11. August 2017, 16:04 Uhr

Sarkastisches Gesellschaftsporträt Wenn man Freiheit nie erlebt Empfindet endlich! Nichts für schwache Nerven

11. August 2017, 16:04 Uhr
Yasmina Reza regt die Leser mit ihrer unterhaltsamen Erzählstruktur zum Nachdenken an. (Foto: dpa)

In Frankreich ist sie schon lange ein Literatur-Star, eine Klasse für sich. Yasmina Reza umgibt ein Glamour, der im Literaturbetrieb hierzulande völlig undenkbar wäre. Die 1959 in Paris geborene Tochter einer Ungarin und eines Iraners gilt mit Stücken wie »Kunst« oder »Der Gott des Gemetzels« als meistgespielteste Dramatikerin der Gegenwart.

Daneben spielt sie in Filmen mit, schreibt Romane und Prosatexte oder beleuchtet den inneren Zirkel der Macht wie in ihrer vie ldiskutierten Reportage »Frühmorgens, abends oder nachts« (2008) über den damaligen Präsidentschaftskandidaten Nicolas Sarkozy.

In ihrem neuen Roman führt uns Yasmina Reza erneut in die Welt des gebildeten Bürgertums, wo hinter den distinguierten Fassaden die schönsten Abgründe lauern. Die Protagonistin Elisabeth ist über sechzig, von Beruf Patent-Ingenieurin, verheiratet mit dem Mathe-Lehrer Pierre. Das Paar hat einen erwachsenen Sohn. Wo ist bloß ihr Leben geblieben, fragt sich Elisabeth. »Sechzig war das Alter von Eltern.« Wehmütig schweift sie immer wieder ab in die Vergangenheit, denkt an ihre Jugendliebe Joseph, ein toller Typ, der nur leider schon über dreißig Jahre tot ist.

Eskalation im Alltag

Um etwas Schwung in ihre gediegen-langweilige Existenz zu bringen, plant Elisabeth ein Frühlingsfest, zu dem sie neben Familie, Freunden und Kollegen auch das Nachbarehepaar, die flippige Therapeutin Lydie und den melancholischen Jean-Lino, einlädt. Die beiden entpuppen sich als Außenseiter in der akademisch geprägten Abendgesellschaft. Lydie hat einen Hang zur Esoterik und singt in Jazzclubs, während Jean-Lino, Sohn italienischer Einwanderer, die Niederlagen in seinem Leben kaum noch zählen kann. Aber exakt für diesen unauffälligen Katzenliebhaber hegt Elisabeth uneingestandene Sympathien. Beim Abendessen kommt es zu einem furchtbaren Streit zwischen Lydie und Jean-Lino. Es geht um Biohühnchen. Ein paar Stunden später steht Jean-Lino mitten in der Nacht wieder vor der Tür und gesteht, dass er Lydie gerade erwürgt hat.

Vielschichtig angelegt

Eskalierende Alltagssituationen im bürgerlichen, angeblich so toleranten Milieu sind seit Langem Rezas Domäne. Auch wenn uns diese Neurosenkriege schon bekannt vorkommen, ist es doch wieder erstaunlich, wie treffsicher und stimmig die Autorin die verletzten Befindlichkeiten ihrer Figuren auf den Punkt bringt. Da sitzt jeder Satz, die Bonmots funkeln, die Dialoge sind in ihrer Lakonie kaum zu überbieten. Yasmina Reza hat eine perfekte Erzählmaschine konstruiert, aber man sollte sich von dieser Virtuosität nicht blenden lassen.

Unter dem schönen Glanz dieser gut lesbaren Prosa gibt es Verwerfungen zu entdecken. Die hypersensible Elisabeth dient dafür als Seismograf. Sie fragt sich ganz nebenbei, zwischen fettarmen Chips und Rohkost-Snacks, warum eigentlich keiner ihrer Freunde mehr linke Positionen vertritt. Stattdessen reden sie neuerdings über Gott, und dies im ehedem stolzen laizistischen Frankreich. Elisabeth macht »die seelische Erschöpfung der Franzosen« zu schaffen. Alle haben nur noch Angst davor, ihren hart erkämpften Wohlstand einzubüßen.

Die sensibleren Figuren in diesem Erzählkosmos wissen, dass Menschen eigentlich heimatlos sind, seltsam unbehaust. Bilden wir uns das Glück nur ein? »Vielleicht erfindet man ja seine Freude. Vielleicht ist nichts real, weder Freude noch Schmerz.«

Kaltblütige Protagonisten

Die zweite Hälfte des Romans spielt fast durchgehend im Treppenhaus, im schnöden Transitraum, den man sonst nur eilig durchschreitet. Da sitzt Elisabeth dann mit dem verdatterten Jean-Lino um drei Uhr nachts vor dem Aufzug. Vor ihnen steht ein großer altmodischer Stoffkoffer, in den die beiden die leider zu Tode gekommene Lydie hineinbugsiert haben.

Ein Trauerspiel mit komischem Anstrich. Lange bekommen die beiden den Koffer nicht zu. Aber Elisabeth ist voll bei der Sache: »Ich war ganz schön stolz, wie kaltblütig ich war.« Für sie kommt das nachbarliche Ehedrama gerade recht, endlich einmal ein richtiges Abenteuer, das sie für einige Stunden aus ihrem öden Alltag reißt. Den Rest regelt dann die Polizei.

Johannes von der Gathen

Yasmina Reza: »Babylon«. Carl Hanser Verlag, 224 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-446-2565-14

Im kommunistischen Albanien waren knapp 60 000 Menschen interniert. Der Übersetzer und Albanien-Kenner Joachim Röhm steuert die Fakten im Nachwort zu Ismail Kadares Roman »Die Verbannte« bei. In Sippenhaft waren ganze Familien gezwungen, fernab der Städte zu leben. Sie durften den zugewiesenen Ort nicht verlassen, waren geächtet und hatten keine Rechte. Was das mit den Kindern dieser Familien machte, die Freiheit nie erlebt haben, davon erzählt der Kadares Roman.

Hauptfigur ist ein alternder Schriftsteller, dem Regime gegenüber kritisch eingestellt, aber linientreu, um publizieren zu dürfen. Nach der Uraufführung eines seiner Stücke bittet ihn eine junge Frau um eine Widmung für eine Freundin: Linda B. Dass die junge Frau einer verbannten Familie angehört, weiß er nicht, sie ist nur ein Name. Die Botin, Migena, aber ist aus Fleisch und Blut. Der Autor beginnt eine Affäre mit ihr, bis sie plötzlich verschwindet.

Licht in das Rätsel bringen Polizei und Geheimdienst. Durch Ermittler und Spitzel erfährt er, dass Linda B. sich das Leben nahm – streng verboten im kommunistischen Albanien. Was sie dazu bewog, ist die eigentliche Geschichte in diesem Buch. dpa

Ismail Kadares: »Die Verbannte«. S. Fischer Verlag. 208 Seiten. 20 Euro. ISBN 978-3-100-3841-64

Wie sieht der Ausbruch aus geordneten Bahnen aus? Simon Strauß lässt in seinem Debüt »Sieben Nächte« den wohlbehüteten Protagonisten nicht weniger als sein schlagendes Herz suchen. »Der einzige Kampf, der jetzt noch lohnt, ist der ums Gefühl«, heißt es gleich zu Beginn dieses empfindsamen Manifestes. Ein junger Mann – »immer schon satt gefüttert, mit allen Chancen versehen« – geht auf die Suche nach Erfahrungen außerhalb seines Sicherheitsbereichs.

Bisher lebt der namenlose Ich-Erzähler in seiner Blase. Nivea-Creme, Altbau, Stuckdecke, Karriereplan. Es sind die Schlagworte der Generation Y, der nach 1980 Geborenen, die mit Goldlöffel im Mund Kindheit, Schule, Universität hinter sich gebracht haben. »Sehr bald werde ich mich festlegen müssen. Auf ein Leben, eine Arbeit, eine Frau.« Davor soll es noch etwas geben. Und da greift Strauß auf das in der Kunstgeschichte beliebte Thema der sieben Todsünden zurück.

Hochmut, Völlerei, Trägheit, Habgier, Neid, Wollust, Zorn. Ein Bungeesprung vom Hochhaus, Fleisch essen im Gourmetrestaurant, die eigene Wohnung, Pferdewetten an der Trabrennbahn, Begierde nach der Vergangenheit, ein Maskenball, das Ende einer Bekanntschaft – die sieben Episoden sind weder ausschweifend noch wüst, nicht anrüchig oder obszön. Und das gerade ist die Stärke des Romans: Sie sind wunderbar beobachtete und erzählte Szenen, die – anders als der pathetische Buchtitel behauptet – nicht alle des Nächtens handeln.

»Noch habe ich keinen Ruf zu verlieren«, schreibt der Protagonist einmal. Und das gilt wohl auch für den 1988 geborenen Autor selbst. Er ist der Sohn des Büchner-Preisträgers Botho Strauß, einer der wichtigsten Schriftsteller Deutschlands. »Wir ewigen Zweiten«, heißt es beim jungen Strauß einmal. »Die wir nachts heimlich die eigenen Namen in die Bücher unserer Väter schreiben, in der Hoffnung, das Erbe gäbe uns Kraft.«

In seinem Prosa-Debüt widmet er sich ungefiltert den Empfindungen und findet überaus zarte Bilder dafür. »In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleine«, schreibt er, »nicht nur, weil dann die zweite Bettdecke kalt bleibt, sondern auch weil so die bösen Geister nicht mehr losen müssen, wem sie zuerst ans Herz greifen.«

Einen Vorwurf muss man »Sieben Nächte« allerdings machen: Es ist ein Klientel-Roman. Zwar sucht der Erzähler stets die Distanz von seinem intellektuellen Erbe, greift aber zugleich immer wieder darauf zurück. So sind die Kapitel mit lateinischen Begriffen überschrieben. Er zitiert mal den Römer Statius, mal Georges Braque oder Gottfried Benn. Er echauffiert sich über nächtliche Rollkoffer, Restaurants, die keine EC-Karten akzeptieren, oder den Pink-Grapefruit-Saft in der Bio Company. Manche Probleme bleiben eben manchmal nur einer Gesellschaftsschicht vorbehalten. Viele dürften sich daher nicht mit dem Protagonisten identifizieren können. Und so fällt es schwer, das Buch als Pamphlet für mehr Sinnlichkeit zu lesen, so wie es teilweise angelegt ist. Es zeigt vielmehr etwas anderes: So sehr man sich auch voller Hoffnung an die sieben vermeintlich schlimmsten Frevel klammert, die eigene Herkunft ist einfach nicht abzuwerfen.

So klagt der Erzähler etwa gleich am Anfang: »Zu viel Gelände ist verloren gegangen an den Zynismus.« Auf der Trabrennbahn freut er sich später über die verlorene Pferdewette seines Rivalen: »Noch bevor ich das Ergebnis prüfe, fällt mein Blick auf Superdaddy und seinen eingeknickten Siegerarm. Was für ein göttliches Bild.«

Das ist nur ein Beispiel für inkonsequentes Erzählen. Positiv ausgelegt: Es ist dem literarischen Furor des jungen Strauß entwachsen, der sich für das große Ganze um Kleinigkeiten nicht kümmert. Frank Wedekind hat einmal gedichtet: »Aus der Sünde wächst Genuss.« Und so ist auch das Strauß-Debüt ein treffendes Buch über Unwägbarkeiten 30-jähriger Großstädter geworden. Sebastian Fischer

Simon Strauß. »Sieben Nächte«. Blumenbar. 144 Seiten. 16 Euro. ISBN 978-3-351 0504-12

Es gibt Bücher, die bräuchten einen Warnhinweis. Das jüngste Buch des französischen Piloten, Autors und Luftfahrtexperten Jean-Pierre Otelli ist so eines. Leser mit chronischer Flugangst sollten es vor dem Besteigen eines Verkehrsjets besser nicht lesen.

Denn der 1948 geborene Otelli seziert in seinem Buch »Der Absturz des Fluges Rio – Paris« mehrere haarsträubende Vorfälle im Cockpit, die das Vertrauen in die Flugsicherheit erschüttern könnten. Klar: Er konzentriert sich explizit auf Pilotenfehler – es ist bereits der fünfte Band seiner entsprechenden Serie; und somit blendet er bewusst aus, dass es noch nie in der Geschichte der Verkehrsfliegerei so wenige Unfalltote gab wie heute. Darum geht es ihm auch gar nicht.

Anhand von sechs konkreten Unglücken zeigt er vielmehr auf, wie verhängnisvoll das Zusammenspiel von verhältnismäßig unbedeutenden Zwischenfällen mit gestressten, müden oder auch nur in der Hierarchie-Falle verhafteten Besatzungen in der Katastrophe enden kann. Die ersten fünf Fälle führen in diesem Buch dabei geschickt zum Absturz des französischen Airbus 330-200 auf der Strecke von Rio de Janeiro nach Paris im Juni 2009. Die Auswertung des vollständigen Mitschnitts der Gespräche und Ereignisse im Cockpit von Flug AF lesen sich dabei wie ein Thriller – und machen noch immer sprachlos angesichts des unerklärlichen Totalversagens einer kompletten Cockpit-Crew. Bei dem Absturz waren alle 228 Menschen an Bord ums Leben gekommen.

Es versteht sich als ein Buch vom Experten für ein interessiertes Fachpublikum – das den Anspruch der Luftfahrtbranche ernst nimmt, zur steten Verbesserung der Flugsicherheit immer wieder aus Fehlern zu lernen. Sehr präzise geschrieben und auch für Laien verständlich erläutert, nimmt er auch dank der ausführlichen Mitschnitte der Gespräche im Cockpit Verschwörungstheorien den Wind aus den Segeln. Sie waren nach dem zunächst unerklärlichen Verschwinden des Air-France-Airbusses mit 228 Menschen an Bord ins Kraut geschossen. dpa

Jean-Pierre Otelli. »Pilotenfehler 5«. Broschur Editions JPO. 264 Seiten, 24 Euro. ISBN 978-2-37301060-2

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