21. Januar 2020, 23:11 Uhr

Millionen haben Nebenjob

21. Januar 2020, 23:11 Uhr

Berlin - Schwindende Tarifverträge, finanzielle Schwierigkeiten und besondere Konsumwünsche: Die Zahl der Menschen mit Nebenjob in Deutschland ist auf einen neuen Rekord gestiegen. Ende Juni 2019 waren rund 3,54 Millionen Mehrfachbeschäftigte registriert, wie aus einer Antwort der Bundesagentur für Arbeit (BA) auf eine Anfrage im Bundestag hervorgeht. Mit fast drei Millionen Menschen haben die meisten davon neben einem regulären Job noch einen Minijob.

Im Juni 2018 hatten noch rund 124 000 Menschen weniger einen Nebenjob. Der Anstieg beträgt 3,6 Prozent. Zehn Jahre zuvor waren es erst 2,33 Millionen Mehrfachbeschäftigte. Ihr Anteil an den Beschäftigten insgesamt stieg von damals 7,1 auf 9,2 Prozent. 2003 gingen erst 1,39 Millionen Menschen mehreren Jobs nach. Damals waren geringfügige Beschäftigungen im Zuge der Hartz-Reformen von Sozialversicherungspflicht und Einkommensteuer freigestellt worden.

Mehr als 345 400 Menschen gingen im vergangenen Jahr zwei sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen nach. Dritthäufigste Variante war die Kombination von zwei oder mehr Minijobs. Dies galt für knapp 260 700 Fälle. »Der überwiegende Teil dürfte aus purer finanzieller Not mehr als einen Job haben und nicht freiwillig«, kritisierte Linke-Abgeordnete Sabine Zimmermann, die die Anfrage gestellt hatte. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) mahnte, nicht jede Form von Nebenbeschäftigung zu skandalisieren. »Aber es gibt Bereiche, da muss uns das mit Sorge umtreiben«, sagte Heil. »Tatsache ist: Wir haben in Deutschland einen festen Sockel von Niedriglöhnen, und darüber müssen wir reden.« Insgesamt arbeiteten laut Bundesagentur für Arbeit zuletzt 4,14 Millionen Menschen im unteren Lohnbereich, landeten demnach unter zwei Drittel des mittleren Einkommens, also bei weniger als 2203 Euro.

Nach einer 2019 veröffentlichten Studie des Instituts WSI der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung sind für 53 Prozent der Befragten finanzielle Schwierigkeiten ausschlaggebend gewesen, eine Nebentätigkeit aufzunehmen. 24 Prozent konnten keine Vollzeitstelle finden. Für 51 Prozent war die Erfüllung von besonderen Konsumwünschen entscheidend. Für 58 Prozent ist die Zusammenarbeit und Kommunikation mit anderen Menschen entscheidend gewesen. Mehrfachnennungen waren möglich.

Auch eine Studie, die das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 2017 vorgelegt hatte, deutet darauf hin, dass viele Nebenjobber auf das Geld angewiesen sind. Demnach bekommen Nebenjobber in ihrer Hauptbeschäftigung im Schnitt etwa 570 Euro im Monat weniger als Menschen mit nur einem Job. dpa

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