfurt 2002 mit 17 Toten und in Winnenden 2009 mit 16 Toten. Vor Erfurt, so sagt der Kriminologe und ehemalige Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden, Rudolf Egg, sei man eher von allein in der Persönlichkeit des Täters begründeten Einzeltaten ausgegangen.

Nach Erfurt kam laut Egg verstärkt die Frage nach gesellschaftlichen Hintergründen auf. Der Vorfall dort trug mit dazu bei, sich intensiver mit dem Amok-Phänomen zu befassen. Änderungen im Waffenrecht wurden bereits nach Bad Reichenhall verlangt; der damalige Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) kündigte strengere Vorschriften zur Aufbewahrung an.

Zudem wurden Notfallpläne entwickelt, Krisenteams stehen bereit. Es gebe mehr Aufmerksamkeit für auffällige Schüler, sagt Egg. Martin P. wurde als unauffälliger Einzelgänger beschrieben. Den Ermittlungen zufolge hatte er sich für die Neonazi-Szene zu interessieren begonnen. Politische Motive schieden nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft jedoch aus. Beweggründe, Auslöser? Unklar.

Die Ermittler kamen damals lediglich zu dem Schluss: »Das Motiv liegt in der Persönlichkeit des Täters.« Ein Mahnmal zur Erinnerung an die Opfer gibt es in Bad Reichenhall nicht. Die Stadt plant zum Jahrestag kein Gedenken.

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