15. September 2017, 12:35 Uhr

Brücken zu Land und Leuten

15. September 2017, 12:35 Uhr
Wo Dordogne und Vézère sich treffen: Eine sanfte Flusslandschaft zum Träumen und Genießen. (Fotos: pi)

Der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen ist ein Lächeln. Diese chinesische Weisheit funktioniert auch am Stand für Trüffelöl und Entenleberpastete, zwischen dem französischen producteur hinter und der deutschen Touristin vor dem Verkaufstisch. Ein Stück Baguette wird in das Tellerchen mit Öl getaucht und in den Mund gesteckt – »ahh, délicieux!«, das ist wahr, beide Seiten nicken zufrieden. Ein Fläschchen wechselt den Besitzer, noch ein paar Tipps zur Verwendung und ein Brotscheibchen mit Foie gras, also Pastete. Vor dem Abschied die gemeinsame Bekräftigung der Tatsache, was für ein herrliches Fleckchen Erde das hier ist – und weiter geht es in den belebten Gassen. Es ist Markttag in Le Bugue, einem kleinen Städtchen im Département Dordogne – oder, wie die Franzosen sagen, im Périgord, was der geografische Name des Gebietes ist. Das Département ist Teil von Aquitanien, der südwestlichsten französischen Region. Der überaus kontrastreiche Landstrich gilt als kulinarisches Herz Frankreichs, reicht von den kargen Ausläufern des Zentralmassivs bis zu den von der Sonne verwöhnten Weinbergen des Bordelais. Geprägt wird er durch die beiden Flüsse Dordogne und Vézère, durch Hügel, Felder und verwunschene Wälder, durch Felsen und prähistorische Höhlen, Burgen sowie Dörfer und Städte wie aus längst vergangener Zeit. Zu viel für einen einzigen Urlaub – zu viel zu erleben und zu erschmecken allein schon zwischen Limeuil, Périgueux, Montignac und Sarlat-la-Canéda.

Brunos Welt

Dass wir hier sind, daran hat der schottische Bestsellerautor Martin Walker Schuld. Eine, die wir ihm sehr, sehr gerne vergeben: Mit seinen regionalen Kriminalromanen um den Polizisten Bruno und einem Kochbuch dazu hat er das Périgord, seine Menschen und seine Küche einer großen Leserschaft bekannt gemacht. Le Bugue ist nicht nur der Wohnort Walkers, sondern dient ihm als Vorbild für das fiktive Städtchen St.-Denis, in dem der smarte Chef de police seine Fälle löst, liebt – und natürlich kocht. Wir haben sie dabei, die Bücher – und schauen uns um in Brunos Welt.

Vis-à-vis des mittelalterlichen Dorfes Limeuil mit seinem Schloss und dem terrassenartig angelegten Park nehmen wir an vielen Abenden unseren Aperitif am Ufer der Dordogne, in der man so schön und unbedenklich schwimmen kann. Wir glauben gerne, dass die Ortschaft zu den schönsten Frankreichs gehört. Die Gemeinde mit rund 340 Einwohnern erhebt sich genau dort auf einem Hügel, wo Dordogne und Vézère zusammenfließen und von einer Doppelbrücke überspannt werden. Unzählige solcher Dörfer und Städte gibt es hier im Umland, eines pittoresker als das andere, mit so mittelalterlicher Anmutung, dass man nur die Bistro-Stühle hereinholen müsste und sofort einen Mantel-und-Degen-Film in den Straßen drehen könnte. Als die Dämmerung die abendlichen Sonnenstrahlen ausblasst, den Konturen die Farbe nimmt, senkt sich fast vollkommene Stille über das Land, das auch tagsüber der im 21. Jahrhundert üblichen Hektik ein gemächlicheres Lebenstempo entgegenzusetzen scheint.

Wir lassen uns also treiben, über Landstraßen, in kleine Geschäfte, zum Café an kleine Tische auf den Plätzen. Unerlässlich: Die Brücken. Überall, und oft uralt, steinerne Zeugen der reichen Vergangenheit. Sie führen zu den Menschen, die hier zu Hause sind – ganz nahe heran an ihre Lebensweise. Und immer wieder ist es das Kulinarische, das zum Gespräch führt, Begegnung ermöglicht. Ja, wir haben die Burgen von Beynac und Castelnaud an der Dordogne besichtigt, wo sich im 100-jährigen Krieg Franzosen und Engländer blutigste Schlachten lieferten. Das Périgord liegt zwar mitten in Frankreich, kam aber durch die Heirat von Eleonore von Aquitanien, die den englischen König Heinrich II. heiratete, im Mittelalter viele Jahre unter englische Herrschaft. Nachvollziehen kann man den großen Kampf auf der Burg – aber mindestens ebenso lang haben wir uns im Museum für Nussverarbeitung und der dazugehörigen Mühle am Fuße des Schlosses Castelnaud aufgehalten. Ein köstliches Elexier, in der Steinmühle gemahlen und danach schonend geröstet, das sowohl auf Brot, in der Salat-Vinaigrette, auf gedünstetem Gemüse und erst recht in den leckeren Nusstörtchen und -kuchen das Tüpfelchen auf dem i ist.

In der größten Weinhandlung der Region haben wir die köstlichen Tropfen probiert, die in der Nähe wachsen: Natürlich auch Montbazillac, der so gut zu Käsesorten wie Tomme aus Schafsmilch oder den Ziegenweichkäsen Rocamadour und Cabécou passt, letztere am liebsten warm und mit Honig aus der Region bestrichen. Gastfreundschaft findet man auch beim Mittagessen im Bistro um die Ecke, wo die Frau des Wirtes in einer winzigen Küche die herrlichsten Kreationen zaubert – für kleines Geld, mit Zutaten aus dem eigenen Garten und aus Nachbars Hühnerstall. Wir geben gerne zu: Die prähistorische Vergangenheit der Region, vor allem im Tal der Vézère mit ihren unzähligen Höhlen und Grotten, den Felsritzungen und -malereien, hat uns tief beeindruckt. Höhepunkt natürlich: Die Höhle von Lascaux, beziehungsweise ihre identische Nachbildung und das große Museumszentrum, das allein einen halben Tag des Verweilens verdient. Die vielen Zeugnisse vom kulturell reichhaltigen Leben des Cro-Magnon-Menschen, der diese Gegend vor 30 000 Jahren besiedelte, haben wir abends bei Baguette, gelben Bohnen und Lammhüfte Revue passieren lassen. Und dabei längst gewusst: Wir kommen wieder. Allein schon wegen der kleinen Sahnetörtchen... Annette Spiller

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