Politik

Kommentar: Alles ganz anders

Der stellvertretende Chefredakteur Burkhard Bräuning kommentiert den Ausgang der Bundestagswahl. Er sagt: "Ab jetzt ist alles ganz anders."
25. September 2017, 15:00 Uhr
Burkhard Bräuning
Die Zeit der großen Koalition ist abgelaufen. (Foto: dpa)
Die Zeit der großen Koalition ist abgelaufen. (Foto: dpa)

Burkhard Bräuning zur Bundestagswahl

Alles ganz anders

Früher war alles – anders. Da gab es in der Bundesrepublik drei Fraktionen im Bundestag: Die Volksparteien Union und SPD, dazu die kleine FDP. Meist gewann die Union. 1983 kamen die Grünen dazu, nach der Wiedervereinigung dann auch noch die Linke. Und jetzt die AfD. Sieben Parteien im Parlament – ab jetzt ist alles ganz anders.
Was sich schon lange anbahnte, ist nun Wirklichkeit geworden: Den Volksparteien ist ein großer Teil des Volkes abhanden gekommen. Im Osten hat die AfD die SPD sogar überflügelt. Der Hundertprozent-Mann Martin Schulz wurde bundesweit auf 20 Prozent zurechtgestutzt. Viel tiefer kann man nicht fallen. Die Parteiführung hat das Desaster wohl befürchtet, denn ohne auch nur mal eine Nacht darüber zu schlafen, verabschiedete sich die SPD aus allen Koalitionsszenarien. Schulz will seine Partei in eine neue Zeit führen. Wie die aussehen soll? Alles deutet auf einen harten Anti-Merkel-Kurs. Schulz fing gestern Abend schon mal an: Der Mann aus Würselen schaltete in den Oppositionsmodus, attackierte die Kanzlerin so, als hätte es nicht acht Jahre lang eine große Koalition gegeben.
Die Kanzlerin hat zwar ganz andere Sorgen als den nun nachtretenden Schulz, aber klein sind die auch nicht. Ein miserables Abschneiden der CDU, ein politisches Beben bei der CSU in Bayern, das bedeutet unterm Strich das schlechteste Ergebnis seit 1949. Das permanente Merkel-Bashing hatte also Folgen, und die, die am meisten auf die Kanzlerin einschlugen, haben Grund zum Jubeln: Die AfD ist drin im Parlament – und sie ist die dritte Kraft im Land. Da ist es kein Trost, dass viele Stimmen aus dem Lager der Protestwähler kamen. Fakt ist: Nun ziehen auch Nazis ein ins deutsche Parlament, und das ist ein bitterer Tag für unser Land.
Die FDP ist zurück – und wie. Christian Lindners One-Man-Show, hat gereicht, um zehn Prozent der Wähler von der neuen FDP zu überzeugen. Ob die Partei sich wirklich programmatisch erneuert, ob sie aus alten Fehlern gelernt hat, muss sie jetzt beweisen. Wenn es so kommt, wie es nach dem Ergebnis eigentlich kommen muss, dann sitzen die Liberalen gleich auch wieder mit in der Regierung. Lindner wird jedenfalls einer sein, der der AfD die Grenzen aufzeigt. Allein schon deswegen ist das Comeback ein Gewinn für das Parlament.
Die Grünen hatten lange Großes im Sinn, dann sah es nach einem tiefen Sturz aus. Am Ende aber konnten Joschka Fischers Erben durchatmen: Sie sind drin und dürfen wie die Liberalen sogar auf Ministerposten hoffen. Die bleiben der Linken weiter versagt. Aber die Partei ist ja gerne in der Opposition. Was gut ist, denn da kann sie nicht viel Schaden anrichten.
Und was kommt jetzt? Vermutlich wird man sich an den Namen Jamaika und die gewagte Farbkombination Schwarz-Gelb-Grün gewöhnen müssen. Ob das gut geht?

 
Kommentar von der Chefin der Politikredaktion Annette Spiller zur alternativlosen Koalitionsfrage

Stimmen zum Wahlausgang



 

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/ueberregional/politik/Politik-Kommentar-Alles-ganz-anders;art1458,320201

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