25. August 2017, 15:50 Uhr

»Everland«

Überleben im ewigen Eis Im feinen Netz der Kasten Humorvoll ins Herz gebohrt

Dass die Finnen ein komisches Völkchen sind, ist hinlänglich bekannt. Ihr Humor ist sehr speziell, kommt aber durchaus auch außerhalb der Landesgrenzen an. Wie man aus einer originellen Idee eine herzerwärmende Familiengeschichte amüsant erzählen kann, das beweist nun Miika Nousiainen mit seinem Roman »Die Wurzel alles Guten«.
25. August 2017, 15:50 Uhr

Noch mehr als nur alle Leibeskräfte muss man wohl mobilisieren, um bei 30 Frostgraden mit Sturm und Eisregen auf einer gottverlassenen Antarktisinsel zu überleben. Wenn dann auch noch einer von dreien aus der Expedition krank, verletzt und wehklagend alle Hoffnung fahren lässt, wächst das Problem ins Unermessliche: Geben die anderen beiden den einen auf, um sich selbst zu retten?

Rebecca Hunt erzählt diese Geschichte in ihrem zweiten Roman »Everland« spannend wie einen Thriller, voller psychologischer Raffinesse und noch dazu in zwei Varianten. 1913 setzen Dinners, Miller-Bass und Napps, drei Männer von ganz und gar unterschiedlicher Natur, vom Expeditionsschiff »Kismet« auf eine noch nie von einem Menschen betretene Insel über. Mal eben nach ein paar Stunden im Beiboot Neuland entdecken, das Recht auf die Namensgebung für »Everland« in Anspruch nehmen und dann über Neuseeland ab nach Hause. Das ist der Plan. Nur dass mörderischer Sturm und Kälte samt diverser Fehler den Betriebsausflug der drei in einen immer hoffnungsloseren Kampf ums Überleben verwandeln. Können sie sich halten, bis die »Kismet« nach dem antarktischen Winter mit wieder fahrbarem Gewässer doch noch kommt, sie abzuholen?

Überwältigende Antarktis

Drei Polarforscher unserer Tage kennen die hundert Jahre alten Legenden, als sie selbst in die Wetterhölle der Antarktis auf Everland in genauso lebensbedrohliche Schwierigkeiten mit ähnlich verzwickten moralischen Alternativen geraten. Brix und Decker sollen mit ihrer Kollegin Jess Pinguine und Robben zählen sowie aus PR-Gründen den 100. Jahrestag der »Kismet«-Expedition begehen. Auch diese drei passen nicht so gut zusammen, auch hier geht viel auf immer dramatischere Weise schief, bis am Ende wieder die Frage zu beantworten ist, wer vor sich und anderen welche Verantwortung zu tragen hat.

Der kapitelweise Wechsel zwischen beiden Expeditionen funktioniert. Die 1979 geborene Hunt beschreibt die überwältigende Dramatik der Antarktis genauso abwechslungsreich und sprachlich lebendig wie die Konflikte der Menschen in dieser Hölle miteinander und mit sich selbst. »Everland« liest sich ohne mörderische Verbrecher mit derselben atemlosen Spannung wie ein Thriller aus der obersten Kategorie. dpa

Rebecca Hunt: »Everland«. Luchterhand Verlag, München. 416 S., 22 Euro, ISBN 978-3-630-87463-0

Manche Schriftsteller hätten nach einem sensationellen Debüterfolg möglichst bald das nächste Werk nachgelegt. Arundhati Roy hat sich 20 Jahre Zeit gelassen. Für ihren ersten Roman, »Der Gott der kleinen Dinge«, erhielt die indische Autorin 1997 den Booker-Preis. Der zweite, »Das Ministerium des äußersten Glücks«, ist gerade erschienen – und prompt auf der Longlist der 13 Kandidaten für die diesjährige Ausgabe der renommierten britischen Auszeichnung gelandet.

»Wer ›Der Gott der kleinen Dinge 2‹ erwartet hat, wird vielleicht etwas verdutzt sein, weil es so anders ist«, erzählt Roy der Deutschen Presse-Agentur in Neu-Delhi. »Darüber habe ich mir aber keine Sorgen gemacht, denn wenn ich die Sorte Mensch wäre, die die Erwartungen der Leute zu erfüllen versucht, hätte ich wohl nichts von dem geschrieben, was ich geschrieben habe.«

Im »Gott der kleinen Dinge«, der Geschichte einer Familientragödie im südindischen Dorf, in dem Roy aufwuchs, spielte die Ungerechtigkeit des Kastensystems eine große Rolle. Im neuen Roman kommen nahezu alle Formen der Ausgrenzung in Indien vor. Die Protagonisten sind Transgender-Frauen, Muslime, Angehörige niedriger Kasten und Unabhängigkeitskämpfer in Kaschmir.

»Im Westen wird Indien oft als kuschelige Demokratie beschrieben – ein bisschen wild und anarchisch und bollywoodhaft«, erklärt Roy. »In Wahrheit ist es das Gegenteil: Jeder lebt in einem sehr feinen Netz der Kasten.« Die Figuren ihres neuen Romans passen laut Roy nicht in die Maschen dieses Netzes – wie sie selbst: Als Tochter der geschiedenen Ehe einer Christin und eines Hindus sei ihr in ihrer Jugend immer gesagt worden, niemand würde sie jemals heiraten. »Wenn man außen vor ist, neigt man dazu, sich mit anderen zusammenzutun, die es auch sind.«

Keine Schreibblockade

Das machen die Charaktere des Buches in einer Pension, die eine Transgender-Frau auf einem Friedhof in der muslimischen Altstadt Delhis auf Gräber gebaut hat – das Jannat (Paradies) Guest House. Dort finden sie Zuflucht vor den Traumata, die sie verfolgen. Es sind zugleich die Traumata Indiens der vergangenen Jahrzehnte.

Roy erzählt anhand der Erlebnisse ihrer Figuren von diesen Tragödien – die Massaker an Tausenden Sikhs im Jahr 1984 aus Rache für die Ermordung der damaligen Premierministerin Indira Gandhi durch ihre Sikh-Leibwächter, die Pogrome gegen Muslime 2002 im Bundesstaat Gujarat nach dem Brand eines Zuges mit Hindu-Pilgern, die unschuldigen Opfer des Blutvergießens zwischen indischen Sicherheitskräften und muslimischen Kämpfern in Kaschmir, die Lynchmorde durch Hindus an Dalits (früher »Unberührbare«) und Muslimen wegen angeblichen Schlachtens von Kühen.

Im Hintergrund lauern stets die »Safran-Sittiche«, die Hindu-Nationalisten von Indiens heutiger Regierungspartei BJP, die Roy in Anspielung auf die Farbe von deren Bewegung so nennt. Premierminister Narendra Modi wird nicht beim Namen genannt, kommt aber als »Gujarats Liebling« vor, der als Regierungschef des Bundesstaates im Jahr 2002 den Mob zum Töten angestachelt habe. Beim »Aufstieg des Sittich-Reiches« – in Anlehnung an das Dritte Reich – werde jeder Nicht-Hindu als Dämon betrachtet, schreibt Roy.

Die 55-Jährige hat zwischen den zwei Romanen nicht etwa unter einer Schreibblockade gelitten, sondern zahlreiche Essays geschrieben – etwa gegen indische Atombombentests und US-Kriege sowie für die Unabhängigkeit Kaschmirs. Sie hat gegen die Vertreibung von Indigenen wegen des Baus eines Staudamms gekämpft und ist mit maoistischen Rebellen durch die Wälder Zentralindiens gelaufen. Sie wurde wegen angeblich anti-indischer Äußerungen mehrmals angezeigt und hat wegen Missachtung eines Gerichts einen Tag im Gefängnis verbracht. Das Magazin »Time« nannte sie 2014 eine der 100 einflussreichsten Personen der Welt.

Viele der politischen Themen, die Roy beschäftigen, fließen in das Buch ein, und Passagen davon lesen sich wie Streitschriften. Immer wieder kommt aber auch die Lyrik und der beinahe kindliche Humor, die Leser aus dem »Gott der kleinen Dinge« kennen, zum Vorschein – poetische Beschreibungen des mystischen Innenlebens der Natur, skurrile Vergleiche, schrullige Spitznamen. »Dies ist ein eindeutig experimentelles, stacheliges, gewagtes Buch«, sagt Roy.

Vor zehn Jahren seien ihr die Charaktere erschienen, und sie habe möglichst lange mit ihnen zusammenleben wollen, bevor sie sie in die Welt hinausschickte. »Manchmal fühlte es sich an, als würden sie bei mir zu Hause rumhängen, rauchen und ihre Meinungen kundtun.« Nick Kaiser

Arundhati Roy: »Das Ministerium des äußersten Glücks«. Fischer Verlag, Frankfurt. 560 S., 24 Euro, ISBN 978-3-10-002534-0

Hand aufs Herz: Wer sitzt schon gern auf einem Zahnarztstuhl? Auch den Werbefachmann Pekka Kirnuvaara zieht es erst in die Praxis, als die Schmerzen unerträglich werden. Überhaupt läuft es für Pekka gerade nicht so gut – im Job und in der Familie: Seine Frau hat ihn verlassen, die Kinder darf er nur selten sehen. Seltsamerweise trägt der behandelnde Arzt denselben ungewöhnlichen Nachnamen wie er. Und er hat auch noch die gleiche Nase. Doch auf bohrende Nachfragen Pekkas zückt Esko Kirnuvaara erst einmal genervt seine Bohrer, um der Zahnschmerzen Herr zu werden.

Nur widerstrebend willigt der ordnungsliebende Esko in ein Treffen mit dem chaotischen Pekka ein. Und beide stellen erstaunt fest, dass sie trotz ihres erheblichen Altersunterschieds wohl den gleichen Vater haben, der sich irgendwann in ihrer Kindheit aus dem Staub gemacht hat.

Was der 43-jährige Finne Miika Nousiainen nun auf 256 Seiten in »Die Wurzel alles Guten« erzählt, ist urkomisch und anrührend zugleich. Es ist bereits Nousiainens vierter Roman, doch der erste, der ins Deutsche von Elina Kritzokat übersetzt wurde. Eine wunderbare Geschichte einer einmaligen Familienzusammenführung, die ihre Kreise in der ganzen Welt zieht. Denn die ungleichen Halbbrüder machen sich nun auf die gemeinsame Suche nach ihrem verschollenen Vater – und finden dabei immer neue Geschwister. Bis nach Thailand und Australien führt die Reise – und je weiter sich die beiden vom kühlen Finnland entfernen, desto näher kommen sie sich. Der schräge Roadtrip mag ein wenig an den »Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand« erinnern, folgt jedoch seinen ganz eigenen Gesetzen.

Der Clou: Nousiainen hat die einzelnen Kapitel, die aus abwechselnder Perspektive mal von Pekka, mal von Esko geschildert werden, mit trockenen zahnärztlichen Anweisungen überschrieben, die genau den Nerv der jeweiligen Befindlichkeiten treffen und wohl beim Leser schmerzliche Erinnerungen an die letzten Zahnarztbesuche wecken dürften. So folgt auf das Kapitel »Öffnung – Aufbohren des Zahns. Der Zahnarzt muss an die entzündete Wurzel gelangen« logischerweise die »Reinigung des Wurzelkanals – Öffnung des Kanals zwecks gründlicher Reinigung und vollständiger Entfernung von Bakterien«.

Das hört sich alles schlimmer an, als es tatsächlich ist. Wenn auch Zahnschmerzen Pekkas ständiger Begleiter sind, der es im Übrigen mit der Mundhygiene nicht so genau nimmt, kann er sich glücklich schätzen, einen derart patenten Bruder zu haben, der nicht nur ihn, sondern am Ende gar die ganze thailändische Verwandtschaft von dieser Pein befreit.

Der finnische Autor versteht sich ganz ausgezeichnet aufs Fabulieren. Gern folgt man ihm auf dieser außergewöhnlichen Reise zu sich selbst, die einige erkenntnisreiche Weisheiten parat hält. Ein willkommener Stimmungsaufheller für die anstehenden trüben Herbsttage.

Miika Nousiainen: »Die Wurzel alles Guten«. Verlag Nagel & Kimche. 256 S., 20 Euro, ISBN 978-3-312-01038-7.

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