23. August 2020, 21:45 Uhr

Nawalny in Berlin

23. August 2020, 21:45 Uhr

Omsk/Moskau/Berlin - Der prominente Kremlkritiker Alexej Nawalny soll nach einem Bericht vor seiner möglichen Vergiftung von den Behörden genau beobachtet worden sein. »Das Ausmaß der Überwachung überrascht mich überhaupt nicht, wir waren uns dessen bereits bewusst«, schrieb seine Sprecherin Kira Jarmysch am Sonntag auf Twitter. »Aber es ist erstaunlich, dass sie nicht gezögert haben, allen davon zu erzählen.«

Hintergrund ist ein Artikel der Moskauer Boulevardzeitung »Moskowski Komsomolez«. Darin werden detailgenau alle Bewegungen des Oppositionellen bei seiner Reise durch Sibirien beschrieben. Nawalny liegt seit Donnerstag im Koma und wird künstlich beatmet. Seit Samstag wird er in der Berliner Charité behandelt. Sein Team geht davon aus, dass er während der Reise durch Sibirien Opfer eines Giftangriffs wurde.

Nawalny ist einer der schärfsten Kritiker von Kremlchef Wladimir Putin. In dem Artikel über die Überwachung beruft sich die Zeitung »Moskowski Komsomolez« auf nicht näher genannte Sicherheitskreise. Darin wird beschrieben, wo sich Nawalny zu jedem Zeitpunkt aufhielt, mit wem er sprach und wo er übernachtete. Das Team soll mehrere Hotelzimmer angemietet haben, Nawalny sei aber in eine »konspirative« Wohnung gebracht worden. Jemand aus seinem Team soll Sushi bestellt haben. Dabei sollen die Behörden ihn die ganze Zeit beschattet haben, heißt es in dem Beitrag weiter.

Wenn es überhaupt eine Vergiftung gegeben haben soll, könne das wahrscheinlich nur am Flughafen oder im Flugzeug passiert sein, hieß es als Schlussfolgerung. »Alle Bewegungen und Kontakte in der Stadt wurden akribisch untersucht.« Nawalny selbst betonte damals mehrmals, dass die Behörden sein Team in der Arbeit behinderten. Immer wieder gab es Razzien in seinen Büros. Der 44-Jährige wurde auch oft festgenommen und zu Haftstrafen verurteilt.

Am Samstag war Nawalny mit einem Spezialflug nach Berlin gekommen. Der Flug war eine private Aktion der Initiative Cinema for Peace um den Filmproduzenten Jaka Bizilj. Für die Kosten kam der russische Unternehmer und Mäzen Boris Simin auf, wie Nawalnys Vertrauter Wolkow auf Facebook schrieb. Er bedankte sich bei der Bundesregierung und bei Kanzlerin Angela Merkel, die eine Behandlung in einem deutschen Krankenhaus angeboten hatte. dpa

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