31. März 2017, 14:45 Uhr

Voller Vorfreude auf Frankfurt

31. März 2017, 14:45 Uhr

Beide kennen sich schon viele Jahre, sind befreundet. Beide sind erfolgreiche deutschsprachige Autoren; er ursprünglich aus Wien, sie aus Frankfurt. Beide sind jüdischen Glaubens, was sie besonders sensibel macht für die Stimmung in der Welt. Beide leben in Paris. Aber allzu oft treffen sie einander nicht: Zu unterschiedlich die beruflichen Herausforderungen, denen sie sich zu stellen haben. Nicht zu vergessen ihr Alter, ihre Situation auf der Lebensbahn. Er ist ein hellwacher Senior, dessen Papiere ihn als – man glaubt es kaum – 95-Jährigen ausweisen. Sie ist eine blühende Mittfünfzigerin und zählt derzeit zu den gefragtesten deutschen Intellektuellen, wenn jemand Antwort sucht auf aktuelle gesellschaftspolitische Fragen (vor allem zu Frankreich). Folglich war es für uns wie eine kleine Sternstunde, als wir sie dieser Tage im kleinen Obergeschoss des »Café de Flore« am Boulevard Saint Germain in Paris trafen zum ausgiebigen Gespräch – Georg Stefan Troller und Gila Lustiger.

Es gab keinen roten Faden für diese Runde; eingedenk der ausführlichen 2016er Abhandlungen, als Troller und Lustiger im Oberhessischen ihre jeweils neuesten Bücher vorgestellt hatten. Es ging im früheren »Arbeitszimmer« von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre vielmehr um eine frische Momentaufnahme, um eine Standortbeschreibung auf einem Weg, der – so Gott will – beide Autoren im Herbst nach Hessen führen wird. Bei der Buchmesse in Frankfurt ist Frankreich das Gastland, und da kann’s nicht schaden, wenn man als Parigot mit einem frischen Druckwerk aufschlägt.

Gila Lustiger treibt’s Schweißperlchen auf die Schläfen, wenn sie darauf angesprochen wird. Bis hierhin fehlte ihr schlicht die Zeit dafür, sich mit Manuskriptpapier und Schreibmaschine in ein Kämmerlein zurückzuziehen. »Ich fühle mich ein bisschen erschöpft.« Zum Treffen in Paris kam die Mutter zweier erwachsener Kinder eben aus Köln von der lit.Cologne, am Folgetag wollte sie nach Bordeaux (»… mit Kindern über Vorurteile reden«). Anschließend standen Reims, Madrid und Lyon im Kalender. Daneben klopfen Zeitungsredaktionen aus Deutschland an mit der Bitte, etwa zu Amerika und Trump Stellung zu beziehen oder zur Türkeifrage oder, oder, oder …

Ihr Blick geht daher zur Reißleine, die alsbald zu ziehen ist: »Ich muss meinen Roman schreiben!«

Welcher das wird, wissen wir seit der 2015er Verleihung des Robert-Gernhardt-Preises in Frankfurt am Main: Den hatte Lustiger erhalten für eben den im Entstehen begriffenen Roman »Die Entronnenen«. Darin zeichnet sie die bislang nicht erzählte Geschichte des Übergangslagers Zeilsheim und der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach. »Ganz ohne Pathos und fast ironisch«, so hatte die Jury damals gemeint, lote Lustiger die Vergangenheit aus und gehe dabei der Frage nach, »wie man nach der Shoah neu anfängt, wie Leben nach solchen Erfahrungen überhaupt noch möglich ist«.

Troller, den seine Ehefrau Kirsten und Freunde anglofon George nennen, hat, wie er meint, ein anderes Problem: Für einen deutschen Verlag soll er zusammen mit dem viele Jahre für den »Stern« in Paris tätigen Journalisten Claus Lutterbeck eine fotografisch illustrierte Anekdotensammlung über den Kunst- und Literaturbetrieb in der französischen Metropole erstellen. Das sei schwierig, habe er doch seinen gesamten Nachlass bereits der Deutschen Kinemathek in Berlin vermacht. »Ich bin verausgabt. Wenn du ein paar Anekdoten hast«, witzelte er zu Gila Lustiger hin, »dann schenk sie mir bitte. Aber nur solche aus den letzten 100 Jahren, weil ich dann behaupten kann, sie gekannt zu haben.«

Nun ja, noch kann der Altmeister von seinem gerade in zweiter Auflage bei Momoria erschienenen 224-Seiter »Unterwegs auf vielen Straßen. Erlebtes und Erinnertes« zehren. Das ist eine sehr gute Zusammenfassung eines intensiven Lebens, das sich indes deutlich genauer in der »Selbstbeschreibung« (1988, ergänzt 2009) nachvollziehen lässt. Überhaupt diese Biografie, an deren erstem Teil mit Verfolgung und Exil er sein Publikum erst sehr spät teilhaben ließ: War sie im Herbst über mehrere Wochen der Stoff für eine große Retrospektive in Berlin, so folgt nun in München eine Neuauflage. Das internationale Dokumentarfilmfestival zeigt in Trollers Beisein sieben ausgewählte Streifen, darunter »Muhammad Ali. Der lange Weg zurück«.

Im »Flore« kam die Rede natürlich auch auf Trollers schriftstellerisches Steckenpferd »Lettre international«. In dieser in Berlin und Paris erscheinenden Kulturzeitschrift hat er schon etliche Aufsätze und Interviews veröffentlicht, darunter eine bezaubernde Betrachtung seiner Arbeit für das von ihm kultivierte »Pariser Journal« (Heft 113). Sein jüngster Beitrag trägt den pikanten Titel »L’amour toujours«. Im Herbst hatte er sich mit Schauspielerin Hanna Schygulla und Schriftsteller Peter Stephan Jungk (»Die Dunkelkammern der Edith Tudor-Hart«) zu Plaudereien über Liebe und Liebesgefühle getroffen. Nur zu köstlich, was bei dieser etwas anderen »ménage à trois« zur Sprache kam im winzigen Garten hinter Schygullas Haus in der Nähe der Place de la Bastille. Kostprobe gefällig?

Die Fassbinder-Weggefährtin warf kurz ein, hinsichtlich »der Männlichkeit« entscheide sich »in Sekundenschnelle, ob dich jemand in dieser Hinsicht interessiert oder nicht«. Männer würden »besonders erregbar« zwischen fünfzig und sechzig, »weil sie denken: Nachher ist es vorbei«. Woraufhin ein lachender Troller anmerkte: »Neunzig ist die neue Sechzig.« Welcherart Sensibelchen der 95-Jährige tatsächlich ist, zeigt sich unter anderem in einer weit zurückreichenden Liebeserkenntnis: »Sieben Jahre Emigration, Internierung, Krieg. Um alles betrogen, was jugendliches Leben ausmacht. War man überhaupt noch liebesfähig? War man liebenswert? Und dann die Erlösung …« Wovon? »Vom jahrelangen Nicht-mehr-gefühlt-Haben.« (In voller Länge zu lesen in »LI« 115)

Zurück ins Hier und Jetzt. Gila Lustiger gibt uns und damit der werten Leserschaft dieser Zeitung eine aktuellen Köln-Kulturtipp mit auf den Weg. Das Museum Ludwig am Dom zeigt noch bis 14. Mai »Otto Freundlich. Kosmischer Kommunismus«, eine Retrospektive auf das Werk »eines der originellsten Abstrakten des 20. Jahrhunderts«. Der jüdische Künstler (* 1878) hatte von 1908 an in Frankreich gelebt und gearbeitet, unter anderem mit Picasso und Braque im »Bateau Lavoir« am Montmartre. 1943 war er von Kollaborateuren denunziert und – nach Internierung in Gurs – im KZ Lublin-Majdanek ermordet worden. »Endlich hat er die Schau bekommen, die ihm gebührt!«, freut sich die Schriftstellerin. (Hinweis dazu: Vom 10. Juni bis 10. September sind die Freundlich-Werke im Kunstmuseum Basel zu sehen.)

Bevor sich die Runde nach zwei Stunden langsam auflöst, stößt kurz Tilla Rudel hinzu, Kulturattaché Frankreichs in Israel, Autorin unter anderem von »Walter Benjamin. L’ange Assassine« (Der ermordete Engel) und eine gute Freundin von Gila Lustiger.

Die Welt ist irgendwie klein. Auch im großen Paris. Norbert Schmidt

Unlängst im »Café de Flore« am Boulevard Saint Germain in Paris: Schriftstellerin Gila Lustiger und der 95-jährige Journalist Georg Stefan Troller.

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