Meine Freundin schwört darauf. »Da muss ich mich endlich mal um nichts kümmern«, sagt sie, die daheim in Rüdesheim ein Weingasthaus führt. Wenn ihr Hotel ab Weihnachten für wenige Wochen schließt, geht sie seit Jahren mit ihrer Familie auf große Fahrt. Anfangs mit den Kindern, die stets ihren Spaß hatten, erkundet sie heute mit ihrem Mann die Welt der Karibik und Kanaren. Was reizt zwei Millionen Passagiere pro Jahr in Deutschland – so die jüngsten Zahlen –, ihren Urlaub auf einem Kreuzfahrtschiff zu verbringen?

Ich gebe zu: Meine Vorurteile haben sich manifestiert. Zu viele Menschen an Bord – lässt sich da überhaupt Ruhe und Erholung finden? Fühlt man sich nicht eingesperrt an einem Seetag, wenn das Schiff nicht verlassen werden kann? Überhaupt: Immer nur essen und kaum Bewegung – das kann doch nicht gesund sein!

Doch die Kreuzschifffahrt boomt. Immer mehr deutsche Reiseveranstalter springen auf diesen lukrativen Dampfer auf, bauen gar eine eigene Flotte auf, die mit immer größeren, bequemeren Kreuzern die Gäste an Bord locken sollen. TUI schickt »Mein Schiff« auf hohe See, A-Rosa hat sich auf die Erkundung per Fluss spezialisiert, und längst ist es im Zuge der Globalisierung für den Laien undurchschaubar, welche Reedereien weltweit miteinander verbandelt sind.

Zu den Pionieren in Deutschland zählt zweifelsfrei ein Unternehmen aus Rostock, das nach der Wende an eine Vision glaubte. Als zwei Investoren 1993 die »MS Arkona«, das einzige Kreuzfahrtschiff aus DDR-Zeiten, nach der Abwicklung der Deutschen Seereederei übernahmen, konnten sie kaum ahnen, welchen Trend sie damit auslösten. »Ich wollte immer etwas Besonderes machen«, bekennt Michael Thamm in einem Film, der die unglaubliche Geschichte der »AIDA« anschaulich dokumentiert.

Die bahnbrechende Idee: Cluburlaub auf einem Schiff. Diese Art von Schiffsreisen, die bislang den Ruf des Gediegenen und Betulichen hatten und den Wohlhabenden vorbehalten waren, gab’s nie zuvor. Kein Krawattenzwang mehr beim Abendessen: Es sollte leger an Bord zugehen, die Passagiere sollten sich wohlfühlen, ihnen viel Abwechslung in der Freizeit geboten werden. Eine finnische Werft in Turku erhält 1994 den Auftrag, für 300 Millionen D-Mark innerhalb von 22 Monaten ein neues Schiff zu bauen.

Und tatsächlich: Am 7. Mai 1996 hieß es »Leinen los« in Turku zur Fahrt in den Heimathafen nach Warnemünde. Keine Geringere als Christiane Herzog, die Frau des damaligen Bundespräsidenten, taufte die »AIDA« einen Monat später. Der Name – der ist der gleichnamigen Oper von Giuseppe Verdi entliehen, die er zur Eröffnung des Suezkanals 1869 komponierte. Noch ein Markenzeichen wurde von den alten Ägyptern inspiriert: Sie haben ihre Boote mit Augen versehen, weiß Felixs Büttner, der das unverwechselbare Logo der »AIDA«-Flotte einst kreierte. Der Künstler zeichnete damals mutig den »größten Kussmund der Welt«, der jedes der inzwischen zwölf Schiffe der »AIDA«-Flotte unverwechselbar macht.

Es lief nicht alles rund von Anfang an. Die erhoffte Buchungswelle blieb aus, das Unternehmen musste sich schließlich mit Carnival Cruises einen starken Partner suchen. Doch heute sprechen die Buchungszahlen eine überzeugende Sprache. Als sich die Verkaufsleitung entschloss, erstmals eine 116-tägige Weltreise anzubieten, war diese ruckzuck ausverkauft. 60 verschiedene Routen mit 200 Häfen finden sich im Angebot. Und mit der »AIDAperla«, die gestern in Palma de Mallorca von Model und Moderatorin Lena Gercke getauft wurde, sticht nun ein schwimmendes Hotel der Superlative ins Mittelmeer.

In 1643 Kabinen bietet es komfortablen Platz für 3200 Passagiere, dazukommen gut 900 Mann Besatzung. Kapitän an Bord ist Boris Becker, der optisch so rein gar nichts mit seinem berühmten Namensvetter gemein hat. Ein Seebär, wie er im Buche steht. Es sei ein »sehr emotionales Projekt, eine Traumberufung, ein neues Schiff zu übernehmen«, versichert der Wahl-Bremer, der vor 37 Jahren im nordrhein-westfälischen Hattingen geboren wurde und nun vor allem eins ausstrahlt: Ruhe und Gelassenheit. Im japanischen Nagasaki übernahm er den mächtigen Dampfer von 300 Metern Länge und 38 Metern Breite, den er sicher in europäische Gewässer steuerte. Auf den Testfahrten, die über Neapel und Genua nach Palma de Mallorca führen, »bekommt das Schiff nun eine Seele«, meint der Zwei-Meter-Mann, und die Besatzung könne sich auf die Gäste einstimmen.

18 Stockwerke ragt die »AIDAperla« in den Himmel, ohne Decksplan geht man verloren auf diesem riesigen Luxusdampfer, auf dem jeder locker 10 000 Schritte pro Tag zurücklegen kann. 18 Bars und zwölf Restaurants sorgen dafür, dass hier niemand verdursten oder verhungern muss. »Ohne Ananas gibt’s keine Kreuzfahrt«, weiß Küchenchef Günther Kroack. Drei bis vier Tonnen werden pro Woche verspeist, der Verbrauch von Wassermelonen schwankt mit den Außentemperaturen. Noch ein paar Zahlen gefällig? 196 Küchenangestellte verarbeiten rund 200 Tonnen Lebensmittel in zwei Wochen. Allein in den Büfett-Restaurants werden täglich 60 verschiedene Hauptgänge, zehn Suppen, 30 Desserts und 40 Vorspeisen offeriert. Und täglich werden 12 000 bis 14 000 Brötchen in acht verschiedenen Sorten frisch gebacken. Eine gigantische Hotelmaschinerie.

Auf gut 8000 Quadratmetern lässt sich die Sonne an Deck genießen – meist findet sich ein freier Strandkorb, in dem man ungestört ein Buch lesen kann. Und wer die absolute Ruhe sucht, der ist im 2800 Quadratmeter großen Spa-Bereich genau richtig. Hier verwöhnt Andrea Wagner mit ihren goldenen Händen verspannte Gäste. Nachdem sie fünf Kinder großgezogen hat, beschloss sie mit 53 Jahren, sich endlich die Welt anzuschauen. »Schon der Flug nach Singapur war ein Erlebnis«, schwärmt sie, die nun für ein halbes Jahr an Bord die Familie im Salzburger Land hinter sich gelassen hat.

Ihre Innenkabine teilt sie sich mit einer viel jüngeren Frau, die abends gern feiert, während sie schon um sechs Uhr den ersten Kaffee in der Morgensonne genießt. »Langsam respektieren sie mich«, sagt die Heiltherapeutin, die anfangs Probleme mit ihrem Alter hatte. Die Crew ist jung. Viele Männer aus dem Service- und Küchenbereich stammen von den Philippinen, die Frauen kommen häufig aus Indien. Insgesamt arbeiten 38 Nationen an Bord. Wenn das Schiff im Hafen anlegt, hat auch Andrea Wagner vier Stunden Zeit, um sich die Stadt anzusehen. In Neapel bummelt sie fasziniert durch die Altstadt, gönnt sich eine Pizza im Freien. Fremde Länder und Städte sehen: eine einmalige Chance – da ist sich die sympathische Österreicherin sicher.

Marion Schwarzmann

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