21. Februar 2020, 23:09 Uhr

Trauerarbeit in Hanau

21. Februar 2020, 23:09 Uhr
Am Fuße des Brüder-Grimm-Denkmals auf dem Marktplatz in Hanau legten am Freitag immer wieder Menschen Blumen ab und entzündeten Kerzen. Ihre Botschaft: »Kein Platz für Rassismus.« FOTO: DPA

Hanau/Berlin - Am zweiten Tag nach dem Attentat eines Rechtsradikalen in Hanau hat die Stadt den Angehörigen der Todesopfer und Verletzten weitere Hilfe zugesagt. Die Kommune habe zwei Opferbeauftragte ernannt, die Betroffenen beistehen sollen, sagte Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) am Freitag. Auch der Opferbeauftragte der Bundesregierung, Edgar Franke (SPD), hat den Angehörigen der Opfer schnelle finanzielle Hilfe zugesichert. Aus dem Fonds für Härteleistungen könnten innerhalb von zwei Wochen Soforthilfen ausgezahlt werden, sagte Franke.

Hunderte Menschen gedachten in Hanau erneut der Opfer des Anschlags. Etwa 200 Teilnehmer versammelten sich nach Veranstalterangaben auf dem Marktplatz vor dem Rathaus, fassten sich an den Händen und bildeten eine kreisrunde Menschenkette. Initiator der Aktion war der Hamburger Filmemacher Grigorij Richters (32). Er wollte nach dem Anschlag zusammen mit den Hanauern ein klares Zeichen gegen Hass, Kriminalität und Terror setzen, wie er sagte. Heute soll es eine Großdemonstration gegen rechten Terror und Rassismus geben. Bei der Kundgebung in der Innenstadt sollen Angehörige der Opfer sprechen.

In der Nacht zum Donnerstag hatte ein 43 Jahre alter Deutscher in Hanau neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschossen. Außerdem soll der Sportschütze seine 72 Jahre alte Mutter getötet haben, bevor er sich selbst erschoss.

Unterdessen teilte das hessische Landeskriminalamt (LKA) die Nationalitäten der Opfer des rassistischen Anschlags von Hanau mit. Drei der Toten haben eine deutsche Staatsangehörigkeit, zwei eine türkische, eine bulgarische und eine rumänische. Ein Mensch kommt aus Bosnien-Herzegowina, und ein Opfer hat eine deutsche und afghanische Staatsangehörigkeit.

Nach dem Anschlag in Hanau hat Bundesinnenminister Horst Seehofer eine stärkere Polizeipräsenz in ganz Deutschland angekündigt. Gesetze sollen aber nicht verschärft werden. Moscheen und andere »sensible Einrichtungen« werden verstärkt überwacht, wie der CSU-Politiker am Freitag in Berlin sagte. Die Bundespolizei werde an Bahnhöfen, Flughäfen und an den Grenzen präsent sein.

Ermittler gaben weitere Details zum mutmaßlichen Täter Tobias R. bekannt. Der Präsident des Bundeskriminalamts, Holger Münch, sprach auf Grundlage erster Einschätzungen von einer offensichtlich »schweren psychotischen Krankheit« des Todesschützen. Seehofer betonte jedoch, »der rassistische Hintergrund dieser Tat ist aus meiner Sicht vollkommen unbestritten und kann durch nichts relativiert werden«. AfD-Fraktionschef Alexander Gauland hatte zuvor Vorwürfe einer Mitverantwortung seiner Partei zurückgewiesen und von einem »offensichtlich völlig geistig verwirrten Täter« gesprochen.

Seehofer nannte die Gefährdungslage durch Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus »in Deutschland sehr hoch«. Nach dem Mordfall Lübcke und dem Anschlag von Halle sei dies der »dritte rechtsterroristische Anschlag in wenigen Monaten«. In den vergangenen Tagen seien zudem weitere Anschläge verhindert worden.

Diskutiert wird auch weiter über politische Konsequenzen. Justizministerin Christine Lambrecht kündigte an, zu prüfen, ob die gerade erst verschärften Regelungen im Waffenrecht auch konsequent umgesetzt werden. Demnach müssen die Behörden immer beim Verfassungsschutz nachfragen, bevor sie Waffenerlaubnisse vergeben.

Der Generalsekretär der SPD, Lars Klingbeil, und Grünen-Bundesgeschäftsführer Michael Kellner forderten, die AfD vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen. »Der von der AfD gesäte Hass ist der ideologische Wegbereiter des rechten Terrors«, sagte Kellner dem Nachrichtenportal »t-online.de«. dpa/AFP » Seiten 4-6

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